Kindheits- und Jugenderlebnis bei Siegfried Lenz - "Deutschstunde" und "Arnes Nachlaß"

Front Cover
GRIN Verlag, 2007 - 84 pages
0 Reviews
Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,0, Uniwersitet Gda ski, 27 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Thematik, die in der Deutschstunde" scheinbar im Mittelpunkt steht, ist der Konflikt Jens Ole Jepsens mit dem Maler Nansen und deren grundsatzlich unterschiedliche Auffassung von Pflicht. Aber die eigentliche Tiefe dieser Thematik liegt darin, dass dieser Konflikt von einem Kind, das quasi zwischen den Fronten steht, beobachtet und erlebt wird. Das schafft wiederum eine Fulle an Themen und Motiven, ohne die der Roman zweifellos einen betrachtlichen Teil seines kunstlerischen Wertes einbussen wurde. In Arnes Nachlass" bildet das heranwachsende Kind - sein Trauma des verlorenen Elternhauses und vor allem sein Streben nach Anerkennung und Akzeptanz der Gleichaltrigen - das zentrale Thema. In meiner Arbeit mochte ich in beiden Werken alle Aspekte des Kindseins und Heranwachsens untersuchen sowie eventuelle Parallelen zum Kindheitserlebnis von Siegfried Lenz aufdecken. Da der Schriftsteller nur ungern Auskunft uber seine Jugendzeit gibt, wurde auch in der Sekundarliteratur sein Schaffen bisher selten aus dieser Perspektive behandelt. Zunachst analysiere ich die Romane im Hinblick auf ihre Form, da bereits die Wahl der Zeitebenen und der Erzahlperspektiven in engem Zusammenhang mit dem von mir behandelten Thema steht. Von grosstem Interesse ist hierbei die Sichtweise des Kindes, die sich in der Froschperspektive ausdruckt und auch die Inhaltsebene der Deutschstunde" bedeutend beeinflusst. Im zweiten Kapitel meiner Arbeit beschaftige ich mich mit dem Kindheits- und Jugenderlebnis des Autors selbst und dessen Einfluss auf sein Schaffen. Lenz' Kindheit in Masuren, die Erziehung in einer nazistischen Schule wie auch die spateren Kriegserlebnisse als Marinesoldat der Wehrmacht werfen ihre Schatten auf sein gesamtes literarisches Leben. Deswegen gilt es zur Vervollstandigung des Themas, d"
 

What people are saying - Write a review

We haven't found any reviews in the usual places.

Contents

Einleitung
4
Autobiographischer Hintergrund
15
Kindheitserlebnis in Siegfried Lenz Deutschstunde und Arnes
27
Schlussbemerkungen S
73
Copyright

