Zerstörtes Weltvertrauen bei Jean Améry

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GRIN Verlag, 2007 - 76 pages
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Studienarbeit aus dem Jahr 2000 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: sehr gut, Rheinisch-Westfalische Technische Hochschule Aachen (Germanistisches Institut), 12 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Der Ausgangspunkt fur jegliche Analyse des Werks von Jean Amery ist meiner Ansicht nach ein Blick auf die Grundessenz seiner Essays. Durch die Essays zieht sich wie ein roter Faden Amerys Beschreibung seines "zerstorten Weltvertrauens." Der Grund, warum sich fur Amery ein Vertrauen in die Welt als eine Unmoglichkeit darstellte, liegt vor allem in seinen Holocaust-Erfahrungen. Das Gelebte, d.h das eigens Erlebte (le vecu) ist bei Amery uberhaupt die Basis fur seine schriftstellerische Auseinandersetzung mit der Holocaust-Problematik. Seine Aufgabe sieht er darin, fur alle Beteiligten des Holocausts, also sowohl fur die Tater als auch fur die Opfer, eine moglichst scharfe Analyse der Geschehnisse zu liefern. Dadurch, dass er selbst den Holocaust in seiner ganzen Grausamkeit erfahren hat (Exil, Verhaftung, Folter, Auschwitz-Aufenthalt), ist Amery geradezu priviligiert, uber die Ereignisse zu berichten. Amery begnugt sich jedoch nicht mit einer einseitigen Schuldzuweisung, seine Absicht liegt vielmehr in einer moglichst trennscharfen Deskription der unterschiedlichen Erfahrungen
 

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Contents

Einleitung
2
Exilerfahrungen
9
Ressentiments
26
Copyright

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Common terms and phrases

Popular passages

Page 16 - Lagerhäftling stand ja schließlich unter dem Gesetz seiner mehr oder minder großen körperlichen Widerstandskraft. Klar ist jedenfalls, daß die ganze Frage der Wirkung des Geistes dort nicht mehr gestellt werden kann, wo das Subjekt, unmittelbar vor dem Hunger- und Erschöpfungstod stehend, nicht nur entgeistet, sondern im eigentlichen Wortsinn entmenscht ist. Der sogenannte „Muselmann", wie die Lagersprache den sich aufgebenden und von den Kameraden aufgegebenen Häftling nannte, hatte keinen...
Page 6 - ... Terror-Regime auch, sondern ausdrücklich als Prinzip statuiert. Das Wort Humanität war ihm verhaßt wie dem Frommen die Sünde, und darum sprach er von Humanitätsduselei. Er rottete aus und versklavte, das bezeugen nicht nur die Corpora delicti, sondern ausreichende theoretische Bekräftigungen. Die Nazis folterten, so wie andere, weil sie sich mittels der Tortur in den Besitz staatspolitisch wichtiger Informationen setzen wollten. Daneben aber folterten sie mit dem guten Gewissen der Schlechtigkeit....
Page 29 - In diesem Augenblick, ich fühlte es mit durchdringender Schärfe, war es an mir, einen Schritt weiterzugehen in meinem langandauernden Berufungsprozeß gegen die Gesellschaft. Ich schlug in offener Revolte den Vorarbeiter Juszek meinerseits ins Gesicht: meine Würde saß als Faustschlag an seinem Kiefer — und daß dann am Ende ich, der körperlich viel Schwächere, es war, der unterlag und heillose Prügel bekam, hatte keine Bedeutung mehr. Ich war, schmerzhaft verprügelt, mit mir zufrieden.
Page 7 - Für Georges Bataille ist der Sadismus nicht sexualpathologisch aufzufassen, vielmehr existenzialpsychologisch, wobei er sich abzeichnet als die radikale Negation des anderen, als die Verneinung zugleich des Sozialprinzips und des Realitätsprinzips. Eine Welt, in der Marter, Zerstörung und Tod triumphieren, kann nicht bestehen, das ist offenbar. Aber es schert sich der Sadist nicht um den Fortbestand der Welt. Im Gegenteil: Er will diese Welt aufheben, und er will in der Negation des Mitmenschen,...
Page 10 - Der mit Selbsthaß gekoppelte Heimathaß tat wehe, und der Schmerz steigerte sich aufs unerträglichste, wenn mitten in der angestrengten Arbeit der Selbstvernichtung dann und wann auch das traditionelle Heimweh aufwallte und Platz verlangte.
Page 24 - Tausende von Individuen, voneinander verschieden nach Alter, Stand, Herkunft, Sprache, Kultur und Sitten, sperre man hinter Stacheldraht und unterziehe sie dort einer Lebensweise, die konstant, kontrollierbar, für alle identisch ist und unterhalb aller Bedürfnisse liegt: Kein Experimentator könnte sich etwas Rigoroseres ausdenken, um zu ermitteln, was vom Verhalten des Lebewesens Mensch im Kampf ums Leben wesensbedingt und was erworben ist.
Page 4 - Wichtiger aber — und in unserem Zusammenhang allein relevant — ist als Element des Weltvertrauens die Gewißheit, daß der andere auf Grund von geschriebenen oder ungeschriebenen Sozialkontrakten mich schont, genauer gesagt, daß er meinen physischen und damit auch metaphysischen Bestand respektiert.
Page 18 - ... die gegebenen Realitätsinhalte links liegen läßt und seine Augen auf eine nähere oder fernere Zukunft fixiert; wirklichkeitsnäher aber, weil er sich aus eben diesem Grunde von den ihn umgebenden Tatbeständen nicht überwältigen läßt und darum seinerseits kraftvoll auf sie einwirken kann. Dem glaubensfreien Menschen ist die Wirklichkeit im schlimmen Falle eine Gewalt, der er sich überläßt, im günstigen ist sie ihm Material für die Analyse. Dem Gläubigen ist sie Ton, den er formt,...
Page 13 - ... da vielleicht eine notwendige, sicher aber keine ausreichende Bedingung. Jeder von uns kennt Anwälte, Ingenieure, Ärzte, ja wahrscheinlich auch Philologen, die zwar intelligent und vielleicht sogar in ihren Fächern hervorragend sind, die man aber trotzdem kaum als Intellektuelle bezeichnen kann. Ein Intellektueller, wie ich ihn hier verstanden wissen möchte, ist ein Mensch, der innerhalb eines im weitesten Sinne geistigen Referenzsystems lebt. Sein Assoziationsraum ist ein wesentlich humanistischer...
Page 6 - ... wie ein glühendes Eisen in meinen Schultern", und war dieses „wie ein mir in den Hinterkopf gestoßener stumpfer Holzpfahl ?" — ein Vergleichsbild würde nur für das andere stehen, und am Ende wären wir reihum genasführt im hoffnungslosen Karussell der Gleichnisrede. Der Schmerz war, der er war. Darüber hinaus ist nichts zu sagen. Gefühlsqualitäten sind so unvergleichbar wie unbeschreibbar. Sie markieren die Grenze sprachlichen Mitteilungsvermögens. Wer seinen Körperschmerz mit-teilen...

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