Ludwig Anzengrubers sämtliche Werke: Bd. Ländliche Schauspiele (Google eBook)

Front Cover
A. Schroll & Company, 1922
0 Reviews
  

What people are saying - Write a review

We haven't found any reviews in the usual places.

Popular passages

Page 306 - Habitués des Burgtheaters, welche die nur erst leise berührte Pointe jeder Szene auf der Stelle verstehen und die ganze Szene schon, wie der Börsenmann sagt, eskomptieren, ehe sie noch enthüllt ist? Nein, es ist wirklich das sogenannte Volk, welches da oben sitzt und sich so verständnisinnig wie rasch verstehend äußert, wo nur von gemischter Konfession, von gemischter Ehe und von einer aufdämmernden Notwendigkeit der Priesterehe die Rede ist.
Page 306 - Volksstücke einverleibt werden und weil neben unverarbeiteten Abstraktionen Szenen von blutvollem, echtem Talente zum Vorschein kommen. Durch diese talentvollen Szenen werden Übergänge ermöglicht, welche kein Verstand der bloß Verständigen zu finden wüßte und welche eben nur dem kräftigen populären Naturell erreichbar sind.
Page 307 - Volke auf diesen Galerien. Und zweitens, daß die oft gebrauchte Phrase von der Macht des Theaters keine bloße Phrase ist und daß die Bühne eine unmittelbare Macht ausübt, wie sie selbst der Schrift kaum erreichbar sein mag. Diese Macht der Bühne ist natürlich da am größten, wo ein Stüdc die Gegenwart darstellt und Gedanken, Fragen, Wünsche der Gegenwart berührt, ja behandelt. Das geschieht in diesem .Pfarrer von Kirchfeld...
Page 306 - Das ist ja eine ganz merkwürdige Aufführung, welche da allabendlich im Theater an der Wien stattfindet, die Aufführung des Volksstückes ,Der Pfarrer von Kirchfeld' ! Ästhetisch merkwürdig und politisch merkwürdig.
Page 311 - Grenzen. Das .Volksstück', wie es sich nennt, verlangt eigentlich eine größere Behaglichkeit in der Ausbreitung seiner Teile, so wie das Volk selbst ein breiter, mannigfaltiger Begriff ist. Daß es dennoch ein Volksstück geworden, und zwar das gediegenste seit einer Reihe von Jahren, das verdankt es seinem Thema, welches offenbar die Seele des Volkes berührt; das verdankt es ferner dem edlen, moralischen Ernste, welcher die Seele des Verfassers vollständig ausfüllt, und das verdankt es endlich...
Page 311 - Der Verfasser dieses merkwürdigen Stückes — auf dem Zettel „Gruber" genannt — soll Anzengruber heißen und schon eine große Anzahl von Stücken abgefaßt haben, welche sämtlich an der Schwelle der Theater abgewiesen worden sind.
Page 311 - ... natürlicher Menschen das ganze Heft in die Hand nehmen kann, da wirkt der Dichter allerliebst. Er hat also, wenn seine Fähigkeit voll entfaltet werden soll, sein Augenmerk darauf zu richten, daß die Komposition all ihre einzelnen Bestandteile in wärmere Berührung miteinander bringe. Dieser Graf Finsterberg zum Beispiele erscheint jetzt bloß in der ersten Szene; wir sehen ihn nicht wieder. Er erscheint wie ein bloßer Wegweiser. Wenn wir sein gegnerisches Treiben und das des Schulmeisters...
Page 312 - Finsterberg wird das Stück im Dialekt gesprochen. Mir ist es zuweilen vorgekommen, als ob das Stück ursprünglich nicht in solcher Ausdehnung im Dialekt geschrieben sei. Es kommen Wendungen und Ausdrücke vor, welche wohl nicht dialektmäßig sind. Jedenfalls wäre es den hochdeutschen Theatern zu wünschen, daß sie auch mit Stücken gesegnet würden, welche unsere lebendigen Interessen in wahren Ausdrücken behandelten. Der Ver7« fall des Theaters liegt gewöhnlich darin, daß Schauspieler wie...
Page 306 - ... eskomptieren, ehe sie noch enthüllt ist? Nein, es ist wirklich das sogenannte Volk, welches da oben sitzt und sich so verständnisinnig wie rasch verstehend äußert, wo nur von gemischter Konfession, von gemischter Ehe und von einer aufdämmernden Notwendigkeit der Priesterehe die Rede ist. Noch mehr: Es bedarf gar nicht der Rede; eine Pause, ein Blick, das unscheinbarste mimische Zeichen genügt diesen Galerien, sie sprechen die Sache aus, ehe sie auf der Bühne ausgesprochen wird.
Page 312 - Verfall des Theaters liegt gewöhnlich darin, daß Schauspieler wie Publikum von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit abgedrängt werden. Die Künstlichkeit macht sich dann breit, und es gelten Komödianten für talentvolle Darsteller, welche keinen Hauch von Unmittelbarkeit besitzen. Die Aufführung obigen...

Bibliographic information