ihr da vor euch selbst zurückbebtet, weil solche Finsterniß in euch wohnt, die euch zum Entsetzlichsten führen könnte: was war dieß für eine Stimme, die ihr nicht zum Schweigen bringen konntet? oder wenn ein Bibelwort euer Jnneres traf, oder ein Wort des Predigers, oder eines andern Menschen Fluch oder Segenswunsch das Herz rührte, was war es, als die Stimme des lebendigen, nahen Herrn? Ja, er war euch schon nahe und suchte euch. Wehe dem, der keine Ohren hat, zu hören! — Er ist aber euch noch nahe, er ist noch der Allgegenwärtige, der euch erhalten hat bis auf diesen Augenblick, der euch Brod und Kleidung giebt.

Doch noch anders ist er nahe. Er nahet sich gerade in dieser Stunde euch, weil er euch sein Wort, das ja ein Hammer ist und die steinernen Herzen weich machen kann , giebt, sein Wort, welches ein Schwert ist und Fleisch und Geist scheidet. Dieß lebendige Wort Gottes wird euch jetzt gegeben; es ruft euch heute zu: heute, da du seine Stimme hörest, verstocke dein Herz nicht, reiße dich aus dem Betrug der Sünde heraus und bekehre dich aufrichtig zum Herrn. Ja, wo sein Wort ist, da ist auch der Herr. Er ist nahe, hier mitten unter uns, der heilige Gott. Soll ich euch noch mehr erzählen, wie Er. uns nahe ist, der unermeßliche, ewige Gott?

Nun sammelt eure Seele und werdet innerlich stille, auf daß ihr das Gewicht dieser Worte empsindet. — Er nahte sich uns, Gott, der heilige, den sündigen Menschen, so wie es nur Jhm möglich ist, sich zu nahen in unendlichem Erbarmen. Gott wurde selbst Mensch: also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn dahin gegeben hat, auf daß ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. — Ja, das heißt Nahesein, daß der Sohn Mensch ward, wie wir sind, aß und trank, freute sich und weinte, litt und starb wie wir und ward versucht in Allem, nur ohne Sünde. Ja, so nahe ist der große Gott, daß er in Jesu Christo unser Bruder wurde und der geringste unter uns ward, so nahe, daß wir Menschen ihm als Mensch in's Angesicht schauen dürfen; denn Jesus sagt uns selbst: sehet ihr mich, so sehet ihr meinen Va« ter; und von ihm zeugte der Apostel: es wohne in ihm die Fülle der Gottheit. Und jetzt, da JesuS, Gott und Mensch ewig, unzertrennlich in Eins verbunden, als der verklärte Men« schensohn zur Rechten des Vaters ist, ist er treu seinem Verheißungsworte: siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende — bei uns. Er lebt und stärkte den Stephanus bei seinem Märtyrertod; er ist nahe und hielt mit starker Hand den Paulus in seinem Sündenlaufe auf: bis hieher und nicht weiter! und hernach tröstete er ihn oft in seinen Trübsalen, und in den Jahrhunderten seit seiner Auferstehung gründete und breitete er seine Kirche aus, er der allgegenwärtige König, so daß selbst die Pforte der Hölle sie nicht überwinden können. Jesus ist nahe und erhört jeden, der aus dem Herzensgrunde betet: erbarme dich meiner! Er vergiebt noch Sünden, erlöst noch aus dem Welt« und Sündendienst, tröstet noch den Betrübten; er ist nahe und nahet sich uns. Und gerade uns, ihr geliebten Zuhörer, nahet er sich jetzt, noch ^in dieser Stunde, — denn im Abendmahl, das wir genießen wollen, ist Er bei uns; es ist ja das Gedächtnißmahl seines erlösenden Todes, welches wir feiern, und da ist er gewiß mit seinem Geiste bei den Seinigen. Hier, wo er zu uns spricht: nehmet, esset, dieß ist mein Leib;. trinket aus diesem alle, das ist mein Blut! — und wo wir Vergebung unsrer Sünde suchen; hier, wo die Erinnerung an das Kreuz Christi uns vor die Seele geführt wird, und sein Wort an unS erschallt: dieß habe ich für euch gethan, was habt ihr für mich gethan? — hier ist der Herr nahe, hier nahet er sich uns allen.

II.

Darum aber nahet euch ihm. — Und wie können wir uns dem Herrn nahen? werdet ihr mich noch fragen. Draußen in der Lust der Freude, hier im lauten Geräusche und bei dem Treiben der vielen Menschen unter einander sindet ihr Jhn nicht. Der Herr ist zwar euch nahe, ihr aber seid von ihm ferne — nein, in die Stille müßt ihr euch mit dem Herzen zurückziehen, die Welt und alles Äußere (auch die Geschäfte), nun bei Seite legen, still euch sammeln; die Stille, die Einsamkeit ist der Segensort , wo Gott mit der Seele vernehmbar spricht. Nun, und wie müßt ihr's dann ferner machen, wenn ihr in der Stille seid? wie könnt ihr mit dem unsichtbaren Gotte reden, wie seine Worte verstehen, da er ja nicht laut, wie ein Mensch zum Menschen, spricht? Nun dann, nehmt das Buch hervor, in welchem die Worte und Thaten Gottes, die die Menschen kennen sollen, stehen, und so stehen, daß sie der Einfältigste und Ärmste verstehen kann; da leset, leset in der Bibel, und der alte Bibelgott wird euch immer lebendiger und euern Bedürfnissen nöthiger erscheinen,— leset nur von seiner Liebe, von seiner Strenge, von seiner Macht, von seiner Langmuth — leset treu und leset besonders von dem, daß er in Jesu Mensch ward; o schauet dann das Leben und Leiden und Sterben und Auferstehen Jesu, und durch ihn in's Vaterherz GotteS: dann habt ihr euch Gott genaht, und er wird sich euch nahen. Wehe aber dem, der gleich« gültig gegen dieses geschriebene Wort des Herm ist, und nicht in demselben liefet! Wehe dem, der nur aus alter Gewohnheit und ohne Aufmerksamkeit die Bibel gebraucht! in dem wird sich der Herr nicht offenbaren. Nein, nahet euch dem Herrn ohne Heuchelei, ohne Selbstgerechtigkeit, ohne innere Unwahrheit, sondern Hülfe suchend, und ihr werdet seine Nähe empsinden.

