Geschichte der Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts: France

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Page 80 - ... Belehrung anzulegen. Nachgiebigkeit gegen den Geschmack des Hofes und der Stadt war es gewiss nicht, was ihn bewog, um der lustigen Unterhaltung willen sich der Gefahr auszusetzen, bei strengeren Richtern seinen Credit zu verlieren. Man bemerkt leicht, dass er sich in diesen jovialischen Spielen des Witzes sehr Wohlgefallen hat. Sie gaben ihm Gelegenheit, mit freiem Interesse bei dem Komischen zu verweilen, ohne sich durch Rücksicht auf das Moralische stören zu lassen. Bis zur gemeinen Possenreisserei...
Page 71 - ... glänzenden Lustbarkeiten, in denen der Monarch sich gefiel, zu verschönern. Dafür hatte er dann die Ehre, öfter noch, als sonst wohl geschehen wäre, bei Hofe zu Tafel geladen zu werden. Er war Weltmann genug, sich mit dem gefälligsten Anstande in den Zwang der Hofetiquette zu fügen; aber 202 seine Kunst lag ihm viel zu sehr am Herzen, und seine ganze Denkart war zu liberal, als dass er sich der Direction seines Theaters hätte entziehen, oder gar selbst aufhören sollen, das Theater zu...
Page 70 - Künstlerstolz. Die eleganten Kritiker mochten ihm noch so oft zu verstehen geben, daß er sich doch nicht gemein machen, das sollte heißen, sich nicht auch im Burlesken hervorthun möchte, .da er es im höheren Komischen (li».ut comique) so weit g«, bracht habe; Möllere ging seinen Gang. Er sorgte für die Unterhaltung des Volkes, wie des Hofe«.
Page 74 - ... die Wahrheit dicht an der Karikatur hinstreift und auch wohl in sie übergeht; denn er wußte, daß die echte Karikatur, die in ihren Grundzügen der Natur treu bleibt, gleichsam ein umgekehrtes Ideal und die höchste Steigerung der komischen Kunst, also nicht mit der unechten Karikatur zu verwechseln ist, die das Natürliche verzerrt und das Komische in ästhetische Monstrosität verwandelt. Tiefes Studium der Natur und der Schauspielkunst sind in Moliere's Werken auf das glücklichste vereinigt....
Page 75 - Dichtern lernte; und nie hat ein Dichter glücklicher, als Moliere, dem wirklichen Leben die komischen Seiten abgesehen, durch die das Schicksal den Menschen, der noch lachen kann, in heiteren Augenblicken mit der Unvollkommenheit der menschlichen Dinge aussöhnt.
Page 79 - ... guten Laune in den lustigen Unterhaltungsstücken, durch die er nur den nächsten Zweck des Lustspiels erreichen wollte, ohne es weder auf feine Charakterzeichnung, noch auf moralische Belehrung anzulegen. Nachgiebigkeit gegen den Geschmack des Hofes und der Stadt war es gewiss nicht, was ihn bewog, um der lustigen Unterhaltung willen sich der Gefahr auszusetzen, bei strengeren Richtern seinen Credit zu verlieren. Man bemerkt leicht, dass er sich in diesen jovialischen Spielen des Witzes sehr...
Page 76 - ... nie hat die französische Kritik richtiger geurtheilt als in der Schätzung dieses Stücks. Feinere Charakterstücke haben auch in der Folge den Tartüff nicht um den Ruhm eines Meisterwerks bringen können; denn alle Komiker, die durch Feinheit der Charakterzeichnung den Moliere übertreffen...
Page 70 - Genie liess sich keine Gattung des Komischen entreissen, in der es sich frei bewegen und das Ziel der Kunst erreichen konnte. Da er einmal im Dienste des Hofes stand, durfte er auch das Geschäft nicht ablehnen, durch Festivitäts- und Gelegenheitsstücke die glänzenden Lustbarkeiten, in denen der Monarch sich gefiel, zu verschönern. Dafür hatte er dann die Ehre, öfter noch, als sonst wohl geschehen wäre, bei Hofe zu Tafel geladen zu...
Page 72 - ... Nur beim George Dandin klingt der Vorwurf über die Behandlung des Moralischen noch etwas nach und der Don Juan, so wie der Humor des Misanthrope — Bouterweck vermisst 194 daselbst die Komik — werden nicht nach Verdienst gewürdigt. „Kein französischer Dichter aus dem Zeitalter Ludwig's XIV. hat sich mit dieser Fülle des Genies, so unabhängig von Nationalvorurtheilen und doch so ganz im Geiste seiner Nation, zum klassischen Autor gebildet als Moliere. Ihm muss die Kritik aller Jahrhunderte...
Page 76 - ... das ästhetische hinüberzuziehn, dass selbst das Bild eines so verworfnen , durch die ruchloseste Undankbarkeit das moralische Mitgefühl empörenden Bösewichts, wie dieser Heuchler ist, in Situationen erscheint, die nicht komischer sein können. Mit bewundernswürdiger Feinheit ist die Komposition des Tartüff darauf berechnet, auch durch die Ausführung der übrigen Charaktere den Ton der guten Laune, ohne den es kein wahres Lustspiel giebt, so zu behaupten, dass selbst die ausdrücklich...

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