Gnothi sauton: oder, Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte, Volume 6

Front Cover
 

What people are saying - Write a review

We haven't found any reviews in the usual places.

Other editions - View all

Common terms and phrases

Popular passages

Page 66 - Guion geschöpft hatte, von Alles und Eins, vom Vollenden in Eins usw., metaphysisch zu erklären, welches ihm sehr leicht wurde - indem die Mystik und Metaphysik wirklich insofern zusammentreffen, als jene oft eben das vermittelst der Einbildungskraft zufälligerweise herausgebracht hat, was in dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist...
Page 71 - Veranlassungen, wo ich hätte warm seyn sollen, ist der Mangel an Biegsamkeit und Geschmeidigkeit meines Charakters, die mühsame und schleppende Umschmelzung der Gestalt und des Tons meiner Vorstellungen. Ich bin eben in andre Gedanken vertieft, in fremdartige Betrachtungen und Gefühle hineingezogen, die meine ganze Vorstellungskraft noch beschäftigen und fesseln. Nun kann nichts tiefe Eindrücke auf meine Seele machen, alles Heterogene wird abgestoßen, oder in meinen vorigen Gedankenkreis hineingezogen,...
Page 69 - ... immer ärgerlich, wenn ich aus der Gesellschaft der Erwachsnen unter die Kinder verwiesen wurde. Wie kommt's, daß mich in Wissenschaften, die ich eigentlich studire, nicht bloß im Vorbeigehn ansehe, beinahe nichts, was ich gearbeitet vorfinde, nur zur Hälfte befriedigt, daß mir's, wenn's Andre noch so gut finden, doch das Rechte nicht ist, und ich immer eine — oft nur dunkle, aber äusserst lebhafte — Ahndung von etwas Besserm fühle, die mir den Genuß dessen, was da ist, zur Hälfte...
Page 71 - ... Vorstellungskraft noch beschäftigen und fesseln. Nun kann nichts tiefe Eindrücke auf meine Seele machen, alles Heterogene wird abgestoßen, oder in meinen vorigen Gedankenkreis hineingezogen, wo es nun ganz anders aussieht, und ganz etwas anders würkt, als wenn außer dieser und in einer ganz ändern Verbindung es mir sich darstellte. Am kältsten werde ich, wo die Begriffe des ändern, mit dem ich eben zu thun habe, mir zu idealisch, seine...
Page 67 - Wechsel der Vorstellungen. — Festigkeit einmal befestigter Neigungen und Gewohnheiten, weil solche Lagen der Vorstellungen, worin Neigungen anfangen, selten sind, also leichter vorhandne fortdauern, als neue entstehen. — Absondrung des Denkens vom Empfinden und Handeln. — Feste Freundschaft. Wenn auch äussere Ursachen Trennung veranlassen, und die Empfindung geschwächt ist, so ist doch die innerste verborgne Neigung kaum zu erschüttern. — Wenig Eitelkeit, viel Stolz. — Lebhafte...
Page 70 - ... oft gewaltsam hemmen muß. Ist das Seelenkrankheit, oder was sonst? An dem Mangel an Wärme und Enthusiasmus für's Gute, besonders für's Moralische, ist mein Hang zum Speculiren, zum Auflösen und Zergliedern, zum allgemeinen, abgezognen Denken, vornehmlich schuld. Gespaltne Strahlen wärmen minder als vereinte, und gespaltne Gedanken können das Herz nicht erwärmen, und ein kühles Herz kann nur aus Eitelkeit Eifer heuchlen. Ich finde immer Bedenklichkeiten gegen die Reinheit und den ächten...
Page 68 - ... Gegenwart geweint, selbst da, wo ich mit dem innersten Gefühl den Gedanken verband, daß vielleicht eine Thräne des Mitgefühls Trost für den geliebten Leidenden seyn würde. Kaum war ich allein, so ergoß sich das volle Herz in einen Strom von Thränen. Die männlichen Eigenschaften des Geistes zogen mich immer am stärksten an. Standhaftigkeit, Festigkeit, Duldsamkeit und Muth waren mir sehr bald die verehrungswürdigsten Eigenschaften eines Mannes, und ich dachte mir immer künftige Lagen...
Page 70 - Tat derselben wohl nicht, auf große Tugenden Verzicht zu thun, um die kleinern zu behaupten, und es ist eine Art von geistiger Enthaltsamkeit, die mir so wichtig scheint, als die körperliche nur immer seyn mag, welche darin besteht, seiner Sittlichkeit keinen höhern Schwung geben zu wollen, als man, ohne Schwindel und gefährlichen Fall zu befürchten, jetzt eben ausholten kann.
Page 69 - Gegentheil; ich fühlte mich gedemüthigt. Es war mir fast immer ärgerlich, wenn ich aus der Gesellschaft der Erwachsnen unter die Kinder verwiesen wurde. Wie kommt's, daß mich in Wissenschaften, die ich eigentlich studire, nicht bloß im Vorbeigehn ansehe, beinahe nichts, was ich gearbeitet vorfinde, nur zur Hälfte befriedigt, daß mir's, wenn's Andre noch so gut finden, doch das Rechte nicht ist, und ich immer eine — oft nur dunkle, aber äusserst lebhafte — Ahndung von etwas Besserm fühle,...
Page 69 - ... ich immer eine oft nur dunkle, aber äusserst lebhafte - Ahndung von etwas Besserm fühle, die mir den Genuß dessen, was da ist, zur Hälfte verdirbt, und macht, daß ich's auch nicht so fortpflanze und brauche, wie es wohl gut wäre. Wo es dann geschehen muß, weil ich nichts Beßres weiß und habe, da geschieht's doch mit Widerwillen und Unlust, deren unzeitigen Ausbruch ich oft gewaltsam hemmen muß. Ist das Seelenkrankheit, oder was sonst? An dem Mangel an Wärme und Enthusiasmus für's...

Bibliographic information