Die Neigung der Constitution zur Erkrankung oder mit andern Worten die für das Zustandekommen der Abweichung nothwendige Stärke der Einwirkungen ist bei den verschiedenen Individuen, und ist bei demselben Individuum zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Lagen des Lebens ganz ausserordentlich verschieden. Die Berüksichtigung der Dispositionsgrade im Verhältniss zur Constitutionsabweichung ist um so wichtiger, als von jenen Graden der Anlage nicht nur die grössere oder geringere Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer allgemeinen Störung bei einer gesezten schädlichen Einwirkung oder localen Affection und der wahrscheinliche Grad der Allgemeinstörung zum Voraus einigermaassen sich berechnen lässt, sondern auch weil die Beurtheilung der Wichtigkeit der Constitutionsanomalie von dem Grade der Anlage grossentheils abhängt.

Lezteres ist von ungemein practischer Wichtigkeit. Wir sind bis zu einem gewissen Grade im Rechte, wenn wir die Heftigkeit einer örtlichen, vielleicht der Beobachtung nicht ganz zugänglichen oder erst beginnenden Erkrankung nach der Intensität der Allgemeinstörung z. B. des Fiebers, bemessen. Allein wir müssen dabei, um vor groben Verstössen uns zu bewahren, die Empfindlichkeit des Individuums und seine Anlage zu Allgemeinstörungen mit in Rechnung ziehen. Wissen wir aus Erfahrung von einem Kranken, dass er bei geringen Localstörungen alsbald schwer darnieder liegt, sich tief krank fühlt, heftige Frost- und Fieberhize erleidet, über alle Theile klagt, so werden wir eintretenden Falles eine stürmisch beginnende Allgemeinkrankheit bei ihm weit weniger hoch anzuschlagen haben, als bei demjenigen, der erfahrungsmässig nur den örtlichen Störungen adäquate allgemeine Aufregung oder Niedergeschlagenheit zeigt. Wir werden theils in dieser Beziehung die früheren bei dem Subjecte gemachten Erfahrungen zu Rathe ziehen, theils aus seinem Alter, Geschlechte, seiner Leibesbeschaffenheit uns seine wahrscheinliche Impressionabilität abstrahireu dürfen. — Aber nicht bloss in Betreff der geringern oder grössern Bedeutung allgemeiner Zufälle ist jene Unterscheidung der Disposition von hoher practischer Wichtigkeit, sondern auch in der Beziehung, dass man bei Individuen, bei welchen man schwerer Allgemeinstörungen gewärtig sein muss (z. B. bei kleinen Kindern), örtliche Störungen um so sorgfältiger überwachen, ihrer Combinirung vorbeugen und ihrer Steigerung nach Möglichkeit entgegentreten muss, damit sie nicht eine Allgemeinerkrankung hervorrufen, deren Heftigkeit Gefahren bringen könnte, welche die Localstörung an sich nicht mit sich führt. Viele Kinder sterben an dem Fieber, den Convulsionen, dem Collapsus, dem Marasmus, überhaupt an Allgemeinzufällen, welche von Localstörungen angefacht wurden, die an sich nur geringe Bedeutung hatten und ohne Vernachlässigung gar nicht jene heftige allgemeine Erkrankung zur Folge und Begleitung gehabt hätten.

Auf welchem wesentlichen Verhältnisse die Disposition zur Constitutionsabweichung und die gradweisen Verschiedenheiten dieser Anlage beruhen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit angeben. Die Thatsachen drängen zu der Annahme, dass von verschiedenen Ursachen eine Steigerung der Disposition abhängen könne. Aber es sind weder diese Ursachen sämmtlich und nach ihrem ganzen Umfang und ihrer Ausdehnung bekannt, noch ist der Werth und die Macht der einzelnen bekannten Ursachen gegen einander abzuwägen. Wenn wir jedoch auch nur fragmentarisch die Umstände kennen, bei welchen eine verstekte Disposition zur Allgemeinerkrankung vorzukommen pflegt, so ist dadurch für practische Fragen schon viel gewonnen.