Other editions - View all

Common terms and phrases

Popular passages

Page 47 - Manchmal denke ich, Max soll sich freuen über das Verbot. Wenn man sich so ansieht, welche Leute er malt: die grünen Gesichter, die mongolischen Augen, diese verwachsenen Körper, all dieses Fremde: da malt doch die Krankheit mit. Ein deutsches Gesicht, das kommt bei ihm nicht vor. Früher — ja. Aber heute? Fieber, du mußt denken, alles ist im Fieber gemacht.
Page 22 - Tages nur selbstverständlich, daß sie keine Rücksicht mehr auf unser Alter nahmen: weil sie in siegreicher Not waren, erließen sie mir die Prüfung zum Abitur. Sie bescheinigten mir die Reife auch ohne Examen. Sie überreichten mir ein Zeugnis, das für sich sprach: alle Zensuren waren um mindestens eine Note aufgebessert. Sie waren von Mitleid inspiriert, von Abschiedsschmerz, vielleicht auch von schlechtem Gewissen; ich war durch die Kriegslage zu einem vielseitig begabten Schüler geworden,...
Page 9 - Da stand der Maler Max Ludwig Nansen. Er stand auf der geländerlosen Holzbrücke und arbeitete im Windschutz, und weil ich weiß, wie er arbeitete, möchte ich ihn nicht ohne Vorbereitung unterbrechen, indem ich meinen Vater dazu bringe, ihm auf die Schulter zu tippen, ich möchte die Begegnung verzögern, weil es kein beliebiges Zusammentreffen ist und ich zumindest erwähnen will, daß der Maler acht Jahre älter war als mein Vater, kleiner von Wuchs, wendiger, unbeherrschter, vielleicht auch...
Page 24 - Ohne Kameraden, Freunde und Nebenmänner, ohne Lehrer, Erzieher, Vorgesetzte, ohne die bergende Anonymität der großen Zahl, und ohne geregelte Tage, Nächte und Gedanken : mit neunzehn Jahren hatte ich es erreicht, zum ersten Mal allein zu sein. Ich schlief unter Büschen an Seeufern. Ich schlief in Schuppen und in einem Autowrack. Ich aß allein, wusch mich allein, ruhte und dachte allein. Nur mir gehörte meine Angst, niemand war zuständig für meinen Hunger, ich sicherte für mich, ich plante...
Page 23 - ... gewünscht hatte. Was hatte ich mir gewünscht? Einen Spielzeugkrieg vielleicht, in dem alle mitspielten: die Schiffe spielten versenkt, die Verwundeten spielten nur Verwundete, und die Toten spielten nur Tote, so wie ich es einst als Kind getan hatte auf den sandigen Exerzierplätzen von Lyck. Ich war ratlos, ich war fassungslos und war verzweifelt, denn die Schiffe, die einmal versenkt worden waren, erhoben sich nicht vom gleichmütigen Grund der See; das Stöhnen der Verwundeten erfüllte...
Page 9 - Das Wehen der Frühe«; und dann die Stapel seiner eigenen, im Selbstverlag erschienenen Broschüren und Bücher, darunter »Die Sprache der Grabhügel«, »Die Moor- und Opferfunde von Norschlotten«, sowie »Die großen Sturmfluten und ihre Folgen« und so weiter. Sollte jemand einen Titel oder einen Fund vermissen, so kann er ihn einfach dazuschreiben, ich möchte mich mit diesen Daten begnügen, weil ich meinen Großvater einfach nicht zu lange in den Lichtkegel des Bildwerfers blicken lassen...
Page 66 - ... ich hielt mich für einen Favoriten des Wassers, der Meere, für einen ausgemachten Günstling der einflußreichen Wassergeister, und ich glaubte mich in der Lage, zunächst Ost- und Nordsee, dann alle anderen Ozeane von den Schiffen unserer Gegner unnachsichtig zu reinigen. Seit dem Märzmorgen, an dem ich durch das Eis des Lyck-Sees brach, hatte ich eine besondere Beziehung zum Wasser: eine Art dämmerndes Heimweh verbindet mich mit ihm, ein sanfter neurotischer Eros beginnt wirksam zu werden,...
Page 66 - Endlich war ich dabei; die Zeit des Spalierstehens, Winkens, der tatenlosen Jahre war vorüber; mit siebzehn holten sie mich, weil sie mir die Schule nicht mehr zumuten wollten und weil sie gewiß glaubten, daß ich ihnen zum Sieg verhelfen könnte. Ich verstärkte ihre Marine, und ich weiß noch: auf der Fahrt in die kleine pommersche Garnison, beim Anblick des stillen, unzerstörten Hafens wiederholte sich ein kindlicher Traum, den ich schon einmal an den verlassenen Ufern des Lyck-Sees geträumt...
Page 23 - Aufgaben, die nie erfüllt werden konnten, da Erde, Luft und See verloren waren, wofür wir weiterhin feierlich und schikanös trainiert wurden: da mieteten sich Kafka und lonesco in meinen Krieg ein, und Professor Parkinson fand die blendende Bestätigung seiner Lehrsätze. Ich lernte die Paradeaufstellung auf Schiffen, und wir hatten keine Schiffe mehr, man brachte mir die Bedeutung des geschossenen Saluts bei, doch wir besaßen keine Salutkanone, sie unterrichteten uns über die Behandlung von...

Bibliographic information