Moderne Architektur: seinen Schülern ein Führer auf diesem Kunstgebiete

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Anton Schroll, 1902 - Architecture - 188 pages
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Popular passages

Page 64 - So gewaltig aber ist die Umwälzung, daß wir nicht von einer Renaissance der Renaissance sprechen können. Eine völlige Neugeburt, eine Naissance, ist aus dieser Bewegung hervorgegangen, stehen uns doch, nicht wie den früheren Fortbildnern, nur wenige überlieferte Motive und der Verkehr mit einigen Nachbarvölkern zu Gebote, sondern wir haben, zufolge unserer sozialen Verhältnisse und durch die Macht unserer modernen Errungenschaften bedingt, alles Können, alles Wissen der Menschheit zur freien...
Page 50 - Kunst" in der Übereilung, das Versäumte nachzuholen, das Heil allerorten suchte und zu finden glaubte, und daß deshalb so viele Künstler das „Heureka" ausriefen und für die von ihnen vertretene Ansicht begeisterte Jünger suchten und fanden. Das Durchpeitschen aller Stilrichtungen in den vergangenen Jahrzehnten war das Resultat der erwähnten Strömung. Wer erinnert sich da nicht an die elektrisierende Wirkung, welche nach den großen politischen Ereignissen in Deutschland die Worte „altdeutscher...
Page 48 - ... daß das Wort Stil in dem oben angedeuteten Sinne stets die Blüte der Epoche, also den Gipfel des Berges, bezeichnet. Viel richtiger ist es aber immer, von einer nicht scharf abgegrenzten Kunstepoche, also vom Berge selbst zu sprechen. In diesem Sinne möchte ich das Wort Stil gebraucht wissen. So ist es sicher, daß beispielsweise die Griechen in der Bildungsperiode ihres eigenen Stiles sich nicht des Gegensatzes desselben zu dem ägyptischen bewußt waren, ebensowenig wie die Römer hinsichtlich...
Page 53 - Kunstformen" mit der modernen Welt nichts Störendes zu finden. Einige Stilbilder sollen zur weiteren Illustration des Gesagten dienen: Ein mit lebhaften Farben bemalter griechischer Tempel, der Hain mit bunten Statuen geziert, ein schöner kurzgeschürzter Grieche mit brauner Haut, der heilige, farbig stimmende ölbaum, der tiefblaue Himmel, die erhitzte zitternde Atmosphäre, die sich scharf abhebenden Schatten — das ist doch ein Bild, eine Symphonie. Eine gotische Kirche, kindlich frommer Kerzenschein...
Page 51 - Irrtümer dieser Stil-Apostel konstatieren. Nachdem der erste Kunstdusel verflogen war, wurde das Geschaffene unmotiviert und unpassend befunden; man wurde sich darüber klar, daß alle sogenannten Stile einstens wohl die volle Berechtigung hatten, daß für unsere moderne Zeit aber ein anderer Ausdruck gesucht werden müsse. Hat uns auch alle, weil das Geschaffene so schön an gute alte Vorbilder erinnerte, eine zeitweilige Befriedigung erfüllt, der künstlerische Katzenjammer konnte nicht ausbleiben,...
Page 47 - Eine Ansicht, welche leider auch in Fachkreisen sehr verbreitet ist und sozusagen als Postulat gilt, ist die, daß der Architekt jeder seiner Kompositionen durch die Wahl eines sogenannten Stils eine Unterlage schaffen muß, ja man verlangt, daß er dann immer jene Stilrichtung, für die er Eignung zeigt, mit besonderer Vorliebe pflege.
Page 48 - ... schließlich zum Wertmesser bei der Beurteilung der geschaffenen, richtiger gesagt, kopierten Kunstformen. Der denkende Architekt kommt nun wirklich in die größte Verlegenheit, wo er da den Hebel ansetzen soll, um ein solches Wahnsinnsgebäude umzureißen. Es ist vorerst darauf hinzuweisen, daß das Wort Stil in dem oben angedeuteten Sinne stets die Blüte der Epoche, also den Gipfel des Berges, bezeichnet. Viel richtiger ist es aber immer, von einer nicht scharf abgegrenzten Kunstepoche, also...
Page 62 - Alles modern Geschaffene muß dem neuen Materiale und den Anforderungen der Gegenwart entsprechen, wenn es zur modernen Menschheit passen soll, es muß unser eigenes besseres, demokratisches, selbstbewußtes, unser scharf denkendes Wesen veranschaulichen und den kolossalen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften sowie dem durchgehenden praktischen Zuge der Menschheit Rechnung tragen - das ist doch selbstverständlich!
Page 54 - ... ist doch ein Bild, eine Symphonie. Eine gotische Kirche, kindlich frommer Kerzenschein durch bunte Fenster schimmernd, die zur Kirche wallende Menge in ihren mattbunten geschlitzten Wämsern und Kitteln, Weihrauch, das Geläute der Glocken, Orgelton, ein oft gar trüber Himmel —- wieder ein Bild. Die französischen Ludwige, vom XIII. bis XVI., ihre Hofdamen und Höflinge in ihren reichen und schweren Kleidern und Perücken, ihre Etikette, ihre reich verschnörkelten, schließlich einfacher...
Page 55 - ... harmonischen werden, so muß die Kunst und ihre Form sich dem, was absolut nicht zu umgehen ist, der Menschheit und ihrer Erscheinung, ihren Bestrebungen anschmiegen. Die erwähnten Stilbilder führen uns logisch zur Wahrnehmung des innigen, bisher ignorierten Zusammenhanges von Geschmack, Mode und Stil. Selbst eine geringe Beobachtungsgabe muß in uns die Überzeugung wachrufen, daß die Außenerscheinung, die Kleidung der Menschen in Form, Farbe und Ausstattung den jeweiligen Kunstanschauungen...

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