Wohlwollens. Die zarte Schonung fremder Ehre und die Erhaltung ihres Vertrauens bei den Menschen flöfst diesen Kraft zum Handeln ein. Es gehört daher zu den muthigen Handlungen des Helden« inuths Verkannte zu rechtfertigen und zu entschuldigen, und die verdanimliche That zu scheiden von ihrer Triebfeder, die Gpft nur kennt. Dem Menschen sind wir endlich eine ehrliche Behandlung schuldig. Die Ehrlichkeit verräth sich i) in der graden Offenheit, die weder Ausplauderung noch Grobheit ist. Besonders mufs sich eine zarte Rüksichl auf besondere menschliche Bedürfnisse dazu linden. Sie verräth sich 2) in der Gerechtigkeit, welches wir fremdem Eigenthum und fremden Erwartungen von unserm Worte schuldig sind.

Diese Ehrlichkeit aber kann auf mannichfache Weise'beleidigt werden, Iheils durch Veruntrau-ung des anvertrauten Gutes, Iheils durch Treulosigkeit in der Erfüllung eines gegebenen Wortes, theils durch Betrug. Schon der Wortbrüchige wird eum Betrüger.

IL Pflichten fremder Erhebung.

Die Pflichten der Naturerhebung in Andern sind theils Pflichten der Förderung fremder Freiheit, theils Pflichten der Förderung fremder -Tugend.

Zuerst soll der Mensch die Freiheit der Gei-* st er erhöhen, mithin sie nicht schwächen, noch hemmen, vielmehr ihre Erregung und Eulwickelung befördern.

Die Dertkfreiheit kann nicht erlaubt, sondern nur anerkannt, geregelt und zwekmässig befördert werden, damit sie nicht in Freidenkerei ausartet. — Als blos passive Duldung würde die Toleranz keinen Wertb haben, und sie darf daher nicht falsche Nachgiebigkeit seyn, sondern sie mufs vielmehr frei» Gerechtigkeit gegen fremde Meinungen und ihre Aeusserungen ausmachen. Gegen irrige Meinungen aber und gegen schlechte Grundsäzze gibt es keine Toleranz, und in dieser Hinsicht ist der sittlich« "Mensch der intoleranteste. Wohl aber wendet sich die Gerechtigkeit hin auf die reine Quelle fremder Denkarten.

Uebrigens hat die Toleranz, in ihren verschiedenen Arten, auch ihre Grade. In einem noch vorhandenen und fortdauernden Zustande der Unmündigkeit mufs der Lein er mehr eingreifen, damit der Mensch nicht verwildere. So auch in ungebildeten Staaten, oder unter leichtsinnigen Völkern, wo nicht die Furcht, sondern eine weise Erziehungsmaxime einschränke.

Bei der Leibeigenschaft als der einen Art von Beschränkung persönlicher Freiheit, in welcher der Körper zum fremden Besiz wird, kann noch 'gesezmässige Einschränkung und Erhaltung der Per. sönlichkeit bestehen. Dann läfst sich Such von' Seiten der Moral nicht dagegen sprrchen, indem JA Jeder in der Gesellschaft lÜwas für das allgemeine Beste aufopfern mufs. In der Sclaverei aber, der zweiten Art, ist selbst die Person beherrscht, und das Individuum als Willenloses behandelt, was die Moral verbietet. Die Herabwürdigung des Menschen zum Thier verlezt das sittliche Gesez.

Die Tyrannei beherrscht Andere durch geheime oder offenbare Gewalt nach Willkühr, und spricht sich dadurch ihr Urtheii selbst.

Unter den Folterungen und Kränkungen, durch Welche Andre gemifshandelt werden, stehen:

i) der Neid. Dieser vergleicht sein Geschik mit Glüklichern und empfindet Verdrufs über fremdes Wohlbefinden, sogar über dasjenige, welches dem Unsrigen nicht Abbruch thut. Nur seilen ist er gerecht, nur selten gegründet. Des innern Unwillens über das Glük der Unwürdigen, kann sich der Mensch nicht erwehren, allein er soll sie nicht um ihre Selbsttäuschung, um ihr Glük beneiden.

