dition dann auch schließlich Mitglieder, welche ihre Aufgabe voll eigener Initiative erfaßt und ausgestaltet haben und sich dabei des großen Zufammenhangs bewußt blieben.

Schon bevor die Expedition gesichert war und in gelegentlicher Mitwirkung an ihrer Entstehung hat mir Ernst Vanhöffen zur Seite gestanden. Das Fach seiner Wahl und besonderen Tätigkeit war die Zoologie, doch daneben übernahm er in der Expedition die Botanik, für welche er kaum ein geringeres Interesse und jedenfalls nicht geringeres Geschick und Kenntnisse hatte. Somit den ganzen biologischen Teil der Expedition in seinen Händen zu wissen, war mir schon bei den Arbeiten für ihre Entstehung eiue Entlastung

gewesen und bei der Durchsührung später stets ein Ruhepunkt, an welchem aufsteigende Bedenken um das Gelingen unseres Strebens vergingen und Besriedigung fanden.

Ernst Vanhöffen ist am 15. November 1858 zu Wehlau in Ostpreußen geboren als der Sohn eines Vaters, dessen ausgedehnte Beziehungen in einem der wichtigsten Teile des dortigen Erwerbslebens, dem Getreidehandel, die Provinz überzogen, und als der Sohn einer Mutter, deren lebhafte Natur und Frohsinn auf ihn übergegangen war. Frühzeitig hatte er sein Interesse auf die Natur gerichtet und bald in Sammlungen von originalem Wert betätigt; naturwissenschaftliche Studien, zunächst geologischer, dann mehr biologischer und vor allem zoologischer Art hatten ihn seit dem Iahre 1878 auf der Universität Königsberg und ein Semester in Berlin gesesselt, wobei er auch den Wert und den Inhalt eines fröhlichen Studentenlebens in sich aufgenommen hatte; und auch alles, was er aus den Studien aufnahm, wurde erlebt. Die Anschaunng galt ihm mehr, als das Wissen ganzer Folianten, ohne daß er deren wirklichen Inhalt darum weniger schätzte; er mußte aber selbst sehen und sammeln, und erst durch die eigene Anschaunng gewann ihm das Wissen anderer Leben und Form. Dadurch blieb er vor Einseitigkeit bewahrt; denn alles, was die Natur ihm zeigte, wurde mit dem gleichen Interesse erfaßt, fodaß er in der Expedition auch bei geologischen Studien und Sammlungen ein kundiger Mitarbeiter war, wie bei den Fächern seines speziellen Beruses.

Diese Freude des Schaffens in der Natur hatte ihn in der Iugend durch seiue Heimatgefilde getrieben und weiterhin durch die Gegenden, in denen er lebte; sie brachte ihn für den Winter 1889/9N nach Neapel, wo er durch Arbeiten auf der dortigen Station eine Vanhöffen. 27

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weitere Grundlage für seine später der Meeresfauna zugewandten Studien gewann; sie trieb ihn nach Kiel, wo er mit der Planktonforschung verwuchs, vorübergehend auch nach Rovigno zu der dortigen zoologischen Station, zur Teilnahme an der Grönlandexpedition der Berliner Gesellschaft für Erdkunde, welcher Sammlungen von bleibendem Werte und ein anerkanntes Werk über die Fauna und Flora Grönlands entstammten, fodann zur Deutschen Tiesseeexpedition auf den besonderen Wunsch ihres Leiters und ebenso zu der Südpolarexpedition auf den meinigen hin.

Ob Ernst Vanhöfsen bei diesem Wanderleben Stellungen in der Heimat entgingen, kümmerte ihn wenig, da er anspruchslos gegen die Äußerlichkeiten des Lebens nur in vielseitiger Forschungsarbeit und in deren lebensvoller Verwertung seine Besriedigung fand. So hat er sich erst spät durch Habilitation an der Universität Kiel den Grund für eine seste Stätte geschafsen und bald darauf auch die Ernennung zum Prosessor erfahren.

Das bei der Anlage der Expedition gehegte Vertrauen ist durch Vanhöffen im ganzen Umfang unentwegt gerechtsertigt worden. Wie es niemals in seiner Natur lag, Theorien zu bilden, ohne daß er vorher durch intensive Einzelforschung die genügende Anzahl von Bausteinen dafür zufammengetragen, und wie er diese durch unermüdliche Einzelarbeit suchte und fand, fo entsprach es auch nicht seinen Wünschen und Neigungen, für längere Zeiten Pläne zu machen. Aber den Augenblick nutzte er, wie es wenigen gegeben ist, und verstand jederzeit, aus den vielen Wechselfallen, wie sie eine Expedition mit sich bringt, das Beste zu nehmen und daraus Resultate zu ziehen. Die innere Besriedigung, welche ihm aus dieser Art des Schaffens erwuchs, übertrug sich auf sein Wesen und die Art seines Verkehrs. Sein Humor konnte selten versagen, seine Bereitschaft, anderen in ähnlicher Lage zu helsen, nie; und wenn er scheinbar den Eigenarten anderer nicht näher trat, sondern über ihre Versuche, sich im Leben zurecht zu finden, zunächst gern die ganze Fülle seines Humors ergoß, so konnte das doch keinen verstimmen, der den Kern seines Wesens kennen gelernt. So war Vanhöffen in der Messe das belebende Element, welches ost genug trüben Gedanken und Grübeleien wehrte, indem er Fragen aufwarf und verfocht, die er dann nicht immer zu dem ursprünglich erwarteten, aber doch zu einem Ende gesührt hat.

