Naivität und Reflexivität in Thomas Manns "Buddenbrooks"

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GRIN Verlag, 2007 - 68 pages
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Studienarbeit aus dem Jahr 2000 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,0, Universitat Trier (Neuere Deutsche Literatur), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Buddenbrooks, Thomas Manns erster Roman, wirft in exemplarischer Weise ein Thema auf, das fur das gesamte spatere Werk des Autors bestimmend bleiben wird: Den Konflikt zwischen Gesellschaft und Individuum, 'Burger' und 'Kunstler', Normalitat und Extravaganz, oder eben Naivitat und Reflexivitat. Der junge Autor hatte dieses Dilemma im eigenen Leben erfahren, es sich 'von der Seele geschrieben' und war so in der eigenen Person schon zu einer Synthese von Gegensatzen gelangt, die sich in den Buddenbrooks noch nahezu unvereinbar gegenuberstehen. Wie die naiven, wie die zur Reflexion fahigen Charaktere gestaltet sind, was sie gemeinsam haben, wie sie sich aber auch voneinander unterscheiden, wie ihre Motive, ihre Starken, ihre Schwachen aussehen, nicht zuletzt: mit welchen Strategien und welchem Erfolg sie ihr jeweiliges Leben bewaltigen - diesen Fragen versuche ich mich in der vorliegenden Arbeit anzunahern.
 

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Page 23 - Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn er sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie eine Maske fiel die längst nur noch künstlich festgehaltene Miene der Wachheit, Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab, um es in dem Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen...
Page 6 - Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie 10 leichtsinnig, jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung...
Page 11 - Ich selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher ebenfalls dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren, untüchtig und haltlos macht... und die Haltung, das Gleichgewicht ist für mich meinerseits die Hauptsache.
Page 17 - Sein Tätigkeitstrieb aber, die Unfähigkeit seines Kopfes, zu ruhen, seine Aktivität, die stets etwas gründlich anderes gewesen war als die natürliche und durable Arbeitslust seiner Väter: etwas Künstliches nämlich, ein Drang seiner Nerven, ein Betäubungsmittel im Grunde, so gut wie die kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er beständig dazu rauchte...
Page 17 - Kleinlichkeit so abhold gewesen war, hatte sich eine Art von Pedanterie entwickelt, wenn auch aus einer anderen Konstitution und einer anderen Gemütsverfassung heraus. In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung hätte hingeben können.
Page 3 - Aber, Vater, diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne ... Es sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes gnädiger Hilfe errichtet haben . . . Eine Familie muß einig sein, muß zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür . . ." „Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge . . ." Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer. „Was machst du, Jean?
Page 14 - Ich kann das nicht. Ich werde so müde davon. Ich möchte schlafen und nichts mehr wissen. Ich möchte sterben, Kai! . . . Nein, es ist nichts mit mir. Ich kann nichts wollen.
Page 4 - War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott und dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks zu sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle empfindlich zurückschreckten.
Page 17 - Eitelkeit« nannte, hatte in einer Weise zugenommen, deren er selbst längst begonnen 15 hatte sich zu schämen, ohne daß er imstande gewesen wäre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da er nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe verbrachten Nacht im Schlafrock zu Herrn...

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