Ohne Zweifel ist die Disposition zur Constitutionsabweichung selbst schon anomale Constitution, sei es dass die bestehende Anomalie das Eintreten weiterer Abweichungen erleichtert, oder sei es dass die disponirende Constitutionsabweichung nach der herkömmlichen Betrachtungsweise noch in die Breite der Gesundheit fällt oder auch als symptomenarm der Beachtung entgeht. Auch hier wie überall grenzt das für normal Erachtete in so unmerklichen Uebergängen an das unbezweifelt Krankhafte, dass Physiologie und Pathologie ein sehr breites gemeinschaftliches Gebiet haben.

Die Umstände, von welchen vorzugsweise ein Einfluss auf den Dispositionsgrad zur Constitutionsabweichung beobachtet wird, sind:

1) Das Geschlecht an sich, ohne Rüksicht auf die bei den beiden Geschlechtern verschiedenen physiologischen Vorkommnisse, hat einen sehr wesentlichen Einfluss nicht nur auf die Geneigtheit zu Constitutionsanomalieen, sondern auch auf ihre Art und ihren Verlauf. Dieser Einfluss, schon in früher Kindheit bemerkbar, wird mit dem Herannahen der Geschlechtsreife immer auffallender.

Im Allgemeinen ist eine ganz ausserordentliche Geneigtheit zu Allgemeinstörungen beim Weibe weit häufiger als beim Mann, während die mittleren Grade der Disposition sich mehr gleichiuKssig unter die Individuen beider Geschlechter vertheilen, die sehr geringe Disposition dagegen beim männlichen Geschlechte überwiegt. Ausserdem steigert eine schon bestehende örtliche oder allgemeine Störung die Anlage zur Constitutionsabweichung beim Weibe in ungleich höherem Grade, macht das Weib ungleich hinfälliger, als diess beim männlichen Geschlechte der Fall ist; während dagegen ganz gesunde und kräftige Weiber vielleicht ein Mehr von örtlichen Störungen und Beeinträchtigungen zu ertragen im Stande sind, als Männer von entsprechend vollkommener Gesundheit und Entwiklung. Aber auch in Betreff der Art der Allgemeinstörung ist die Disposition bei beiden Geschlechtern verschieden: beim Weibe offenbart sich die Constitutionsanomalie am auffallendsten theils in zahlreichen Empfindungen und zwar in deutlich localisirten, wenn auch vielfältig localisirten Empfindungsanomalieen, theils in Bewegungsstörungen, weniger in fieberhafter Aufregung und in Ernährungsabweichungen. Treten die beiden leztern Zeichen der Constitutionserkrankung ein, so mögen sie zwar rasch sehr hohe Grade erreichen, aber pflegen auch fast ebenso rasch sich wieder zu repariren. Beim Manne dagegen sind die von Constitutionsanomalieen abhängigen Empfindungen mässiger, vager und unbestimmter, die Bewegungsstörungen geringer und gleichförmiger, aber das Fieber und der Einfluss auf die Ernährung tritt auffallend hervor und kommt weniger rasch und weniger leicht wieder ins Gleichgewicht.

2) Das Lebensalter hat in gleicher Weise auf das Eintreten der Constitutionsanomalieen überhaupt, wie auf deren Art den grössten Einfluss. Manchfache Verhältnisse mögen es sein, in welchen dieser Einfluss liegt: das Verhalten des Nervensystems, die verschiedene Zartheit und Derbheit der einzelnen Organe, die verschiedene Art ihrer Functionirung, die verschiedene Raschheit und Vollkommenheit des Athmens und der Circulation, die in den verschiedenen Lebensperioden schon normalerweise verschiedene Beschaffenheit des Bluts. Die Schwierigkeiten sind unendlich und theilweise unüberwindlich, diesen Complex von Causalverhältnissen auseinander zu wikeln und bei den einzelnen Wirkungen den proportioneilen Antheil jeder der einzelnen Ursachen heraus zu berechnen.

