chloricum, Digitalis, Jod, Quecksilber etc. in gleicher Weise zeigen, dass diese Mittel in der Hand der Allopathen täglich zu Gesundheitund Leben vernichtenden Werkzeugen werden.

Man denke an die Massen zerstörenden Quecksilbers, welche Tag für Tag den bedauernswerthen Menschen einverleibt werden, und dessen Verwüstungen oft schlimmer als die Krankheit sind.

Zufällige und künstliche Vergiftungen mit Quecksilber haben erwiesen, dass Entzündungen und Geschwüre der Schleimhaut, umfangreiche Hautverschwärungen, Caries der Zähne, Knochen affectionen bis zur Bildung von Geschwüren, entzündliche und dcstructive Processe in den Lungen, Blutspeien etc. dadurch herbeigeführt werden können. Die Sorglosigkeit vorführt die Allopathen, dieses zerstörende Metall neuerdings in unglaublichen Massen durch Einreibungen etc. in den kranken Organismus hineinzutreiben. Inunctionen von 75 Gramm grauer Salbe in 10—14 Tagen sind an der Tagesordnung.

Der Umstand, dass dasselbe Gift auf alle Individuen nicht mit gleicher Zerstörungskraft einwirkt und von vielen Menschen ohne sofort eintretende Störungen ertragen wird, lässt die Allopathen vergessen, mit welch gefährlichem Gifte sie oporiren, und zwar zu einer Zeit, in der man durch den grossen Forscher Hahuemann dahin gelangt ist, solche drohenden Gaben entbehren zu können.

Ueber die Nebenwirkungen des Kali chloricum, des vielgebrauchten, finden sich in Schmidt's Jahrbüchern') recht ausführliche Zusammenstellungen. Dieses Mittel kann Gehirnentzündungen, Gastroenteritis, Nierenentzündung und Tod bewirken, wie schon vor 20 Jahren hervorgehoben wurde und in den letzten Jahren durch die Section in vielen Fällen bestätigt ist. Eine grosse Reihe von Beispielen wird angeführt, deren tödtlicher Ausgang allerdings meistens auf Ueberschreiten der ärztlichen Verordnungen zurückzuführen ist, wozu aber wieder die freigebige allopathische Dosirung dieses Mittels als Veranlassung sich herausstellt.

Jedenfalls ist auch hier wieder der Beweis von der Schädlichkeit der allopathischen Arzueigaben von den Allopathen selbst geliefert.

In derselben Weise ist mit leichter Mühe der Beweis von der, atrophisch und siech —, Albuminurie etc. machenden Wirkung der verderblichen allopathischen Jodgaben zu führen, sowie von der Schädlichkeit der Digitalis und vieler anderen von den Allopathen verordneten Arzneien.

') Bd. 187. S. 14. und Bd. 188. S. 12.

Statt abzunehmen, scheinen die Arzneigaben eher zu steigen-, entsprechend den rohen und symptomatischen Begriffen, von denen die Allopathen ausgehen. 1855 konnte in dem, von Virchow herausgegebenen Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie') noch gesagt werden: „Chronische Vergiftungen durch Morphinm und morphinmhaltige Substanzen kommen glücklicher Weise in Deutschland so gut wie nicht zur ärztlichen Beobachtung und Behandlung, weshalb denselben ein klinisches Interesse abgeht."

Heute werden eigene Schriften über „Morphinmvergiftung", über „Behandlung Morphinmkranker" herausgegeben, und Prospecte verschickt über „Heilanstalten für Nerven- und Morphinmkranke", als ob die Morphinmkrankheit ein natürlicher Krankheitsprocess sei. Jede Morphinmkrankheit k:mu auf allopathische Initiative zurückgeführt werden.

Bei solchen Betrachtungen darf nicht vergessen werden, dass es kranke, geschwächte Leiber sind, denen man solche körperangreifenden Substanzen einverleibt, dass der kranke Organismus also obendrein noch mit einer Arzneikrankheit belastet und ihm zur Aufgabe gemacht wird, ausser der natürlichen auch noch die arzneiliche Krankheit zu überwinden.

In der „Allgem. Arzneiverordnungslehre"-) wird gesagt: „Liebermeister gibt bei starkem Fieber Pillen mit 0,005 (!) Veratrin, stündlich eine, bis starke Uebelkeit oder Erbrechen erfolgt, wozu gewöhnlich 4 — 6 Pillen genügen."

