sich noch in Schmidts Jahrbüchern:') „Das Aeussere des antihomöopathischen Archivs ist recht anständig."

Zur moralischen Vernichtung Hahnemann's sind in dieser Zeitschrift, welche nur persönliche Angriffe auf Hahnemann und seine Anhänger zum Zweck zu haben schien, auch angebliche Briefe von ihm bekannt gemacht. Nicht von einem Einzigen ist die factische Existenz verbärgt, wenn auch Simon die Redensart gebraucht, man könne die Originale bei ihm in Hamburg einsehn. Ein Mann, dem so viele absichtliche Unwahrheiten, und der Ausbruch der völlig entfesselten Leidenschaft nachgewiesen werden kann, entbehrt aller Glaubwürdigheit, und der gesammte Inhalt dieser tendenziösen Zeitschrift dient nur zum willkommenen Belege für die Höhe des gegnerischen Parteihasses, kann aber, und zwar ebendeshalb nie zu einem Beweise gegen Hahnemann oder die Homöopathie benutzt werden. Fast sämmtliche angeführten „Thatsachen", soweit sie sich heute noch verfolgen lassen, sind als böswillige Erfindungen nachzuweisen.

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Mit ganz besonderer Vorliebe wurde von einer gewissen Klasse von Gegnern von „Hahnemann's Geldgier" gesprochen Sie erkühnten sich zuletzt zu der Behauptung, Hahnemanu habe nur aus Gewinnsucht seine Lehre verkündet, von deren „Schwindel" er selbst fest überzeugt gewesen sei, er habe auch seine Rechnung dabei gefunden.

Zum Beweise wurde eine Zeitungsnachricht angeführt, die :uis der „Dorfzeitung" stammt und den Zweck hat, auf Kosten der Wahrheit, die Leser zu unterhalten. Hahnemann habe 183f, seiner Braut einen Ring von 500 Thlr. geschenkt und ihr ausserdem 40000 Thaler, jedem seiner Kinder aber 32000 Thlr. vermacht. Da die Gegner dieses Feld mit Eifer bebauen, so müssen wir auf dieses unwürdige Thema hier eingehen. Nach dem Testamente Hahnemann's-) besass er im Jahre 1835 in seinem 81. Jahre ein Vermögen von 6O 000 Thlrn. und 2 kleinen Häusern in Köthen, welche zusammen einen Werth von circa 10 000 Thlr. repräsentirten. Diese Summe hatte er erspart nach einem langen Leben voll harter Arbeit bei grosser Sparsamkeit und Verzichtleistung auf alle

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2) Wörtlich in „Fliegende BlStter über Homöopathio" 1878 Nr. 15 u. l r..

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kostspieligen Vergnügungen. Ein allopathischer, „rationell" behandelnder Professor würde mit Hahuemann's Einnahme schwerlich getauscht haben. Und welche Wohlthaten hat Hahnemann über die Kranken verbreitet! und was verübte in jener Zeit ein „rationeller" Professor am Krankenbette!

„Alkali pneum."

Mit diesem Namen bezeichnete Hahnemann eine Substanz, welche er 1800 glaubte im Borax gefunden zu habeu. Diesen Irrthum zu verstehen versetze man sich in die. damalige Zeit. Wir müssen hier wiederholen, was wir schon einmal hervorhoben: Wird heute einem Chemiker ein Körper zur Untersuchung vorgelegt, so fragt er sich, aus welchen von den bekannten Stoffen ist dieser Körper zusammengesetzt? Damals stellte man meistens die Frage: Welcher neue, bisher noch nicht gekannte Stoff steckt darin? Bei den mangelhaften Untersuchungsmethoden, bei dem Fehlen einer feststehenden Stöchiometrie, ja, was das Schlimmste war, bei den vielen zu den grobsten Täuschungen verleitenden Unreinigkeiten der Chemikalien kamen oft schwere Irrthümer zu Tage. Prof. Klaproth, damals wol der erste oder einer der ersten Chemiker Deutschland^, fand im Diamantspath einen neuen bisher unbekannten Stoff') — es war ein Irrthum.

Proust entdeckte das „Sal mirabile perlatum", das Perlsalz (Monro I. 67) im Harn, nämlich Minerallaugensalz an eine neue Säure, „Perlsäure", gebunden. — Es war das bereits bekannte phosphorsaure Natron.