Der Mensch soll Sieger über alle Arten von sinnlichen Regungen werden, also auch seinen Werth nicht' durch Andre und neben Andern erwarten, sondern einzig durch Vergleichstellung seiner Maximen mit dem Pflichtgesezze; er soll den innern .Werth nicht durch das äussere Wohlseyn schäzzen, vielmehr das fremde Glük auf das eigne Gemüth einwirken lassen. Beneidenswürdig ist daher für den Sittlichen keine Glükseligkeit, auch selbst nicht das Wenigbedürfen des Zufriedenen. Nichtswürdig bleibt jeder Neid, denn als Affect hat er die Schwäche der Grämlichkeit und Selbstpeinigung bei sich, als Leidenschaft das Schändliche der Zerstörung des fremden Glüks. Der Gute will nicht grofs seyn durch Kleinheit. .... , : '... .'

2) Undank. Dieser ist entweder Unerkenntlichkeit, welche die \chtung, zu der wir gegen den WohllliSter verpflichtet sind, nicht leistet; oder sio ist Undankbarkeit, welche sogar feindlich verfährt. , Wenn auch der Mensch Andern nicht beschwerlich werden soll durch Entgegenkommen, so soll er dennoch auch nicht verleugnen, verpflichtet zu »eyn. Alle sind wir nemlich Schuldner. Jenes aber vergifst dir Undank, und er kann als Verachtung der Pflicht nur zuwider seyn, als Auflösung aller Verbindlichkeit empören.

Die dem Undank entgegenstehende Pflicht ist die der Dankbarkeit, d-i« die Acht urig einer Person wegen erzeugter Wohllhateu. Dies« liegt nicht in der Klugheit des Eigennuezes, vielmehr in dem heiligen Bewufstseyn der Verpflichtung, welche nicht beschrankt oder gar aufgehoben werden kann durch Gegendienst. In jeder Wohlthat aber fiuden wir eine Gelegenheit den Glauben an Menschheit zu stärken, und das Wohlwollen in uns zu erhöhen. Der Mensch ehre daher die Wohllhaten nicht blos mit Worten,' sondern das ganze Betragen sey Wohlwollen , entfernt von genauer Berechnung und Verhältnifsbestimmung zu der Wohlthat. Ist er einem Menschen Dankbarkeit schuldig, der nicht selbst gut heissen kann, so ehre er auch ihn schweigend. Vorzüglich sey die Dankbarkeit gegen die ersten Wecker unsers Geistes lege, gesezt auch wir überträfen sie späterhin.

Für eine so heilige Pflicht hat der Mensch nöthig die Empfänglichkeit zu erhalten, und diese erhält er a) durch Enthalten von grübelnder Untersuchung tiber die Gründe der That; b) durch den Gedanken, dafs der Gerettete nur durch die schöne Tugend der Dankbarkeit seine Würde behaupten kann; c) durch Erinnerung an die vorausgegangenen Schiksale. v

3) Schadenfreude —- Vergnügen am Unglücke Andrer. Das Naturgemässe, durch welches wir unser Wohl im Gegensaz des fremden Unglüks tiefer lühleu, artet in unsittliches aus, wenn entweder der Dünkel auf eignen bessern Zustand, oder Stolz auf sein Wohl bei Andern uns empört. Allein hier spricht die Vernunft gegen die Freude, wie gegen jeden Hafs.

4) Vorwizzige Neugier. Diese verräth ein Leben ausser sich und eine Sucht der Ausspähung, die dem Eigennuzze nur eigen seyn kann.

- 5) Muthwillige Neckerei und Verhöhnung. Schon der unschuldige Scherz fordert Vorsicht, und der Gegenstand selbst mufs Wriz vertragen, sonst ist es Entweihung, das Ernste spielend zu verkleinern. Gebrechen am Körper lächerlich machen, zeugt von geringer Achtung; die Preisgebung Andrer zum Gelächter wird zum Hohn, welcher, gleich der Tadelsucht, die Achtung verlezt, abgesehen von, der Kränkung, die sie bewirkt.

6) Falsche Nachrede und Verläumdüng, welche Andrer Ehre und Verdienst zu schwärzen sucht. Schon in der Erwähnung von, fremden Fehlern und Schwächen kann sich die Eigenliebe gefallen und da, ohne bösen Wrillert$ schaden. Wird aber das Verweilen bei fremden Flecken zum absichtlichen, so verräth dies Leichtsinn und schwache

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