Solche Verordnungen erinnern wieder an die „Wissenschaft" des vorigen Jahrhundertes. Und dies ist das Verfahren eines Professors, der so und so vielen jungen Aerzten Richtung gibt für ihre therapeutischen Grundsätze. Auch ältere Aerzte ahmen solche Vorschriften nach und fühlen sich und sind für jede Situation gedeckt. wenn üble Ausgänge die Folgen solcher Behandlung sind.

In dem Handbuche der Arzneimittellehre von Nothnagul und Rossbach3) heisst es: „Man hat Kinder schon nach 0,001 Gramm Morphinm — allerdings nur aus dem genossenen Opinm berechnet — sterben sehen." Es wird deshalb von der Anwendung des Opinm bei kleinen Kindern abgeratheu.

«) Bd. U. Abth. 1. S. 291.

-) Von Ewald u. Lüdecke. Berlin 1883. S. 687.

3) Berlin 1878. S. 611.

Eine bestimmte Gabe Opinm entspricht nach derselben Quelle aber an Intensität der Wirkung einer um 2 Drittheile kleineren Gabe Morphinm.

Nun empfiehlt Prof. Seitz in Niemeyers Therapie') gegen Magencatarrh mit Diarrhoe bei kleinen Kindern Opinmtinctur gtt. •2—5 auf 100,o Salepdecoct, 2stündlich einen Theelöffel.

Das Niemeyer'sche Handbuch ist aber in der Hand eines jeden praktischen Arztes, und besonders die jungen Allopathen schöpfen ihre therapeutische Weisheit daraus. Ein solches Buch empfiehlt also Opinm in einer Gabengrösse, die verhängnissvoll ist.

Die Physiologie lehrt, dass die Grösse der Erregung keineswegs äquivalent ist der Intensität des Reizes. Ein Reiz wirkt physiologisch nur auslösend auf eine Summe von Spannkräften, deren Grösse sich nicht nach dem Handelsgewicht der eingeführten Agentien berechnen lässt.

Ausser dem Unheil, welches die Allopathen mit ihren Arzneigaben anrichten, setzen sie sich also auch auf diesem Gebiete mit der Physiologie in Widerspruch. Ihre therapeutische Regel „Viel hilft viel", welche durch die Absicht des wenigstens für die innere Hedicin imaginären Bakterientödteus noch einen besonderen Nachdruck erhält, ist durchaus unphysiologisch.

Geht man conereter auf die allopathische Therapie ein, so wird man die gemachten Aussetzungen bestätigt finden. Wir wählen die Lungenentzündung, nicht weil wir glauben, dass bei derselben sich in hervorragender Weise der Werth eines Heilverfahrens entscheiden lasse, wir halten sie vielmehr für ein zu diesem Zwecke sehr unbrauchbares Object, sondern weil die Allopathen sich diesen Krankheitsproccss zur Demonstration ihrer Kunst mit Vorliebe auswählen.

Die Koryphäen der einschlägigen „rationellen" Behandlung sind Liebermeister und Jürgensen, welchen deshalb auf dem Congress zu Wiesbaden Dank ausgesprochen wurde. Jürgensen hat ferner von den Fortschritten der allopathischen Therapie gesprochen, welche den Enkeln ersehnte Früchte eintragen würden. Es interessirt uns deshalb, wie dieser den Lungenentzündungskranken zur Seite steht. In Volkmann's Sammlung klinischer Vorträge 1872. Nr. 45 legt er seine Grundsätze nieder.

') 10. Aufl. 1879. S. 542.

Danach hat bei der Lungenentzündung der Arzt sein Augenmerk. auf das Herz und auf das Fieber zu richten. „Die Pneumonietodten sterben an Insufficienz des Herzens." S. 326. Die Ursache der Herzschwäche ist das Exsndat. Also muss gegen den Process in der Lunge — nein! Jürgensen sagt, gegen die Herzschwäche vorgegangen werden und gegen das Fieber, also gegen die Folge der Krankheit.

Hiergegen kalte Bäder und Chinin. „Man kann bei hochfebrilen Zuständen einem kräftigen Erwachsenen 5 Gramm Chinin, einem Kinde unter einem Jahre l Gramm geben — immer in einer Gabe." Jürgensen ist „durchaus der Ansicht, dass diese Grenzen für das Chinin noch lange nicht die äussersten sind. Ich weiss, dass so hohe Gaben Manchem bedenklich vorkommen werden; meine Lehrmeisterin ist die Erfahrung. Gegen Thatsachen streiten nur Thoren. Wer es für seine Aufgabe hält, kranke Leute wieder gesund zu machen, am Krankenbette nicht nach Traditionen handelt, sondern weiss, was er will, wird sich keinen Augenblick scheuen, es ebenso zu machen."

