Wandlungen der Gedichte Conrad Ferdinand Meyers: Mit zahlreichen Erstabdrücken und Zwischenfassungen und zum erstenmal gesammelten Gelegenheitsgedichten

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H. Haessel, 1900 - 112 pages
 

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Page liii - Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch. Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug. Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: „Herr, Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin. Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!
Page 89 - Es brachte jüngst der dunkle Flug Der Nacht den liebsten mir der Träume, Der in des Vatikanes Räume Mich auf der Sehnsucht Schwinge trug. Still tret ich in den Musensaal Und staune, daß er ist ein andrer, Als scheidend ihn der junge Wandrer Betrachtete das letzte Mal. Apollo leuchtet nicht hervor, Der sonst beherrscht des Saales Mitte, Mit feierlich bewegtem Schritte...
Page 28 - Gegend, und er gäbe sich zufrieden, wär' er nicht im Volk gemieden; denn man zischelt mancherlei: daß ein Hexenmeister, daß er kräuterkundig sei und im Bund der Geister. Solches ist die Wahrheit nicht, ist ein leeres Meinen, doch das Volk im Dämmerlicht schaudert vor dem Kleinen. So die Jungen wie die Alten weichen aus dem Ungestalten, doch vorüber wohlgemut auf des Schusters Räppchen trabt er.
Page lxi - Sich sehnend nach dem letzten Atemzug, Denn auch ein Glücklicher weiß nicht, was kommt Und völlig unerträglich werden kann — Leidlose Steine, wie beneid
Page 29 - Faß dir einen frischen Mut! Günstig ist die Stunde! Silberfähre, gleitest leise Ohne Ruder, ohne Gleise! Dieses hast du brav gemacht, Lernet es, ihr Sänger! Wie du es zustand' gebracht, Hübscher ist's und länger! „Zeig dich einmal, schöner Mann!
Page xxv - Vorüber, keine gleitet mehr allein, Verschüchtert tritt das laute Heut zurück In seiner Schwestern leise zieh'nde Reihn; Die Stunde schämt sich ihrer Ungeduld, Wo still Jahrtausend an Jahrtausend ruht, Und es versinkt des Tages Hast und Schuld In eines großen Lebens stete Flut.
Page xxxv - Lieblich ist, die Fra Dolcin verführte, Wie noch nie ein Weib die Herzen rührte; Augen, unergründlich wunderbare, Schaun, als ob sie zu den Sel'gen fahre. Die sie richten, fragen sich mit Grauen: Kann die Hölle wie der Himmel schauen? Und es zittern vor dem unschuldvollen Engelsantlitz, die sie martern wollen.
Page xv - Es gibt vortreffliche Menschen", bemerkt er ein andermal, „die nichts aus dem Stegreif, nichts obenhin zu tun vermögen, sondern deren Natur es verlangt, ihre jedesmaligen Gegenstände mit Ruhe tief zu durchdringen. Solche Talente machen uns oft ungeduldig, indem man selten von ihnen erlangt, was man augenblicklich wünscht. Allein auf diesem Wege wird das Höchste geleistet.
Page 29 - Setzt sich und den Korb daneben, Schimmernd hebt der Mond sich eben: Fingerhut ist gar nicht bang, Ihm ist gar nicht schaurig, Nur daß noch der Weg so lang, Macht den Kleinen traurig. Etwas hört er klingen fein Nicht mit rechten Dingen, Mitten aus dem grünen Rain Ein melodisch Singen: „Silberfähre, gleitest leise" Schon verstummt die kurze Weise.
Page 72 - Requiem Bei der Abendsonne Wandern, Wann ein Dorf den Strahl verlor, Klagt sein Dunkeln es den andern Mit vertrauten Tönen vor. Noch ein Glöcklein hat geschwiegen Auf der Höhe bis zuletzt. Nun beginnt es sich zu wiegen, Horch, mein Kilchberg läutet jetzt ! Abendwolke So stille ruht im Hafen Das tiefe Wasser dort, Die Ruder sind entschlafen, Die Schifflein sind im Port.

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