Die Disposition zu Constitutionserkrankungen überhaupt ist vor dem Beginne der naturgemässen Decrepidität im Allgemeinen um so grösser, je jünger das Individuum. Bei den allerjüngsten Kindern besteht die gewöhnlichste Art ihrer Aeusserung in convulsivischen Bewegungen, in raschem Collapsus, und in schnell eintretenden Verminderungen der Ernährung (einfachem Marasmus). Etwas später treten vage Empfindungen, grosse Geneigtheit zu Puls- und Respirations-Beschleunigung hinzu, daher wird auch die krankhafte Wärme der Haut merklicher und zugleich fängt nun. neben dem einfachen Marasmus, auch ein qualitatives Abweichen des Blutes und der Ernährung (nebst Exsudationen) an vorzukommen. Dieses Verhalten, das schon in den ersten Monaten beginnt, wird immer entschiedener in der Zahnentwiklung und dauert durch die ganze Periode der Kindheit fort. Nur werden einerseits mit dem Fortschritt des Alters die Convulsionen seltener, die Uebergänge und der Wechsel der Constitutionsanomalieen etwas weniger rasch, andrerseits die Empfindungen bestimmter, nähern sich mehr denen des reifen Alters, die Blutveränderungen werden mannigfaltiger, ausgesprochener und daher auch Exsudate und Ernährungsabweichungen characteristischer und schärfer unterscheidbar. Immer aber bleiben bei jüngeren Individuen selbst beträchtliche Constitutionsanomalieen leicht reparabel, wenn sie nur das Individuum nicht zu Grunde richten, die vollständige Erholung bleibt, sobald die Heftigkeit der Krankheit gebrochen ist, stets zu hoffen, solange die örtlichen Störungen noch eine Herstellung zulassen. Schon mit vollkommener Reife wird diese Hoffnung geringer und sind schwere Erkrankungen der Constitution nur mit Mühe und nach geraumer Zeit zu überwinden. — Mit dem Uebertritt in das höhere Alter wird die Disposition zu Constitutionsanomalieen wieder grösser, indem diese Lebensperiode verglichen mit den frühern die Gebrechlichkeit zur Norm hat. Aber diese Disposition stellt sich nun ganz anders dar, als die bei jungen Jahren. Die rasch eintretenden Constitutionscrkrankungen werden nun ungleich seltener und selbst bei acuten und schweren Localstörungen bricht meist nicht augenbliklich und mit plözlichem Beginne, wie früher, die Allgemeinerkrankung in aller Heftigkeit aus, sie entwikelt sich vielmehr auch dann gewöhnlich nur nach und nach, wobei freilich schon in wenigen Tagen ihr Fortschritt sehr beträchtlich werden kann. Bedeutende Störungen werden oft selbst ohne alle Allgemeinerkrankung geraume Zeit ertragen und sind, von den örtlichen Zeichen abgesehen, oft vollkommen latent. Um so häufiger aber sind die schleichend sich ausbildenden Constitutionsanomalieen, die in ausgezeichneter Weise in den Ernährungsverhältnissen und in der Abnahme der Muskelkraft sich äussern, bei Steigerung bald den adynamischen Character annehmen und wenn sie irgend einen beträchtlichen Grad erreichten, nur mühsam und sehr allmälig eine überdem selten ganz vollständige Herstellung zulassen.

Der Kindheit und dem Greisenalter ist der sogenannte nervöse Character bei ihren Constitutionserkrankungen (Fieber) und der Marasmus gleichmässig eigen, während in den mittler n Lebensjahren jener und dieser nur unter besondern Umständen, bei besonderen Krankheitsformen, bei besonderen Ursachen oder besonderer Heftigkeit der Erkrankung sich zu finden pflegt. Aber der nervöse Character, wie der Marasmus, sind in jenen beiden Extremen des Lebens doch höchst wesentlich verschieden, beim Kinde das rasche Auftreten, die tumultuarische Steigerung, die gewaltige Aufregung, die explodirenden Ausbrüche, aber auch der rasche Verlauf, die baldige Beruhigung seiner nervösen Zufälle: beim Greise das schleichende Herankommen, die tükische Zunahme, die Adynamie, der tvphusartige Ausdruk des Fiebers und dabei die Lentesceuz, die äusserst zögernde Erholung, daher die Aehnlichkeit der meisten schweren acuten Krankheiten oder selbst des Endes chronischer Krankheiten bei Greisen mit Typhus und zwar mit dessen adynamischer Form, eine Aehnlichkeit, die im jüngsten Kindesalter fehlt und wo sie im später n vorkommt, mindestens mehr die atactische Form des Typhus betrifft. Der Marasmus beim Kinde kann in wenigen Tagen ausgebildet und bei günstigen Verhältnissen in einigen Wochen wieder vollkommen getilgt sein; beim Greise bildet er sich langsam, aber um so sicherer aus und die Theile, die geschwunden sind, bleiben dem grössten Theile nach, selbst im günstigsten Falle, für immer verloren.

