"Ich war nur das, was sie nicht hatte." Literarische Verarbeitung transgenerationaler Traumataweitergabe am Beispiel von Hans-Ulrich Treichels "Der Verlorene"

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GRIN Verlag, 2007 - 25 pages
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Studienarbeit aus dem Jahr 2005 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,0, Universitat Bremen, Veranstaltung: Seminar: Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, 5 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Seit den 1990er Jahren wird innerhalb der Geisteswissenschaften das Thema transgenerationaler Traumataweitergabe intensiver diskutiert. Den Hintergrund dieser Diskussionen bildet die Erkenntnis, dass Menschen mit schweren psychischen Traumata-Erfahrungen, insbesondere Uberlebende des Holocaust, ihre Traumata ungewollt und unbewusst auf ihre Kinder ubertragen. Es stellt eine besondere Tragik dar, dass der lebensbejahende und dem schmerzhaften Trauma-Geschehen trotzende Akt der Kinderzeugung und -erziehung von unbewussten Prozessen uberlagert wird, die zu einem Weiterleben der Traumata-Inhalte in den Kindern fuhrt. Die nachste Generation ist so gezwungen, den innerpsychischen Kampf ihrer Eltern gegen die Trauma-Erfahrung in der eigenen Psyche fortzusetzen - ohne dass sie selber die Trauma-Erfahrung gemacht hatten, die fur sie daher auch nur eine mit vielen Phantasien ausgeschmuckte Realitat bekommt. Ulrich Treichel hat 1998 mit Der Verlorene einen novellistischen Roman vorgelegt, der aus der Sicht des namenlosen kindlichen Ich-Erzahlers eine Kindheit in den 1950er und 60er Jahren in einer Kleinstadt beim Teutoburger Wald darstellt, die von einer traumatischen Erfahrung seiner Eltern massgeblich gepragt wird. Nur muhsam erschliesst sich durch die Erzahlungen der Mutter, dass sie mit ihrem Mann und ihrem erstgeborenen Baby in den Wirren der letzten Monate des zweiten Weltkriegs vor der Roten Armee aus den deutschen Ostgebieten floh und dabei ihren erstgeborenen Sohn Arnold verlor als sie von russischen Soldaten aufgegriffen und vergewaltigt wurde. Schuldgefuhle uber den Verlust Arnolds vermischen sich bei ihr mit dem Trauma der Vergewaltigung. Wie der erst na
 

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Contents

Die Last des IchErzählers
8
Das Introjekt
16
Literaturverzeichnis
25
Copyright

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Common terms and phrases

Popular passages

Page 5 - ... aufgehalten wurde, das Kind in die Arme zu legen. Doch geschah dies so schnell und in Panik, daß sie keine Gelegenheit hatte, mit der Frau auch nur ein einziges Wort zu wechseln, nicht mal den Namen des kleinen Arnold konnte sie der Frau zurufen, die auch sofort in der Menge der Flüchtenden verschwand. Das Schreckliche, sagte die Mutter, sei dann insofern doch nicht passiert, als die Russen weder sie noch den Vater erschossen hätten. Denn das sei das erste gewesen, was sie befürchtet hatten,...
Page 8 - ... Ausflüge und hätte am liebsten meine Tage mit Ausflügen verbracht. Freilich nicht mit solchen, die ich nun mit den Eltern machte. Gegen diese Ausflüge entwickelte ich mit der Zeit eine so große Abneigung, daß die Eltern mich nur noch unter Androhung von Strafe dazu bewegen konnten, sie zu begleiten. Die schönste Strafe, die mir die Eltern androhten, war Hausarrest. Doch in den Genuß des sonntäglichen Hausarrestes kam ich erst, nachdem ich mir eine spezielle Form von Reisekrankheit zugelegt...
Page 5 - Russen, aber die Russen hätten es gar nicht auf ihr Leben oder das ihrer Familie abgesehen gehabt. Die Russen hätten es immer nur auf eines abgesehen gehabt. Aber sie habe voreilig Angst um ihr eigenes Leben und das Leben ihres Kindes gehabt, und in Wahrheit habe sie auch voreilig das Kind weggegeben. Nicht einmal Arnolds Namen habe sie der Frau noch zurufen können, so groß seien die Panik und das Durcheinander gewesen, und auch die Frau habe nur das Kind an sich drücken und weiterlaufen können....
Page 4 - Mein Bruder hockte auf einer weißen Wolldecke und lachte in die Kamera. Das war während des Krieges, sagte die Mutter, im letzten Kriegsjahr, zuhaus. Zuhaus, das war der Osten, und der Bruder war im Osten geboren worden. Während die Mutter das Wort »Zuhaus« aussprach, begann sie zu weinen, so wie sie oft zu weinen begann, wenn vom Bruder die Rede war.
Page 9 - Schließlich kapitulierten die Eltern, und ich durfte die Sonntage allein im Haus verbringen, was für mich zu den schönsten Kindheitserinnerungen zählt. Um genau zu sein: vor allem der erste Sonntag, den ich allein im Haus verbringen durfte, zählt zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Wobei es im wesentlichen die erste Viertelstunde nach dem Weggang der Eltern war, während der ich mich rundum glücklich und frei gefühlt habe. Nachdem diese Viertelstunde vorüber war, stellte sich ein be-drückendes...
Page 20 - ... erinnerte sie auch an Arnold. Aber ich konnte ihr Arnold nicht ersetzen. Wäre es nach mir gegangen, dann hätte ich ihr Arnold ohne weiteres ersetzt. Essen konnte ich für zwei. Fernsehen auch. Schlechte Noten brachte ich ebenfalls in ausreichendem Maße nach Hause. Dazu brauchte es keinen Arnold. Aber ich genügte ihr nicht. Ich war nur das, was sie nicht hatte. Ich war der Finger in der Wunde, das Salzkorn im Auge, der Stein auf dem Herzen.
Page 5 - Wohl sei ihr etwas Schreckliches zugefügt worden von den Russen, aber die Russen hätten es gar nicht auf ihr Leben oder das ihrer Familie abgesehen gehabt.
Page 6 - Frauen damals mit einem Tuch verhüllt, damit sie nicht sofort als junge Frauen erkannt würden. Auch die Mutter habe sich mit einem Tuch verhüllt. Das erste, worauf die Russen sich gestürzt hätten, sagte der Vater, seien junge Frauen gewesen. Wobei sie natürlich den Trick mit dem Tuch ziemlich schnell durchschaut und sich demzufolge gerade auf jene Frauen gestürzt hätten, die ihr Gesicht bedeckt hielten.

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