Implizite Informationen: Sprachliche Ökonomie und interpretative Komplexität bei Verben

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Akademie Verlag, Jul 7, 2008 - Language Arts & Disciplines - 216 pages
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Welche Bedingungen liegen vor, wenn sprachliche Information auf der linguistischen Oberflache zwar unrealisiert bleibt, aber trotzdem verstanden wird? Welche Informationen werden uberhaupt implizit verstanden? Welcher Art sind die Berechnungen, die fur Schlussfolgerungen uber implizit Gesagtes zustandig sind? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der interdisziplinaren Arbeit, welche mit kognitionswissenschaftlichem Anspruch die Grenze zwischen expliziter und impliziter Realisierung sprachlicher Information definiert. Der Autor konzentriert sich auf ein breites Spektrum an Verbkomplexen und deren grammatische, lexikalisch-semantische und konzeptuelle Eigenschaften bei der Implizitlassung sprachlicher Information. Es wird anhand von Antikausativa, Partikelverben, (unergativer) intransitivierter Verben und Middle-Konstruktionen zunachst der Status nicht realisierter Ereignispartizipanten untersucht. Das Bild vervollstandigt eine Analyse impliziter Ereignisse, welche bei psychischen Verben und bei typenverschobenen Verbkomplexen vorliegen. Es werden neue empirische Verfahren entwickelt, um die strukturellen Eigenschaften der Ausdrucke zu erfassen, wie sie sich etwa in Modifikationsoptionen oder dem Diskursverhalten niederschlagen. Ferner werden u.a. mit Reaktionszeitstudien psycholinguistische Daten erhoben, welche Aufschluss uber die Art der kognitiven Aktivation der verschiedenen Informationstypen geben. Auf diese Weise wird als Ausdruck einer grammatischen Kosten-Nutzen-Rechnung das Wechselspiel zwischen Inferenzaufwand und Strukturdichte modelliert, anhand dessen sich die Implizitlassung sprachlicher Information auch aus systemischer Sicht zukunftig besser vorhersagen lasst."

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Unter dem Motto Silence is not just an absence of sound von Madeleine Peyroux versucht der Verfasser der Frage nachzugehen, wie scheinbar entleerte sprachliche Sequenzen identifiziert und mittels linguistischer Untersuchungsmethoden interpretiert werden können.
Das Buch ist eine „leicht überarbeitete Fassung“ der Habilitationsschrift, die bei der Philosophischen Fakultät II der Humboldt-Universität vorgelegt wurde. Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. Im ersten Kapitel Wegbeschreibung, wird lediglich eine allgemeine Einweisung in die Problematik und in den Aufbau der Studie gegeben, deren Hauptthesen und weitere theoretische Auslegungen auf empirischen Untersuchungen verschiedener Verbtypen oder Verbkomplexen beruhen.
Das zweite Kapitel Kosten-Nutzen-Rechnungen einer mentalen Grammatik, behandelt grundsätzlich Fachtermini wie Komplexität, Ökonomie, konversationelle und konventionelle Implikatur. Der Verfasser geht zunächst von der Unterscheidung zwischen expliziten und impliziten Aussagen in Aktiv- und Passivsätzen aus. Um die inhaltliche Zielsetzung der Studie zu schildern, greift er auf Definitionen von Perkins (1998) und Sperber & Wilson (1986) zurück, die besagen, dass eine umfassende Interpretation sprachlicher Ausdrücke erst angesichts der Zusammenarbeit zwischen linguistischen und nicht-linguistischen Sub-Systemen der menschlichen Kognition möglich sei, in der das Gesagte und das nicht Gesagte ausbalanciert wird. Dabei sei vor allem zu fragen: wo liege die Grenze zwischen der linguistischen und nicht-linguistischen Kognition? Ließe sich eine Grenze zwischen implizit Gesagtem und nicht Gesagtem ziehen? Außerdem solle geklärt werden, „welche Arten von Strukturen eine bestimmte Information überhaupt nicht, weder explizit noch implizit, ausdrücken“? (S. 13) Um diese Fragen zu beantworten müsse zunächst ganz präzise zwischen dem sprachlichen und referenziellen Status des Mit-Interpretierten aber nicht Gesagten unterschieden werden. Der Verfasser bietet hierfür empirisch nachvollziehbare Testverfahren, die ermöglichen, implizite Informationen im Text erst linguistisch zu identifizieren und mitverstehen zu lassen. Ließe sich zum Beispiel am folgenden Satz Die Fensterscheibe zerbrach eine Verursachungsrelation, sei es implizit, sei es aufgrund grammatischer Enkodierung, ablesen, auch wenn diese nicht explizit zum Ausdruck gebracht ist? „Verweist ein reduzierter Ausdruck tatsächlich auf Informationen der Art, dass diese zwar nicht materieller Teil der grammatischen Struktur selbst sind, aber Teil der Interpretationsbedingungen und damit ein notwendiger Teil der Beutung des Ausdrucks?“ – fragt der Verfasser (S. 13).
(...)
Abschließende Überlegungen über den Inhalt des Buches Implizite Informationen lassen folgende Schlussfolgerung formulieren: die Arbeit von Holden Härtl ist einerseits ein spannendes und weltvolles Werk im Sinne der Semantik natürlicher Sprachen – hierzu sei unter anderem der enorme empirische analytische Arbeitsaufwand zu nennen. Sie stellt andererseits, und dies ist für den linguistischen Diskurs viel wichtiger, einen durchaus gelungenen Versuch dar, impliziten Informationen eine semantisch-lexikalische und/oder grammatische Dimension zu verleihen.
 

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