Beschaffung des Rohmaterials entgegentreten, haben jedenfalls die meisten Forscher abgehalten, diesen allein richtigen Weg zu betreten. Immerhin ist er von einigen Forschern, wie später ersichtlich, bereits begangen worden. Durch die Bemühungen Prof. Tschirchs und die Unterstützung von verschiedenen Seiten gelang es, folgende Koniferenharze von sicherer Quelle zu erhalten und zur Untersuchung zu bringen:1)

1. Harz von Pinus palustris,

2. „ „ Pinus silvestris,

3. ,, „ Picea vulgaris,

4. Balsam von Abies pectinata,

5. „ ,, Larix decidua, ^

6. „ „ Abies canadensis.

Zu diesen sollen, wie Tsdurch beabsichtigt, noch die Harzprodukte der beiden französischen Abietineen kommen, nämlich von Pinus Pinaster Solander und Pinus Laricio Poiret.

Die Untersuchungen vorstehender Harzsekrete werden im chemischen Laboratorium des pharmazeutischen Instituts der Universität Bern unter Prof. Tschirchs Leitung ausgeführt und sind zum Teil abgeschlossen. Mir fiel die Bearbeitung der beiden Harzbalsame von Larix decidua Mill. und Abies pectinata DC. — des venetianischen oder Lärchen-Terpentins und des Strassburger oder Weisstannen-Terpentins — zu, und werde ich über den Gang und die Ergebnisse der Untersuchungen in dieser Arbeit berichten.

Unter „Terebinthina oder Terpentin" im allgemeinen versteht man die Harzsäfte verschiedener Pinus-, Larixund Abies-Arten, zur Familie der Abietineen und zur Klasse der Koniferen gehörig, welche hauptsächlich in Europa sowie in Nordamerika vorkommen und daselbst die grossen Nadelholzwaldungen bilden.

') Tschirch, die Harze und die Harzbehälter (1900) S. 269.

Es sind Holz- und Rindenbalsame, die teils freiwillig, teils beim Verwunden der Stämme, d. h. durch Anschneiden, Anbohren, Anstechen in mehr oder minder reichlicher Menge ausfliessen. Je nach Art ihrer Herkunft und Gewinnung zeigen die einzelnen Sorten, die man im Handel kennt, in ihrer Konsistenz, Zusammensetzung, Farbe, Geruch und Geschmack ziemliche Abweichungen von einander.

Mangel an Klarheit und meist auch weniger angenehmer Geruch unterscheiden die gemeinen Terpentinsorten von den feineren, welch' letztere allerdings auch wegen der Höhe ihres Preises in geringerer Menge in den Handel kommen.

Zu diesen gehören nun der venetianische und der Strassburger Terpentin, die sich durch besondere Klarheit und aromatischen Geruch auszeichnen.

Da die Terpentine Auflösungen verschiedener Harzkörper in ätherischem Öl — in wechselnden Mengen — sind und wegen ihrer dickflüssigen Konsistenz hat man sie früher mit Recht aber unwissenschaftlich zu den Balsamen oder Weichharzen gezählt, wie sich überhaupt früher die Einteilung der Harze nach ihrer äusseren Beschaffenheit richtete. Neuerdings bezeichnet man die Koniferenharze und somit auch die Terpentine als ..Terpenharze", da man erkannt hat, dass die ätherischen üle derselben aus mehreren isomeren Kohlenwasserstoffen der Formel C10 H16 — Terpene genannt — bestehen, und die verschiedenen darin gelöst befindlichen Harzkörper zu den Terpenen in mannigfacher Beziehung stehen.

Nach Tschirchs neuester Terminologie, welche die Harze nach ihrer inneren Zusammensetzung einteilt, werden die Koniferenharze zu den „Resinolsäureharzen" gerechnet, weil ihr Hauptbestandteil harzsäureartigen Charakter trägt, d. h. zum grössten Teil aus Harz- oder Resinolsäuren besteht.

Von dem römischen Schriftsteller Galenus1) erfahren wir, dass der Name „Terpentin" ursprünglich dem Harzsafte der Pistacia Terebinthus L., dem jetzt weniger bekannten chiotischen oder cyprischen Terpentin, beigelegt war und erst später auf die Harze der Koniferen übertragen wurde.

Die Bezeichnung ist möglicherweise zuerst in Persien geschehen, da das Wort Turmentin oder Termentin der persischen Sprache angehört; das lateinische Wort „Terebinthus" kommt vielleicht vom griechischen „Tepsco = ich bohre an".