Andere Chemiker, darunter Prof. der Chemie v. Ruprecht, entdeckton neue Metalle: Borboninm in der Schwererde, Parthenum in der Kreide, Austrum im Bittersalz; auch das Sedativsalz (Borsäure) wollte mau zu Metall reducirt haben — Entdeckungen, die sich bei näherer Untersuchung als Eisen herausstellten, welches aus unreinen hessischen Tiegeln wahrscheinlich herausgeschmolzen war. Klaproth, welcher mit Karsten, Hermbstädt und Andern die Irrthümer entdeckt, warnte im Intelligenzblatt der Jenaer Literaturzeitung 1790 Nr. 146 das Publikum vor diesen Entdeckungen.1)

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Seit Langem war der Borax Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seitens der Chemiker. Prof. Fuchs schrieb 1784 eine besondere Monografie') über ihn mit geschichtlicher Entwicklung der Ansichten über seine Bestandtheile, die 1784 noch ganz unsichere und sich widersprechende waren. „Wir wissen kaum, was Borax geyn soll, noch weniger denken wir in Bestandtheilen einig, denn einer giebt diese, ein anderer wieder andere an," sagt Fuchs in der Vorrede. Der berühmte De la Metherie2) sagt 1791 von der Boraxsäure: „So hätte man denn die reine Luft, die brennende Luft, den Hitzstoff und das Wasser als Bestandtheile dieser Säure. Doch ist es wahrscheinlich, dass sie auch die andern Luftgattungen enthält" 1796 wurde noch3) die Ansicht laut, „dass Boraxsäure aus der Phosphorsäure zusammengesetzt sey."

1799 sprach Grell aus,4) dass Borax aus Minerallaugensalz und Boraxsänre zusammengesetzt sey, vermuthet aber, (ib S. 323) dass die Säure des Borax „durch unbekannte, innig verbundene Erdartcn oder eine Art des Brennstoffs eingehüllt sey." Dies zu ermitteln, stellt er 67 genau beschriebene, umständliche Versuche an, ohne zu einem Resultat zu kommen; die Ansicht aber, dass im Borax noch etwas Besonderes enthalten sey, hält er aufrecht.

Jetzt brachten Crell's Annalen') einen 4 Seiten langen Artikel mit der Ueberschrift: „Pneumlaugensalz Entdeckt von Herrn Dr. Samuel Hahnemann," worin dieser die Eigenschaften eines „neuen feuerbeständigen Laugensalzes, wegen seiner Eigenschaft, sich im Glühen bis zum zwanzigsten Umfange aufzublähen, Alcali Pneum genannt" beschrieb. Dieser Artikel ging auch in andere Zeitschriften über.

Hahnemann war seit 20 Jahren eifrig und mit vielen schönen, Wissenschaft und Menschenwohl fördernden Erfolgen in der Chemie thätig gewesen und zwar als Privatmann. Keine Staats- oder anderweitige Unterstützung war ihm zu Theil geworden, auch war er nicht in der Lage, wie die Apotheker, sich so wie so ein Laboratorinm einrichten zu müssen. Nur uneigennütziger Forschungsdrang, die Liebe zur Wissenschaft hatten ihn ganz ungewöhnliche

') Versuch einer natürlichen Geschichte des Borax und seiner Bestandtheile. Jena 1784.

2) Ueber die reinen Luftarten, iibcrs. von Hahnemann II. S. 273.

3) Crell's ehem. Annalen 1796. II. 453.

4) Ib. 1799 II. 320 u. f.
:') 1800 I. S. 392—395.

Ausgaben für Laboratorium, theure Chemikalien etc. machen lassen. Nun, da er glaubte, etwas Hervorragendes gefunden zu haben, übergab er sein Alcali pneum einem Commissionär in Leipzig, bei welchem dasselbe gegen ein Entgelt, das Loth zu eiuem Friedrichsdor, zu haben war. Patente gab es damals nicht, wodurch heute die Chemiker ihre Entdeckungen auszunützen suchen, und dadurch die Abnehmer, eventuell auch die Kranken (z. B. bei der Salicylsäure) besteuern.

Die Professoren Klaproth, Karsten und Hermbstädt untersuchten dieses neue Laugensalz und fanden — Borax. Statt sich nun an Hahnemann, der Beweise genug gegeben, dass er mit ihnen nach demselben Ziele der Erkenntniss strebe, persönlich zu wenden, und ihn um Aufschluss zu bitten, machten sie ihren Fund öffentlich im Intelligenzblatt der Jenaer Literaturzeitung bekannt, und forderten von Hahnemann Aufklärung.