Der Ton verräth sofort den Professor. Mit beneidenswerther Kaltblütigkeit erklärt er seine „Erfahrungen" ohne Weiteres für Thatsachen, und diejenigen, welche dagegen anstreiten, von vornherein für Thoren.

„Nicht ganz selten" stellt sich nach Chinin Erbrechen ein. Tritt das Erbrechen bald ein, so soll man die Gabe erneuern und „wenn periculum in mora, zögere man damit nicht und gebe lieber etwas zu Viel als zu Wenig." Ausserdem soll der Kranke nach dem Chinin den Mund öffnen, „um dem gewöhnlich starken Speichelfluss Ablauf zu verschaffen"; dadurch wird das Erbrechen „etwas verhindert."

„Brechweinstein und Veratrin vermindern die Temperatur nur auf Kosten des Herzens, beide erzeugen Collapsus."

In der Therapie von Niemeyer') wird Veratrin gerade empfohlen. „Dagegen lässt sich der gewünschte Effect," lehrt Prof. Seitz, „nur durch solche Gaben des Veratrins erzielen, welche leichte, toxische Erscheinungen — Erbrechen, Durchfall, grosse Hinfälligkeit — zur Folge haben." Und trotzdem wird Veratrin em

') Bearbeitet von Prof. Seitz. 1874. I. S. 197.

ptbhlen, denn Erbrechen, Durchfall und grosse Hinfälligkeit sind für den wissenschaftlichen Arzt nur „leichte" Erscheinungen. Es wird hier also geradezu gerathen, diese „leichten" Vergiftungserscheinungeu hervorzubringen, denn sonst „lässt sich der gewünschte Effect nicht erzielen."

Seitz constatirt 1. c. dass Digitalis eine „ausgedehnte Anwendung" bei Pneumonie findet, und Jürgensen erklärt: „Wer, der viel mit Digitalis zu thun hatte und wirksame Dosen des Mittels anwandte, hätte nicht schon Fälle erlebt, in denen der von der Digitalis hervorgerufene Collapsus mit dem der Defervescenz zusammenfiel?" S. 336.

Prof. Husemann') schreibt: „Während vor einigen Decemiien kaum ein Fall von Lungenentzündung ohne Digitalis mit oder ohne Nitrum und Brechweinstein zur Genesung oder zum tödtlichen Ende geführt wurde, ist der Gebrauch der Digitalispräparate jetzt ein weit seltenerer geworden."

Das Mittel ist allerdings durch Chinin augenblicklich in der Mode weit zurückgedrängt. Jürgcusen gibt dem Chinin den Vorzug, weil es das „Herz nicht schädigt." Gegen Thatsachen streiten zwar nur Thoren, indess wir wagen es, die Ansichten anderer Männer zu nennen, mit denen sich Jürgensen abfinden mag: Nach Schmidt's Jahrbüchern2) ergaben zahlreiche Versuche au Hunden, dass bei Gaben von 2 Gramm Chinin eine deprimirende Einwirkung auf die Herzthätigkeit hervorgerufen wurde und in demselben Werke wird gesagt:3) „Die giftigen Wirkungen auf Hunde sind übereinstimmend mit denjenigen, die es auf Menschen äussert." Weitere Beobachtungen über Chininwirkung sind oben S. 408 mitgetheilt, wonach bei viel geringeren Dosen, als sie Jürgensen gibt, schon schwer schädigende Wirkungen eintraten; und hier werden solehe massiven Gaben den jungen und alten Aerzten angeratheu in solch schwerer Krankheit.

Tritt bei Pneumonie Schlaflosigkeit ein, so erräth wol Jeder, dass Morphinm und Chloralhydrat hier die Panaceen sind. Chloralhydrat gibt Jürgensen bis 5, ja 8 (sage und schreibe acht) Gramm als Einzelgabe.

Wir sahen oben 5 Gramm Chloralhydrat, ja sogar schon

') Arzneimittellehre. 1875. II. S. 920. 2) Bd. 81. S. 155 u. 156. •') Bd. 63. S. 16.

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