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23. Ans Meister Freidanks Sprüchen.

(Freidanks Bescheidenheit. Im ^3. Jahrhundert.)

Wer Gott liebet als er soll,
Des Herz ist aller Tugend voll.

Welcher Mensch lebt in Gottes Gebot,
In dem ist Gott, und er in Gott.

Der kleinste Halm, den Gott erschasst,
Geht über aller Welten Krast.

Gottes Gebot nichts übergaht,
Denn der Mensch, den er geschassen hat,
Fische, Würmer, Vögel, Tier
Halten ihr Recht besser denn wir.

Wer eigner Sünden nähme wahr,
Schwiege wohl der sremden gar.
Der rügt des andern Missethat,
Der hundertsach so große hat.

Untreu erscheinet mir der Mann,
Der, Groll im Herzen, lachen kann.

Man lobt im Tode manchen Mann,
Der lebend selten Lob gewann.

An der Rede erkenn' ich den Thoren.
Den Esel an den Ohren.

Noch besser ist der Bösen Haß
Als ihre Freundschaft, merket das.

Der meint es mit dem Freund nicht gut,
Der alles lobt, was er auch thut.

Wer in sein Herze blicket, spricht
Von einem andern Böses nicht.

Es sei übel oder gut,
Was jemand im Finstern thut,
Oder im Herzen wird erdacht:
Es wird doch gar ans Licht gebracht.

Kommt der Ochs in fremdes Land,
Er wird doch als Rind erkannt.

24. Frau Hitt.

1. Wo schroff die Straße und schwindlig-jäh
Herniederleitet zum Inn,.

Dort saß auf der mächtigen Bergeshöh'
Am Weg eine Bettlerin.

2. Ein nacktes Kindlein lag ihr im Arm
Und schlummert'in füßer Ruh'

Die zärtliche Mutter hüllt' es warm
Und wiegt' es und seufzte dazu:

3. „Du freundlicher Knabe, du liebliches Kind, Dich zieh' ich gewiß nicht groß,

Bist ja der Sonne, dem Schnee und dem Wind Und allem Elend bloß.

4. Zur Speise hast du ein hartes Brot,
Das ein andrer nimmer mag,

Und wenn dir jemand ein Äpflein bot,
So war es dein bester Tag.

5. Und blickt doch, du Armer, dein Auge hold

Wie des Iunkers Auge so Nur,

Und ist doch dein Haar so reines Gold

Wie des reichsten Knaben Haar."

«. So Nagte sie bitter und weinte sehr,
Als Lärmen ans Ohr ihr schlug,
Mit Iauchzen trabte die Straße einher
Ein glänzender Reiterzug.

7. Voran aus salbem, schnaubendem Roß
Die herrlichste aller Frau'n,

Im Mantel, der strahlend vom Nacken ihr floß, Wie ein schimmernder Stern zu schau'n.

8. Die strahlende Herrin war Frau Hitt,
Die Reichste im ganzen Land,

Doch auch die Ärmste an Tugend und Sitt',
Die rings im Lande man sand.

9. Ihr Goldroß hielt die Stolze an
Und hob sich mit leuchtendem Blick
Und spähte hinunter und spähte hinan
Und wandte sich dann zurück:

10. „Blickt rechts, blickt links hin in die Fern', Blickt vor- und rückwärts herum!

So weit ihr überall schaut, ihr Herrn,
Ist all mein Eigentum.

11. Viel tapsre Vasallen gehorchen mir,
Beim ersten Wink bereit;

Fürwahr, ich bin eine Fürstin hier,
Und sehlt nur das Purpurkleid!"

12. Die Bettlerin hört's und rasst sich aus
Und steht vor der Schimmernden schon
Und hält den weinenden Knaben hinaus
Und sleht in kläglichem Ton:

13. „O seht dies Kind, des Iammers Bild,
Erbarmt, erbarmt Euch sein,

Und hüllet das zitternde Würmlein mild
In ein Stückchen Linnen ein!"

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