Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde

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Dümmler, 1835 - German letters - 243 pages
 

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Band 1

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Page 104 - Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen. Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an. Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst — es ist das Ideal Deiner eignen höheren Natur, was Du im Geliebten berührst. Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.
Page 75 - Ich erkannte alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem, fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, — siehe, sie erhebt sich und kommt...
Page 89 - Wir sprachen auch von der Schönheit: Schönheit ist wenn der Leib von dem Geist, den er herbergt ganz durchdrungen ist. Wenn das Licht des Geistes von dem Leib den er durchdringt ausströmt und seine Formen umkreis't das ist Schönheit. Dein Blick ist schön, weil er das Licht Deines Geistes ausströmt und in diesem Lichte schwimmt. Der reine Geist bildet sich einen reinen Leib im Wort, das ist die Schönheit der Poesie.
Page 74 - Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes, durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen, alle Erkenntnis ist Liebe, drum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen göttlichen Natur. Hast Du geliebt? es war eine Spur göttlicher Natur, Du hobst die Grenze Deines Seins auf und dehntest Dich...
Page 76 - Glück sich in ihr finden, ich hätt' es nicht verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiß nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen, du kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schön findest, das mußt du lieben, oder du bist dir untreu. Schönheit erzeugt Begeistrung, aber Begeistrung für Schönheit ist die höchste Schönheit selbst.
Page 103 - Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir. Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm. Du erwirbst, Du hast Dich selbst, wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich. Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius. Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius. Gott lieben ist Gott genießen, wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl. Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel....
Page 183 - Ach und wie ich heute, eh ich in's stille verlassene Haus eintrat, noch den Berg hinaufging zum obersten Baum, der so mit mannigfachem Grün umwachsen ist, das all von Deiner Hand geleitet wurde, der seine Äste schützend über den Stein verbreitet, in den die Weihe der Erinnerung eingegraben ist! - Dort oben stand ich ganz allein...
Page 17 - Schweigen versunken ist; was sollt' ich zagen, von Dir nicht verstanden nicht gefühlt zu sein? — Drum will ich nicht schwören Dir etwas zu sein; es ist mir gewiß, daß ich Dir bin, was in einstimmender Schönheit ein Ton der Natur, eine geistige Berührung dieser sinnlichen Welt Dir sein kann. Im Juli. Diese Tage, diese Gegenden sie tragen das Antlitz des Paradieses. Die Fülle lacht mich an in der reifenden Frucht, das Leben jauchzt in mir, und einsam bin ich wie der erste Mensch; und ich lerne...
Page 224 - ... läßt: so war ich heiter und froh. — Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel über mich her wie ein erquickender Gewitterregen. So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren durch Kunstgefühl aufgelöst worden. Jedes in der heiligen Natur begründete sinnliche Gefühl, alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu der Sehnsucht, überzugehen in eine höhere Welt, wo das Sinnliche auch Geist wird.
Page 100 - Ich sah ein Inneres in mir, ein Höheres, dem ich mich unterworfen fühlte, dem ich alles opfern sollte, und wo ich's nicht tat, da fühlte ich mich aus der Bahn der Erkenntnis herausgeworfen, und noch heute muß ich diese Macht anerkennen: sie spricht allen selbstischen Genuß ab, sie trennt von den Ansprüchen an das allgemeine Leben und hebt über diese hinweg. Es ist sonderbar, daß das, was wir für uns selbst fordern...

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