Wie die meisten harzartigen Drogen2) werden auch die Koniferenharze in besonderen Sekreträumen gebildet und zwar in den schizogenen sogenannten „Harzkanälen oder Balsamgängen". Diese sind anfangs meist kugelig bis länglich, strecken sich aber in ihrer weiteren Entwickelung bedeutend, und zwar in axialer Richtung, wenn sie im Stranggewebe (Xylem oder Phloem) liegen, in radialer Richtung in den Markstrahlen. Dabei geschieht es, dass die in gekreuzten Richtungen wachsenden Gänge auf einander treffen und auf diese Weise in Verbindung treten, und so erklärt es sich, dass bei einer verhältnismässig kleinen Verwundung des Stammes ein reichlicher Ausfluss stattfindet, weil eben der Harzsaft eines ziemlich grossen Bezirkes infolge Kommunikation der Balsamgänge zum Ausfluss gebracht wird.

Die schizogenen d. h. intercellular entstandenen Balsambehälter1), welche die Sekrete der Abietineeu enthalten, sind von kleinen, dünnwandigen secernierenden Zellen ausgekleidet, doch sind diese selbst sowie die umgebenden Gewebepartien — zusammen kurz Epithel genannt — sowohl anfangs wie auch später sekretfrei2) und tritt das Sekret nur in den gangartigen Intercellularräumen auf. Diese scheinen sich in lebenden Pflanzen zunächst über ihre ursprüngliche Anlage hinaus nicht zu vergrössern, erst beim Absterben oder Austrocknen — also bei Verwundungs- und Krankheitserscheinungen — der Pflanzenteile3) greift die Verharzung in der Borke und im Kernholz durch Zerstörung der Zellmembranen gewisser Gewebekomplexe um sich, es entstehen unregelmässige Harzlücken von oft grösserem Umfange, welche von lysigen entstandenen kaum zu unterscheiden sind. Solche „Harzgallen oder Harzbeulen" kann man bei verschiedenen Nadelhölzern häufig beobachten und nach Tschirch*) als schizo - lysigene Sekretbehälter bezeichnen.

1) Flückiger, Pharmakog. d. Pflzr. (1867) S. 69.

') Tschirch, Angew. Pflanzen-Anatomie (1889) S. 479—508.

Die einzelnen Koniferen zeigen bei der Bildung und Verteilung der Balsamgänge, sowie bei der Verbreitung des Harzsaftes in Kernholz, Splint und Binde grosse Verschiedenheit. So finden sich z. B. bei der Weisstanne (Abies pectinata) die zu Harzblasen erweiterten Harzkanäle nur in der Rinde und Borke, aber nicht im Holz, während bei der Lärche (Larix decidua) das Kernholz der Hauptsitz des Harzes ist, weniger schon der Splint und am wenigsten die Rinde.

Nach diesen besonderen Verhältnissen richtet sich auch die Art der Verwundung (Anbohren, Anschneiden, Anstechen), welche die Praxis für die verschiedenen Abietineenarten zur Gewinnung und Ausbeutung ihres Harzsaftes eingeschlagen hat.

") Tschirch, die Harze und die Harzbehälter (1900) S. 396.

2) Mayr, Botanisches Centralblatt (1884) XIX, S. 23.

3) Frank, Handbuch der Pflanzenkrankheiten, S. 83—84.

4) Pflanzenanatomie S. 517.

In der Auffassung über die Bildung und Entstehung der Koniferenharze in. der Pflanze begegnen wir noch den verschiedensten Ansichten. Auf jeden Fall sind die Harzkörper Ausscheidungsprodukte des pflanzlichen Stoffwechsels; aber ob diese durch direkte Verharzung der Cellulose und Stärke oder durch Umwandlung der ätherischen Öle infolge Sauerstoffaufnahme entstehen, das ist zur Zeit noch keinesfalls aufgeklärt.

— „Ist das Harz das Ergebnis physiologischer Umbildungen und Vorgänge im Pflanzenorganismus, und findet sich in diesem Falle das so entstandene Harz im dem es begleitenden ätherischen Ol gelöst, wie bei den natürlich ausfliessenden Balsamen der Abietineen, oder entsteht es durch Oxydation des ätherischen Öles infolge Zutritt des atmosphärischen Sauerstoffs?" —: Diese beiden Fragen haben schon viele Forscher beschäftigt.

Wir wissen wohl bereits seit beinahe 100 Jahren, dass viele ätherische Öle, vor allen das Terpentinöl, an der Luft „verdicken und verharzen", aber es ist bis jetzt noch nicht gelungen, durch Einwirkung künstlicher Oxydationsmittel wie Ozon, Salpetersäure u. s. w. auf Terpentinöl, ein Harz zu erhalten, das gleiche Eigenschaften wie jenes besitzt, welches die Terpene in der Natur begleitet.

Neben anderen nahm z. B. Hlasiwetz1) die Entstehung der Terpenharze aus den Terpenen an und kleidete den Vorgang in folgende Formel:

2 (C10 H16) + 3O = C20 H30 O, + H2 O.

Ebenso wie man versuchte, künstlich durch Oxy

') Lieb. Annal. 143 (1867) S. 290.

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