Die geistliche dichtung des mittelalters, Volume 3, Part 1 (Google eBook)

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W. Spemann, 1888 - German poetry
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Popular passages

Page 279 - Nachdem er sein gebet vollendet, sah er eine frau von dem altar auf sich zukommen, herrlich gekleidet: auf den kleidern standen in goldenen buchstaben sechshundert ave Maria geschrieben. Das gewölbe ward plötzlich lichterfüllt. Maria grüßte das kind und sprach 'für die kleider, die du mir gegeben, gewähre ich dir eine bitte, die dein herz begehrt.' Er antwortete 'ich habe euch zwei tage um zwei schuhe gebeten und sie nicht erhalten: wie würdet ihr mir größeres gewähren? Sie forderte ihn...
Page 279 - ... fastete er bei wasser und brot. Einstmals kam das fest der wurzweihe, bei welchem die schüler im chore singen musten. Nun war es damals, wie noch heute, in den domen sitte, daß kein schüler barfuß den chor betreten durfte. Der schüler aber war so arm, daß er kein paar schuhe hatte. Dennoch gieng er, aus liebe zu Maria, am abend vorher zur vesperzeit in den chor. Als der schulmeister ihn erblickte , trieb er ihn hinaus. Am andern morgen , als die domherren alle auf den chor kamen, gieng...
Page 279 - Maria um zwei schuhe gebeten und dachte 'vielleicht bemerkt man dich nicht.' Aber einer seiner müschüler verrieth ihn und er muste abermals aus dem chore weichen. Traurig gieng er nebenan in ein finsteres gewölbe und klagte Marien , daß • sie ihm die schuhe versagt habe. Er wiederholte sein gebet, aber auch jetzt blieb es unerhört. Da sprach er 'wenn du mir auch versagst, so will ich dir dafür mit hundertfacher gabe lohnen und dich vom scheitel bis auf den fuß kleiden...
Page 279 - Der inhalt ist folgender : In einer stadt, wo ein bistum war, lebte ein schüler, der frühe seinen vater verloren. Er gieng in die schule und behielt gut, was er gelernt hatte. Sein sinn richtete sich hauptsächlich auf den dienst der heiligen Jungfrau, und wo er ein bild von ihr sah, da sprach er sein paternoster und ave Maria. An ihren vier jährlichen festen fastete er bei wasser und brot. Einstmals kam das fest der wurzweihe, bei welchem die schüler im chore singen musten. Nun war es damals,...
Page 279 - wenn du mir auch versagst, so will ich dir dafür mit hundertfacher gabe lohnen und dich vom scheitel bis auf den fuß kleiden' Er sprach hundert ave Maria: 'die habe dir für die zwei mir versagten schuhe...
Page 292 - Annominatiouen von Frau, froh und Freude. ,Freuc dich, Fraue, des Kindes in der Krippe, sei glücklich und froh — doch was mahne ich dich, du bist ja so. Sättige mit Freuden dein Herz, hals ihn und küsse ihn Tag und Nacht, leg ihn an deines Herzens Grund, drücke an ihn alle Zeit deiner Seele Mund, empfange aus seinem Munde die Süssigkeit, die aus seinem süssen Munde geht.
Page 292 - Leichnam ihr geben; sie will von neuem grüsscn das Herz, die Hände, die Füsse, sie will alle Wundenhöhlen mit ihren Thränen erfüllen. Der Dichter schliesst den Abschnitt mit dem Gebete: er hat den Schmerz mit Maria gefühlt, auch sein Herz sei nicht ganz geblieben, seine Wangen von Thränen nass geworden; nun möge sie ihn auch ihre Freuden schmecken lassen, nachdem die Bitterkeit überwunden. Hierauf schildert er die Freuden Mariao mit vielen Annominationen von Frau, froh und Freude.
Page 293 - ... Gedichtes setzt nun breit aus einander, in welcher "Weise sie diese Chöre übertrifft. Dann werden allegorisch die Kleider beschrieben, die sie trägt, die neun Edelsteine ihrer Tugenden, die zwölf Sterne ihrer Krone. Das Ganze läuft in Bilder himmlischer Seligkeit und persönliche Anrufungen aus. Bei dem neunten Chor, den Seraphim, deren Amt die Liebe ist, führt er noch einmal die Jungfrau redend ein, sie selbst muss ihm schildern, wie sie trotz Moses, trotz Natur und trotz Gewohnheit dazu...
Page 293 - ... den Seraphim, deren Amt die Liebe ist, führt er noch einmal die Jungfrau redend ein, sie selbst muss ihm schildern, wie sie trotz Moses, trotz Natur und trotz Gewohnheit dazu kam, ihr Magdthum Gott zu opfern und ein Vorbild ehelosen Lebens zu werden: sie erzählt ihm — die Geschichte ihrer Liebe. Sie begehrte den Besten, den Schönsten. Das ist Gott allein: er ist der lebendige Brunnen, aus dem alle Schönheit fliesst, die er mildiglich über alle Creaturen giesst. So waren ihr alle Geschöpfe...
Page 293 - ... und wird nicht gesund, bis er sie küsst auf ihren Mund. Endlich eilt er ihr entgegen und führt sie in den Himmel ein, wo sie über alle neun Chöre der Engel gesetzt wird. Der Rest des Gedichtes setzt nun breit aus einander, in welcher Weise sie diese Chöre übertrifft. Dann werden allegorisch die Kleider beschrieben, die sie trägt, die neun Edelsteine ihrer Tugenden, die zwölf Sterne ihrer Krone. Das Ganze läuft in Bilder himmlischer Seligkeit und persönliche Anrufungen aus. Bei dem neunten...

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