Paradoxe Fügungen in Kafkas Erzählung "Josefine die Sängerin oder das Volk der Mäuse"

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GRIN Verlag, 2007 - 56 pages
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Studienarbeit aus dem Jahr 2002 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 2 +, Universitat Hamburg (-), Veranstaltung: Seminar II: Franz Kafka, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Geschichte von Josefine und dem Mausevolk In Kafkas Erzahlung Josefine, die Sangerin oder das Volk der Mause" wird dem Leser durch eine anonyme Maus von der einzigartigen und ratselhaften Stellung der Sangerin Josefine im Volk der Mause berichtet. Die Erzahlermaus, selber Teil des Volkes und zugleich kritisch distanziert, macht die Haltungen von Volk und Sangerin einsichtig. Obwohl das Volk in dem von ihr angepriesenen Gesang lediglich ein schwaches, ubliches Pfeifen zu vernehmen meint, wird es von seiner Macht fortgerissen, halt Josefine in Ehren und ertragt geduldig ihre Kunstleralluren. Dies wirft sowohl beim Erzahler als auch beim Leser die Frage nach der tieferen Wirkung ihrer Auftritte auf. Die Nachgiebigkeit des Volkes hort allerdings da auf, wo es sich den Forderungen der Sangerin nach Arbeitsbefreiung versagt. Hier liegt der Wendepunkt der Geschichte: Josefines Illusion uber ihren Gesang auf der einen und die Realitat des Mausevolkes auf der anderen Seite sind dermassen inkongruent, dass es zu keiner Losung kommt und es mit Josefine zuende gehen muss. In der Ahnung, dass ihre Kunst vom Volk nicht verstanden wird, strebt sie umso mehr nach gesteigerter Anerkennung. Um sich nicht selbst untreu zu werden, muss sie mit ihrer Forderung "stehen oder fallen"(212). In narzisstischer Selbstuberschatzung vermeint sie, der desillusionierenden Zuruckweisung durch die auch fur sie wirksamen Gesetze sowie dem Abbruch ihrer Glaubwurdigkeit entgehen zu konnen: Sie verschwindet..
 

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Page 11 - Leicht wird es uns ja nicht werden; wie werden die Versammlungen in völliger Stummheit möglich sein? Freilich, waren sie nicht auch mit Josefine stumm? War ihr wirkliches Pfeifen nennenswert lauter und lebendiger, als die Erinnerung daran sein wird? War es denn noch bei ihren Lebzeiten mehr als eine bloße Erinnerung? Hat nicht vielmehr das Volk in seiner Weisheit Josefinens Gesang, eben deshalb, weil er in dieser Art unverlierbar war, so hoch gestellt?
Page 8 - Schlauheit pflegen wir uns über alles hinwegzutrösten, auch wenn wir einmal - was aber nicht geschieht - das Verlangen nach dem Glück haben sollten, das von der Musik vielleicht ausgeht.
Page 8 - Unsere Sängerin heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht fortreißt, was umso höher zu bewerten ist, als unser Geschlecht im ganzen Musik nicht liebt.
Page 17 - Verfehlen" der trivialen Denkerwartung, als ein Weggelocktwerden von ihr gekennzeichnet sei. Durch dieses Verfahren werden die Begriffe dem „normalen", schlüssigen Denken entzogen, ohne doch andererseits durch das platte Paradox — als das inzwischen schon traditionell gewordene Merkzeichen des Unbegreiflichen — neuerlich und noch viel entschiedener verstellt zu werden. Kafkas „gleitendes...
Page 5 - UNSERE SÄNGERIN heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht fortreißt, was um so höher zu bewerten ist, als unser Geschlecht im ganzen Musik nicht liebt.
Page 17 - Denken entzogen, ohne doch andererseits durch das platte Paradox — als das inzwischen schon traditionell gewordene Merkzeichen des Unbegreiflichen — neuerlich und noch viel entschiedener verstellt zu werden. Kafkas „gleitendes Paradox" schafft eine Zone des Denkens zwischen konventioneller Stimmigkeit und jener besonderen Form von Alogik, die „paradox
Page 8 - ... Anschließbarkeit an die verschiedensten Erklärungs- und Deutungssysteme, mit deren Hilfe Leser ihr eigenes Weltbild zu ordnen versuchen. Das Scheitern jeder übersetzenden Leseweise ist ebenfalls in der Textstruktur, genauer in der kompositorischen Verschränkung der einzelnen Erzählteile, angelegt. Jedes Erzählelement ist so eingebettet, daß es im Erzählverlauf alsbald seine eigene Negation erfährt, entweder durch die progressive Reduktion der als gesichert angenommenen Positionen (D.

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