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DER

UNTERGANG DES HELLENISMUS

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DIE EINZIEHUNG

SEINER TEMPELGÜTER

DURCH DIE CHRISTLICHEN KAISER.

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Die Pflanzung und das Wachsthum der christlichen Kirche inmitten der sinkenden Staaten des Alterthums ist eine Thatsache, deren Erforschung dem denkenden Beobachter einen tiefen Einblick in die innere Werkstätte des Völkerlebens und die Gesetze seiner Entwicklung gewährt; ja die ihn, falls er dessen fähig ist, über die Welt der Erscheinungen hinaus bis zu den Ursachen und lezten Gründen derselben leitet und, soweit dies dem sterblichen Menschen vergönnt ist, die Plane der göttlichen Weltvorsehung selbst ahnen lässt. Wir erkennen hier deutlicher als in irgend einem andern Momente der uns bekannten Menschengeschichte, dass die innere productive Kraft im Leben des Einzelnen wie der Völker die Religion ist, dass jedes frische menschliche Leben auf dieser Grundlage ruht, dass wo dieser Herd warm, das Leben stark ist, wo er erkaltet, mit ihm das Leben abstirbt, und dass eben darum in allen grossen Kämpfen des Völkerlebens überall da der Sieg, wo die stärkere Energie des religiösen Bewusstseins vorhanden ist. Dass demnach in dem grossen Principienkampfe der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung die Religion Christi und seiner unmittelbaren Nachfolger, der christlichen Märtyrer,

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über den ihr gegenüberstehenden Hellenisch-römischen Glauben, dessen Bekennern jener religiöse Heroismus fremd war, naturnothwendig siegen musste, auch ohne die politische Hilfe der christlichen Kaiser, wird keiner bezweifeln, der die geistigen Kräfte jener Kämpfer unbefangen zu würdigen versteht; denn dass der Starke den Schwachen, der Junge den Alten, der sittlich Bessere den sittlich Schlechten, der Gesunde den Kranken besiegt, ist natürlich; auch dass der Arme den Reichen bewältigt, der Mindergebildete den Überbildeten, ist psychologisch nicht unerklärlich; dass aber gleichzeitig mit dem Römischen Weltreiche die christliche Weltkirche gegründet wurde, nach der Herschaft des Schwertes die Herschaft des Wortes, nach der äusseren auch die innere Einheit; dass gleichzeitig mit der untergehenden alten Welt und auf deren Trümmern eine neue sich erhob, mit dem absterbenden Heidenthum das auflebende Christenthum, aus dem Tode neues Leben, statt der durch die Verschiedenheit der Religionen getrennten Staaten des Alterthumseine durch die Einheit der Religion verbundene christliche Völkerrepublik: das sind weltgeschichtliche Thatsachen, deren objective Logik den göttlichen Logos der darin waltet unverkennbar documentirt. Dass aber auch in diesem Kampfe die Vertheidiger der guten Sache nicht immer mit guten Mitteln gekämpft haben, ist freilich ebenso unleugbar; und wir heutige Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, am Vorabende einer ähnlichen Katastrophe des europäischen Lebens wie jene des vierten Jahrhunderts war, werden uns trotz der Erkenntnis seiner inneren Nothwendigkeit schwerlich einer mitfühlenden Theilnahme an dem Untergange des Hellenismus erwehren können. Denn wenn alle menschlichen Schicksale uns nicht fremd sind, so müssen uns die hellenischrömischen, an deren Ende unsere Anfänge anknüpfen, fast wie ein Vorspiel unserer eigenen anmuthen.

Es ist eine bekannte Erzählung an deren Wahrheit zu zweifeln kein Grund, dass schon der Kaiser Tiberius auf den Bericht des Pilatus die Absicht gehabt habe, Christum unter die Zahl der Götter aufnehmen zu lassen; was jedoch durch den Römischen Senat, ohne dessen Zustimmung kein neuer Cultus eingeführt werden durfte, vereitelt worden ist1. Die Verdächtigungen welche neuere Kritiker gegen diese Nachricht des Tertullianus als eines christlichen Apologeten vorbringen, sind haltlos, da alle einzelnen Momente derselben auch durch heidnische Historiker unterstützt werden. Denn dass Tiberius gegen die Römischen Götter gleichgültig, der Astrologie ergeben und Fatalist gewesen sei, bezeugt Suetonius ausdrücklich2; gleicherweise Tacitus, dass er dem Senate nach alter Weise zugestanden habe, den öffentlichen Cultus zu überwachen und darin zu bestätigen

1 Tertullianus Apol. 5. 21. Eusebius Hist. eccles. II, 2. Orosius VII, 4. Moses Choren. II, 30 p. 138. Syncellus T. I p. 621. Cedrenus T. I p. 330 f. und p. 336 f. Nicephorus Callistas Hist . eccles. II, 8.

2 Suetonius v. Tib. 69: circa deos ac religiones negligentior, quippe addictus mathematicae, persuasionisque plenus, cuncta fato agi.

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