3) Die Art der ursprünglichen oder erworbenen gesammten Leibesbeschaffenheit kann das Eintreten von Constitutionsanomalieen fördern oder erschweren und zum Theil auch für besondere Formen der Allgemeinerkrankung erhöhte Disposition begründen.

Die verschiedenen Arten der Leibesbeschaffenheit, selbst wenn sie mit Recht noch in das Gebiet der Gesundheit gezogen werden, grenzen vielfach an entschieden abnorme Zustände an, und es ist keine merkliche Grenze zwischen jenen und diesen: daher gehen jene in die entsprechenden abnormen Zustände unter Einwirkung geringer Ursachen mit Leichtigkeit über. So lässt sich in vielen Fällen die vorwiegende Disposition zu bestimmten Constitutionsanomalieen aus der Art der Constitutionsbeschaffenheit während der Gesundheit entnehmen. Nicht immer jedoch ist diess möglich, nicht immer treffen die in dieser Hinsicht aus der Betrachtung des individuellen Habitus im gesunden Zustande abstrahirten Erwartungen beim Eintritt von krankmachenden Ursachen und wirklichem Erkranken zu. Vielmehr scheinen manche uns entgehende Umstände dahin mitzuwirken, dass oft eine für stark gehaltene Constitution ungewöhnlich leicht allgemein afficirt wird, dagegen eine schwächliche in einer Krankheit nicht den baldigen Collapsus zeigt, auf den man gefasst sein zu müssen glaubte.

Aus dem Gesagten erhellt die Wichtigkeit der Berüksichtigung der individuellen Constitution, namentlich aber die Nüzlienkeit der Beachtung der in früheren KrankWunderlich, Pathol. u. Therap. Bd. I. 33

heiten bei einem Subjecte gemachten Erfahrungen, für Abschäzung der zu erwartenden Allgemeinstörungen und für richtige Deutung der vorhandenen. Der Laie hat in dicsem Sinne vollkommen Recht, wenn er besonderes Vertrauen in den Arzt sezt. der „seine Natur kennt.* Ohne Bekanntschaft mit der Disposition eines Individuums zu Constitutionsanomalieen wird man nicht selten in den Fehler verfallen, eine unbedeutende Störung für schwer und gefährlich, oder eine wichtige für geringfügig zu nehmen. Eine Wärterin meiner Klinik, gesund, kräftig und zu jeder Anstrengung ihres Dienstes fähig, wurde fast jedesmal am ersten Tage ihrer Menstruation von heftigem Fieber mit Schüttelfrost, Puls von mehr als 120 Schlägen, brennender Haut, trokener Zunge und rothem Gesichte und tiefer Prostration befallen. Das erste Mal. als ich diess sah, rnusste ich glauben, eine schwere Krankheit sei im Ausbruch; allein die Symptome waren schon am andern Tage verschwunden und dieselbe Scene wiederholte sich so gewöhnlich beim jedesmaligen Fintritt der Menstruation, dass ihr zulezt kaum mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Sehr oft beobachtet man Fälle, dass bei ganz robusten Männern ein recht ernstliches Erkranken zu beginnen scheint und die ganze Sache in einen Schnupfen sich auflöst. Im Gegensaze hiezu findet man oft Patienten und es sind nicht immer die rüstigsten und am kräftigsten gebauten, welche troz acut aufgetretener schwerer örtlicher Veränderungen (Pleuriten, Pericarditen, Typhus, weit seltener Pnenmonieen) in den ersten Tagen und selbst im weitern Verlaufe nur äusserst mässige Symptome allgemeiner Erkrankung zeigen.