Als Arzt und Bakteriologe hat Dr. Hans Gazert die Expedition begleitet. Unter den besonders zahlreichen Bewerbungen um diesen Posten ist die seinige eine der ersten gewesen, indem sie schon vor der Sicherstellung der Expedition im Frühjahr 1898 erfolgt war; dieser Umstand hat bei seiner Berufung mitgewirkt, mehr aber seine frühere Lebensführung und entscheidend der bestimmte persönliche Eindruck, welcher mit den Nachrichten über jene auf den ersten Blick in vollem Einklang stand. In Harburg am 16. Mai 1870 geboren, in Koburg erzogen und in München für seinen Beruf gebildet und in ihn eingesührt, war in Gazert nord- und füddeutsches Wesen zu einem glücklichen Ganzen harmonisch vereinigt. Eine stille, in sich gekehrte Natur, jedem Schein und jeder oberflächlichen Äußerlichkeit abhold, bei allen Tatsachen aber, die an ihn herantraten, von ruhiger Energie, nie versagend, wo es in Kameradschaft für das Ganze oder für andere einzutreten galt. Unbedingtes Vertrauen gewann ihm die Treue, mit der er an seiner Familie, seinem Beruf und an den übernommenen Verpflichtungen hing. Zu der Expedition trieb ihn außer der Sehufucht, von der Welt und dem Leben mehr zu begreisen, vor allem ein frühzeitig entwickelter Sinn für die Natur, den er schon als Kind in Koburg in der Anlage geologischer Sammlungen zeigte und dann von München aus durch viele Wanderungen in den Bergen gepflegt hat. Hervortretend war auch seine technische Begabung, der er im Beginn seiner Studieu zunächst gesolgt ist, ehe er den ärztlichen Beruf wählte, in welchem hervorragende Lehrer und vor allem das Beispiel seines Vaters ihm Richtung und Wesen gegeben.

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Auf dieser Grundlage bedeutete Gazerts Teilnahme an der Expedition mehr als die des Arztes im besonderen Sinne. Was er als solcher geleistet hat, werden die Beteiligten in dankbarer Erinnerung halten; durch seine Sicherheit und seine Kenntnisse blieben wir in zwei Fällen vor schwerem Unheil bewahrt. Daß es aber zur Ausübung des ärztlichen Beruses verhältnismäßig wenig kam, ist nicht zum mindesten schon eine Folge seines Wirkens gewesen; denn indem Gazert vor der Ausreise die Proviantausrüstung der Expedition kritisch durchdrungen und systematisch geordnet hatte, wurde derselben eine Gestaltung gegeben, wie sie frühere Expeditionen noch kaum gehabt haben und die sich denn auch in allen wesentlichen Punkten glänzend bewährt hat. Dieses hat erheblich zu dem vorzüglichen Gesundheitszuftand beigetragen, dessen die Expedition sich erfreut hat, und dessen waren sich auch alle bewußt, mochten sie dieses oder jenes, was nicht nach dem jeweiligen Geschmack war, humorvoll beleuchten. Auch einen großen Teil der sportlichen Ausrüstung hatte Gazert beschafft, da er deren Handhabung von seinen Wanderungen im Gebirge her kannte, und er überwachte ihren Gebrauch und ihre Veränderung mit kundiger Sorgsalt, welche auch das Kleinste nicht vergißt, weil dies in der Entscheidungsstunde ost genug zentnerschwer in die Wagschale fällt.

So war Gazerts Wirken vielseitig und selbstlos stets auf das Heil des Ganzen gerichtet, zu dessen glücklichem Gelingen er dadurch wesentlich beitrug. Neben seinen besonderen bakteriologischen Studien und gelegentlichen physiologischen Beobachtungen fand auch manches andere Gebiet bei ihm wirksame Förderung und Interesse, besonders alle Arbeiten, welche auf die ihm von den Alpen her wohlvertraute Eiswelt gerichtet waren,

Nr, Haus Gazert.

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über welche er unter anderem eine große Reihe ausgezeichneter photographischer Aufnahmen unten im Süden gewann. Gesucht und gern gewährt war seine praktische Hilse bei dem Betrieb und der Verbesserung von Instrumenten, und bereitwillig übernahm er vor allem im Mai 1902 die Leitung des ganzen meteorologischen Dienstes, für dessen verständnisvolle und glückliche Durchsührung unter schweren Verhältnissen die Expedition ihm besonderen Dank weiß; auf der Rückreise fielen ihm nach dem Ausscheiden Dr. E. Philippis auch die chemischen Arbeiten zu.