Aber noch einen Weg zu Jhm haben wir, und wir müssen beide gehen — von dem einen kommt Segen und Stärkung für den andern. Es ist das Gebet. Ja bittet, so wird euch gegeben werden; klopfet an, so wird euch aufgethan: aber das merkt euch wohl: nicht ein bloßes Beten mit den Lippen, nicht ein gedankenloses Hersagen von Liedern, nicht ein schnelles Ablesen von geschriebenen Gebeten ist die Art, wie wir uns müssen zu Gott nahen, — o da fühlen wir nichts von ihm; sondern uns auf unsre Kniee niederwerfen und aus dem eignen Herzen rufen: Herr, erbarme dich meiner! im Jnnersten der Seele seufzen nach Gott — das das ist der Weg, wie wir ihn sinden, wie ihn noch alle frommen Christen gefunden haben. O daß wir doch alle so beten könnten, dann wäre uns der Weg in den Himmel offen, die Thore des Gottesreichs thun sich dem betenden Herzen auf. Ach, nahet, nahet euch Gott, so nahet sich Gott euch auch. —

Aber nun heute nahen wir uns dem Herrn noch auf eine Weise und gar zutraulich im Genuß des heiligen Abendmahls.

— Hier nun sollen alle Leidenschaften schweigen, alle Unver« söhnlichkeit, Unkeuschheit aus dem Herzen gerissen sein; hier nun sollen nur die Gedanken: Gott, Heiligkeit, Gericht, — Ewig« keit: Hölle, Himmel, — Jesus: Erlösung, Friede — Gnade unsre Seele erfüllen. — Ja, nahet euch nun dem Tische des Herrn und seid willkommen dabei: weil ihr euch nahet, so nahet sich euch Gott. Freuet euch in dem Herrn allewege! und abermal sage ich: freuet euch, der Herr ist nahe! so rufet uns Paulus zu. O ja, wer zerschlagenen Herzens ist um seiner Sünden willen und Gnade, Kraft sucht zum Wandel in den Himmel, der freue sich, daß wir einen Erlöser haben, Jesum Christum, der sich selbst uns giebt in seinem Blut und seinem Fleisch, — o das tröstet! Auch ihr, die ihr zwischen Welt und Gott schwankt und gerne los sein möchtet von der Unfeligkeit

— freuet euch, denn, wenn ihr jetzt im Glauben seine Gnadenhand ergreift' — so hilft er euch durch und macht euch zu seinen treuen Kindern. Aber ihr Sichern, Gleichgültigen, Sündeliebenden, Gottvergessenen — nahet euch, und der Herr wird sich auch nahen: aber dann zittert, wer unwürdig ißt und trinkt, bereitet sich das ewige Gericht! — O thut noch Buße in diesem Augenblick. Kommt, reiniget die Hände, ihr Sünder, und lautert die Herzen! — der Herr ist nahe. Nahet euch zu Gott, und er wird sich zu euch nahen. — Amen.

VII

Text: Luc. xxn, S4. — t>2. Sie griffen ihn aber, und führeten ihn, und brachten ihn in des Hohenpriesters Haus. Petrus aber folgte von ferne. Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Pallast, und setzten sich zusammen, und Petrus setzte sich unter sie. Da sah ihn eine Magd sitzen bei dem Licht, und sah fest auf ihn, und sprach: Dieser war auch mit ihm. Er aber verläug« nete ihn und sprach: Weib, ich kenne ihn nicht. Und über eine kleine Weile sah ihn ein Anderer, und sprach: Du bist auch deren einer. Petrus aber sprach: Mensch , ich bin es nicht. Und über eine Weile, bei einer Stunde, bekräftigte es ein Anderer, und sprach: Wahrlich, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer. Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagest. Und alsobald, da er noch redete , krü'hete der Hahn. Und der Herr wandte sich, und sah Petrum an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe denn der Hahn krahet, wirst du mich dreimal verläugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Geliebte im Herrn!

Ticher und ohne Angst gehen so viele Tausende in die schwer« sten Stunden, auch in die Todesstunde ein, daß man fast glaubt, sich freuen zu dürfen über diese Starke und Kampflosig, keit unsrer Mitmenschen; aber nein! zittern sollten wir bei einem solchen Anblick , weil es meistens nur menschliche Kurzsich, tigkeit, innere Verblendung, entsetzliche Verstocktheit ist, die den

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