4) Das Leiden, die Abnormität oder doch das aussergewöhnliche Verhalten eines Theils des Körpers gibt vielfach erhöhte Dispositionen zum Eintritt von Constitutionsanomalieen.

Im Allgemeinen ist jeder, der einen kranken oder impressionableren, oder nur ungewöhnlich fungirenden (Menstruation, Schwangerschaft. Wochenbett, Säuggeschäfte, Geistesüberansfrengung, Zahnen etc.) Theil hat, disponirter zu Allgemein>törungen. als er es ohne jenes Verhältniss wäre. Schädliche Einwirkungen, die unter jener Voraussezung ein Individuum treffen, haben leichter und früher Constitutionsanomalieen zu Folge, und die entstehenden Constitutionsanomalieen (z. B. das Fieber) erreichen im Durchschnitt höhere Grade und mannigfaltigere Combinationen. — Manche örtliche Störungen disponiren mehr als andere zum Eintritt von Constitutionsanomalieen. Es sind diess dieselben, welche, bis zu einem gewissen Grade entwikelt, die Constitutionsanomalie auch für sich und direct am leichtesten zuwegebringen, nämlich einerseits die Störungen der Centraltheile des Nervensystems, andrerseits die Affectionen derjenigen Organe, welche bei der Stoffaneignung und Metamorphose wesentlich nothwendig sind und nicht durch andere vertreten werden können (Darm, I.unge, Herz und grosse Gelasse, Nieren, Haut).

B. Art des Eintritts der Constitutionsanomalie.

Die Constitutionsanomalie tritt rasch oder allmälig ein, wenn bei entsprechend disponirten Individuen weitere Ursachen von genügender Stärke wirken.

1) Wir sehen die Constitution allmälig vom Normalen abweichen, unter dem Einflusse und Zusammenflusse chronisch wirkender äusserer und innerer Ursachen, die theils höchst unmerklicher und geringfügiger Art, theils aber auch bestimmter nachzuweisen sind.

Die Zahl dieser Einflüsse ist äusserst bedeutend. Die ganze Lebensweise des Individuums, seine frühere Geschichte, seine Erlebnisse und sein Verhalten, seine Gewohnheiten, seine Geistesstimmung und Geistesthätigkeit. die Art und Menge seiner Nahrungsmittel, die Art seines Athmens und die Luft, die es respirirt, die Einflüsse, welche die Haut und die Schleimhäute treffen, die Functionen seiner Sccretionsorgane, manche chronische, langsam wirkende Localkrankheiten — alle diese Verhältnisse können theils einzeln, wenn sie beträchtlich genug sind, theils in beliebigen und mannigfaltigen Combinationen Constitutionsabweichungen bewirken, bald Mit mässiger und vorübergehender Art, bald anfangs milder ober dauernder und immer wachsender Art, bald auch unter rascher Zunahme die heftigsten und gefährlichsten Formen. Und zwar kann diess geschehen, ohne dass zuvor ein einzelnes Organ, ein einzelner Körpertheil wesentlich und auffallend beeinträchtigt wäre, oder aber auch unter Vorausgehen oder mit Begleitung localer Störungen, die jedoch für die genügende Erklärung der Constitutionsanomalie mindestens unzureichend sind.