Die geologischen und chemischen Arbeiten der Expedition hatte Dr. Emil Philippi übernommen. Am 4. Dezember 1871 zu Breslau geboren, hatte Philippi seine Universitätsstudien in seiner Vaterstadt und in Straßburg i. Elf. vollendet und sodann als Assistent an den geologisch-paläontologischen Instituten zu Tübingen und Berlin fungiert; kurz vor der Ausreise der Expedition vollzog er seine Habilitation an der Berliner Universität. Durch seinen Studiengang und durch seine Reisen im Inlande und im europäischen Auslande, die sich daran schlossen, war Philippi mit Welt und Menschen viel in Berührung gekommen, hatte Anregungen genossen und sich innerhalb seines Fachs vor Einseitigkeit und allzu früher Spezialisierung bewahrt. So hatte er für Petrographie und Mineralogie das gleiche Verständnis wie für paläontologische Studien, und auch in chemischen Arbeiten war er bewandert.

Die Notwendigkeit der Teilnahme eines Geologen an der Expedition war von vornherein in Anbetracht der zu erwartenden Verhältnisse eines vielleicht gänzlich vereisten Landes vielfach bezweiselt worden: sie erschien aber gerechtsertigt, wenn der Geologe außerdem die Untersuchung der bei den ozeanographischen Arbeiten heraufkommenden Bodenproben und die chemischen Analysen übernahm. Für diese Kombination war Philippi geeignet, zumal er sich für die erstere Aufgabe noch durch eine gemeinsame mit Sir Iohn Murray vollzogene Untersuchung der von der Deutschen ValdiviaTiesseeexpedition heimgebrachten Bodenproben und für die letztere durch perfönliche Information bei den hierfür zuständigen skandinavischen Autoritäten vorgebildet hatte. Besonderes Interesse und Geschick hatte Philippi vor allem auch für photographische Arbeiten, sodaß er dieselben bei der Expedition dann in weitestem Umfang versah und diese ihm eine Fülle ausgezeichneter Ds, Emil philippi.

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Aufnahmen verdankt. Als während des langen antarktischen Winters geologische Arbeiten unausführbar wurden, widmete er sich mit Sorgsalt und mit Humor auch der Mitwirkung an dem meteorologischen Dienst.

Die erdmagnetischen und zunächst auch die meteorologischen Arbeiten sielen dem jüngsten wissenschaftlichen Mitgliede der Expedition, Dr.Friedrich Bidlingmaier, zu. Am 5. Oktober 1875 zu Lausen am Neckar in Württemberg geboren, genoß er auf den Stisten zu Maulbronn und Blaubeuren seine Schulbildung, studierte vom Stist aus zu Tübingen Mathematik und Physik, siedelte fodann zu dem gleichen Zweck nach Göttingen über und hat vor seiner Promotion, welche er im März 1900 kurz vor dem Eintritt in die Arbeiten der Expedition vollzog, eine Assistentenstelle an dem physikalischen Institut der technischen Hochschule zu Dresden verwaltet. Von dort siedelte er im Mai 1900 nach Potsdam über, um sich dort an dem erdmagnetisch - meteorologischen Observatorium ausschließlich den Vorbereitungen der Expedition zu widmen.

Der Erdmagnetiker der Expedition trat insosern in besonders schwierige Verhältnisse ein, als seine Arbeiten am meisten, wo nicht ausschließlich, auf instrumentellen Einrichtungen beruhen, die naturgemäß den bisherigen Erfahrungen entnommen waren, bei ihrer Anwendung im Südpolargebiet aber ebenso natürlich auf vielfache Schwierigkeiten stießen. Dazu hatte die Lebhaftigkeit der Wüufche, welche aus erdmagnetischen Kreisen für das Zuftandekommen einer Südpolarexpedition gehegt waren, mit dem Grade der Vorbereitungen in diesem Forschungsgebiet nicht ganz in Einklang gestanden. Über die Möglichkeit und die Mittel, die vorliegenden Wünsche zu besriedigen, war namentlich bezüglich der Beobachtungen auf dem Meere uoch keine genügende Auskunft zu erhalten gewesen. Es sehlte natürlich nicht an der Bereitwilligkeit, diese zu erteilen, wohl aber au Erfahrungen dazu, vielleicht auch etwas au dem Sinn für das Erreichbare.

Bei dieser Sachlage erforderten die erdmagnetischen Arbeiten ebensowohl ein auf gründlichem theoretischen Wissen beruhendes eindringendes Verständnis für ihre wesentlichen Zwecke und Ziele, wie das energische Wollen, diese durchzuführen, und beiden Anforderungen wurde Bidlingmaier in gleich ausgezeichneter Weise gerecht. Durch seinen Bildungsgang ist er zunächst mehr auf theoretische Arbeiten gewiesen gewesen; in sich

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vr. Friedrich Vidlingmaier.

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