Abwehr einer Melancholie der Massen: Alexander und Margarete Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu Trauern“ Teil 2 (Seite 36 - 57)

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GRIN Verlag, Mar 2, 2010 - Psychology - 7 pages
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Essay aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Psychologie - Sozialpsychologie, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie), Veranstaltung: Sozialpsychologie der Vergangenheitsaufarbeitung, Sprache: Deutsch, Abstract: Abwehr einer Melancholie der Massen aus: Alexander und Margarete Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu Trauern“, Seite 36 - 57) Auf den Seiten 36 bis 57 in der „Unfähigkeit zu Trauern“ veranschaulichen die Mitscherlichs die Abwehr der psychischen Trauerarbeit der Deutschen nach 1945 anhand drei klinischen Fallbeispielen aus der Praxis. Wie bereits in meinem ersten Essay erwähnt, waren und sind die Deutschen nicht in der Lage um den Verlust ihrer eigenen, in der NS-Zeit erlebten Überlegenheit, noch um „ihren“ Führer zu trauern. Trauer ist aber notwendig um den Verlust eines verlorengegangenen Objektes, zu dem eine libidinöse oder narzisstische Beziehung bestand, zu verarbeiten. Die Mitscherlichs führen hierbei einen neuen Begriff ein, indem sie von der „erfolgreiche[n] Abwehr einer Melancholie der Massen“ sprechen (Mitscherlich 1967: 36). An dieser Stelle möchte ich an meinen ersten Essay anknüpfen, worin ich mich mit den Mitscherlichen Thesen der Abwehr der Trauerreaktionen der Deutschen und dessen sozialpsycholgischen Folgen für das Individuum selbst, aber auch auf den gesellschaftlichen und politischen Schaffungsprozess nach der NS-Zeit auseinandergesetzt habe. Nun möchte ich den Fragen nachgehen, warum die Mitscherlichs die These von der Abwehr einer Melancholie hier in den Mittelpunkt rücken und wie sich diese Abwehr im Verhalten der Deutschen nach 1945 äußert. Außerdem werde ich die Rolle der Melancholie in dem ausgebliebenen Trauerprozess und in der besonderen Bindung der Deutschen zu Hitler und den Idealen des Nationalsozialismus mit Hilfe der Theorien zur Trauerarbeit von Freud, sowie den klinischen Fallbeispielen der Mitscherlichs, ausarbeiten. Es soll nicht nur der Zusammenhang zwischen der Trauer und der Melancholie erläutert werden, sondern ebenfalls, in welcher Beziehung das narzisstische Selbst - in diesem Fall das Ich-Ideal der Deutschen im Dritten Reich - zur Melancholie steht. Bevor ich eine These formuliere, werde ich zunächst klären, was man unter den Begriffen Trauer und Melancholie versteht. Dazu stütze ich mich auf die Abhandlung „Trauer und Melancholie“ (1917) von Sigmund Freud. Auf den ersten Blick äußeren sich die beiden emotionalen Verstimmungen gleich: das Interesse, die Motivation und die Liebesfähigkeit gehen verloren; ein Gefühl des Schmerzes; Lustlosigkeit (Vgl. Freud 1992: 174). „Die Melancholie entlehnt [...] einen Teil ihrer Charaktere der Trauer“ (Freud 1992: 180 f.), allerdings ist das Hauptsymptom einer Melancholie im...
 

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