Bei der grossen Mannigfaltigkeit, bei der Möglichkeit vielfacher Combinationen jind bei der oft sehr stillen Wirksamkeit dieser Ursachen ist nicht nur im wissenschaftlichen Interesse die Ausmittlung der Aetiologie einer vorliegenden Constitutionserkrankung oft ausserordentlich ersehwert, besonders wenn noch locale Störungen verschiedener Art die Beurtheilung des Falls verwikeln; sondern es ist auch in unmittelbar practischer Hinsicht der Umsicht und dem Scharfblik des Arztes der weiteste Spielraum gegeben, um die ursprünglich wirkenden Schädlichkeiten zu entdeken, zu beseitigen oder zu entkräften, wie auch um zufällig hinzugetretene schlimme Einflüsse nicht zu übersehen und möglicherweise drohende fernzuhalten. — Durch den fortwährenden, wenn auch oft wenig bemerklichen Wechsel der äussern Einflüsse und unseres eigenen Verhaltens ändern wir unsere Constitutionsverhältnisse ohne Zweifel beständig: allein solange diess nur in einer gewissen Breite geschieht, wird uns dieser Constitutionswechsel nicht bemerklich oder doch nicht beschwerlich und verderblich: er ist sogar in gewissem Sinne vortheilhaft. (Oftmaliger Nuzen der Ortsveränderung, auch ohne dass nothwendig der neubewohnte Ort, wie man zu sagen pflegt, ..gesünder" zu sein braucht; Nuzen der zeitweisen Aenderung der Beschäftigung, der gemässigten Aenderungen der Witterung und Jahreszeiten, der Nahrung etc.) Was aber dem Einen nüzlich ist, und ihm erhöhtes Wohlbefinden verschafft, kann dem Andern. Empfindlicheren oder anders Constitutionirten eine mehr oder weniger fühlbare Constitutionsanomalie erzeugen. Und jeder Einzelne kann jenen Nuzen vereiteln und in Schaden verkehren, wenn der Wechsel zu schroff ist, die veränderten Einwirkungen zu zahlreich sind, oder wenn er weitere Schädlichkeiten hinzutreten lässt.

2) Wir sehen die Constitution rasch und plözlich' abnorme Erscheinungen darbieten, hvFolge von Einführung feindlicher Substanzen in genügender Masse in den Körper — in Folge einer raschen Versezung unter feindliche oder auch nur sehr ungewohnte Verhältnisse und Einflüsse — in Folge von Beleidigungen und Beeinträchtigungen, welche den ganzen Körper, einen grossen Theil desselben oder auch nur ein wichtiges und einflussreiches Organ treffen.

Dieselben Substanzen und Verhältnisse, welche bei gelinder und mässiger Einwirkung eine allmälige Umänderung der Constitution hervorzubringen vermögen, bewirken bei genügender Intensität eine rasche und plözliche Anomalie. Auch hiebei kann sich die Constitutionsstörung primär und unabhängig von Localerkrankungen herstellen, diese vielmehr im Gefolge haben und veranlassen; oder aber kann sie gleichzeitig mit Störung in diesem oder jenem besonders exponirten oder besonders empfindlichen Organe beginnen. ♦

Gleichwie in chronischer und allmäliger Weise ein fortwährender Wechsel der Constitutionsverhältnisse bei einem und demselben Individuum stattfindet, so treten auch ohne Zweifel bei jedem Menschen in Folge rascherer Veränderungen der äusseren Einflüsse zahlreiche plözliche oder acute Umwandlungen der Constitution ein. Jede Mahlzeit, wahrscheinlich jede Witterungsveränderung, jeder Wechsel der Wärme, des Barometerstandes und tausend andere gemeine Einflüsse bedingen eine solche. Nochmehr muss sie von einem L'ebermaass der Ingesta, von einem vorübergehenden Genuss alcoolischer Getränke zustandekommen; und bei brüsken Veränderungen der Jahreszeiten, beim Herrschen der Epidemieen scheint eine ganze Bevölkerung Constitutionsumwandlungen der Art zu erleiden. Bei Tausenden kommen aber dabei die Functionen nicht in Unordnung, sie fühlen sich nicht krank, sie entgehen ganz oder doch eine Zeitlang der epidemischen Krankheit. Die Empfindlicheren aber, die stärker von den Einflüssen Betroffenen oder jene, auf welche noch weitere individuelle und zufällige Schädlichkeiten einwirken, erkranken wirklich, sei es dass die Constitutionsanomalie bei ihnen einen Grad erreichte, der sich nicht mehr mit Wohlbefinden verträgt, sei es dass zufällig entstehende Localerkrankungen vollends den Ausschlag geben, den Gang der Maschine in Unordnung zu bringen. Hiedurch erklärt sich (las Verhalten in vielen Epidemieen, in welchen bei Manchen der Ausbruch, der Krankheit, selbst unter Beobachtung aller Vorsicht nicht verhütet werden kann, während eine grosse Anzahl Anderer es nur bis zu einiger Unbehaglichkeit bringt; freilich genügt auch bei diesen ein leichter Anstoss, den Ausbruch der Krankheit zu bewirken.

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