Sofort beeilte sich Prof. Trommsdorff, der Apothekenbesitzer, diese Angelegenheit im Reichsanzeiger, wie der Allgem, Anzeiger der Deutschen damals noch hiess, einem noch grösseren Publikum zu unterbreiten, und Hahnemann's Auftreten eine „beyspiellosc Unverschämtheit" zu nennen. Crell') aber bedauerte den „grossen Irrthum" Hahnemann's.

Dieser gab alsbald Aufklärung in mehreren Zeitschriften, unter Andern auch in Prof. A. N. Scherer's Journal der Chemie (1801. S. 665): „Ich bin nicht fähig, willkürlich zu täuschen, wohl aber, wie andere Menschen, unwillkürlich zu irren; mein Fall ist der Klaproth's mit seiner Diamantspaterde und Proust's mit seinem Perlsalze. Ich hatte rohen (vermuthlich chinesischen) Borax (von I. Fr. Nahrmann in Hamburg) vor mir. In eine filtrirte, noch nicht krystallisationsfähige Lauge getröpfeltes Gewächslaugensalz schlug einen häufigen Salzsatz mehlartig nieder. Da nun die Schriftsteller versichern, dass reiner Borax durch Zusatz von Laugensalz unkrystallisirbarer werde, was Wunder, dass ich das niedergefallene Salz für eine neue sonderliche Substanz ansehn konnte. Die Reagenzen zeigten auch wirklich abweichende Erscheinungen, von denen des gewöhnlichen Borax," welche Hahnemann bei Crell a. a. 0. bereits mitgetheilt. Auf 3 Seiten erzählt nun Hahnemann ausführlich den Gang und Grund seines Irrthums,

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und erklärt zuletzt, dass er das eingegangene Geld bereits zurückgewiesen habe gegen Quittung.

Prof. A. N. Scherer setzt hinzu: (1. c.) „Warum wartete Herr Prof. Trommsdorff (der Einzige nämlich, welcher sehr voreilig au Hahnemann's Ehrlichkeit einen Zweifel zu äusseru gewagt hatte) in Erfurt nicht erst diese Vertheidigung ab, ehe er (im Reichsanzeiger) in die äusserst inhumane und intolerante Anzeige gegen Hahnemann ausbrach? Dass Herr Dr. Hahnemann ein rechtschaffener, wahrheitsliebender Mann ist, wird jeder, der ihn kennt, wie ich selbst, bezeugen. Dass er also geradezu Borax für einen neuen Körper verkaufen sollte, das liess sich doch wahrlich nicht erwarten! Eine solche Charlatanerie würde sich gewiss Hahnemann nicht zu Schulden kommen lassen! Welcher verdienten Prostitution hätte er nicht entgegen sehen müssen."

„. . . Unsere auswärtigen Collegen werden an diesem Beyspiele wieder eine neue Bestätigung ihrer Behauptung finden, dass nirgend die Gelehrten inhTtmaner gegeneinander handeln als in Deutschland . . . Soll denn Niemand irren können! oder hat etwa Herr Prof. Trommsdorff nie geirrt! Er denke doch an seine famöse Nichtentbindung des Sauerstoffgases aus dem Quecksilberkalke (Quecksilberoxyd). Immer fällt Hahnemann's Berichtigung seines Irrthums vortheilhafter aus, als die damaligen letzten Erklärungen des Herrn Prof. Trommsdorff! Im ersteren Falle betrifft es einen unwillkürlichen Irrthum, im letztern leider einen sehr willkürlichen, denn Herr Prof. Trommsdorff gestand damals, dass er, nachdem er das neue System (Lavoitsier's) bestritten hatte, erst anfangen wollte, es zu stndiren." Zuletzt wird noch Klaproth's Diamantspath als ein dem Hahnemann'schen gleicher Irrthum erwähnt.

Nach (! Jahren noch schrieb Hahnemann im „Allgemeinen Anzeiger der Deutschen" 1806. S. 2297: „Beging ich einstmals einen chemischen Irrthum, (denn Irren ist menschlich) so war ich der Erste, der ihn widerrufte, sobald mau mich eines Andern belehrt hatte."

Diese Pneumgeschichte haben die Gegner bis auf den heutigen Tag möglichst entstellt, um für ihr Publikum einen Beweis zu schaffen, dass Hahnemann ein gemeiner Betrüger sei, und dann die Erfindung der Homöopathie diesem „Betrnge" gleichzustellen.

Gereicht ihnen solche Kampfesweise zur Ehre?

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