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besonderen Privilegien ihrer Provinzen, Städte, Genossenschasten zu versechten, mit kühnem Vertrauen auf Gott, ihren Muth und Verstand aufstanden, ohne Furcht vor der ungeheuren Meinung von der spanischen Oberherrschast über die halbe Welt allen Gesahren sich aussetzten, tapser ihr Vlut vergossen, und durch diese rechtliche Kühnheit und Ausdauer sich ihre religiöse und bürgerliche Selbstständigkeit siegreich errangen. Wenn wir irgend eine partikulare Gemüthsrichtung deutsch nennen können, so ist es diese treue, wohlhäbige, gemüthvolle Vürgerlichkeit, die im Selbstgefühl ohne Stolz, in der Frömmigkeit nicht bloß begeistert und andächtelnd, sondern im Weltlichen konkret fromm, in ihrem Reichthum schlicht und zufrieden, in Wohnung und Umgebung einsach, zierlich und reinlich bleibt, und in durchgängiger Sorgsamkeit und Vergnüglichkeit in allen ihren Zuständen, mit ihrer Selbstständigkeit und vordringenden Freiheit sich zugleich, der alten Sitte treu, die ältväterliche Tüchtigkeit ungetrübt zu bewahren u'eiß. Diese sinnige, kunstbegabte Völkerschast will sich nun auch in der Malerei an diesem ebenso kräftigen als rechtlichen, genügsamen, behaglichen Wesen erfreuen, sie will in ihren Bildern noch einmal in allen möglichen Situationen die Reinlichkeit ihrer Städte, Häuser, Hausgeräthe, ihren häuslichen Frieden, ihren Reichthum, den ehrbaren Putz ihrer Weiber und Kinder, den Glanz ihrer politischen Stadtfeste, die Kühnheit ihrer Seemänner, den Ruhm ihres Handels und ihrer Schisse genießen, die durch die ganze Welt des Oeeans hinsahren. Und eben dieser Sinn für rechtliches, heitres Dasein ist es, den die holländischen Meister auch für die Naturgegenstände mitbringen, und nun in allen ihren malerischen Produktionen mit der Freiheit und Treue der Aufsassung, mit der Liebe für das scheinbar Geringfügige und Augenblickliche, mit der offenen Frische des Auges und unzerstreuten Einsenkung der ganzen Seele in das Abgeschlossenste und und Begrenzteste, zugleich die höchste Freiheit künstlerischer Komposition, die seine Empsindung auch für das Nebenfächliche und die vollendete Sorgsamkeit der Ausführung verbinden. Auf der . einen Seite hat diese Malerei in Seenen aus dem Kriegs- und Soldatenleben, in Auftritten in Schenken, bei Hochzeiten und anderen bäurischen Gelagen, in Darstellung häuslicher Lebensbeziige, in Portraits und Naturgegenständen, Landschasten, Thieren, Blumen u. f. f. die Magie und Farbenzauber des Lichts, der Beleuchtung und des Kolorits überhaupt, anderer Seits die durch und durch lebendige Charakteristik in größter Wahrheit der Kunst unübertrefflich ausgebildet. Und wenn sie nun aus dem Unbedeutenden und Zufälligen auch in das Bäurische, die rohe und gemeine Natur sortgeht, so erscheinen diese Seenen so ganz durchdrungen von einer unbesanZenen Frohheit und Lustigkeit, daß nicht das Gemeine, das nur gemein und bösartig ist, sondern diese Frohheit und Unbesangenheit den eigentlichen Gegenstand und Inhalt ausmacht. Wir sehen deshalb keine gemeinen Empsindungen und Leidenschasten vor uns, sondern das Bäurische und Naturnahe in den unteren Ständen, das froh, schalkhaft, komisch ist. In dieser unbekümmerten Ausgelassenheit selber liegt hier das ideale Moment: es ist der Sonntag des Lebens, der alles gleichmacht, und alle Schlechtigkeit entsernt; Menschen, die so von ganzem Herzen wohlgemuth sind, können nicht durch und durch schlecht und niederträchtig seyn. Es ist in dieser Rücksicht nicht dasselbe, ob das Böse nur als momentan oder als Grundzug in einem Charakter heraustritt. Bei den Niederländern hebt das Komische, das Schlimme in der Situation auf, und uns wird sogleich klar, die Charaktere können auch noch etwas Anderes seyn, als das, worin sie in diesem Augenblick vor uns stehen. Solch eine Heiterkeit und Komik gehört zum unschätzbaren Werth dieser Gemälde. Will man dagegen in heutigen Bildern der ähnlichen Art pikant seyn,'so stellt man gewöhnlich etwas innerlich Gemeines, Schlechtes und Böses ohne versöhnende Komik dar. Ein böses Weib z. V. zankt ihren betrunkenen Mann in der schenke aus, und zwar rechk bissig; d» zeigt sich denn, wie ich

schon früher einmal anführte, nichts, als daß Er ein liederlicher Kerl und Sie ein geistiges altes Weib ist.

Sehen wir die holländischen Meister mit diesen Augen an, so werden wir nicht mehr meinen, die Malerei hätte sich solcher Gegenstände enthalten, und nur die alten Götter, Mythen und Fabeln, oder Maoonnenbilder, Kreuzigungen, Martern, Päpste, Heilige und Heiliginnen darstellen sollen. Das was zu jedem Kunstwerk gehört, gehört auch zur Malerei; die Anschauung, was überhaupt am Menschen, am menschlichen Geist und Charakter, was der Mensch und was dieser Mensch ist. Diese Aufsassung der inneren menschlichen Natur und ihrer äußeren lebendigen Formen und Erscheinungsweisen, diese unbesangene Lust und künstlerische Freiheit, diese Frische und Heiterkeit der Phantasie und sichere Keckheit der Ausführung macht hier den poetischen Grundzug aus, der durch die meisten holländischen Meister dieses Kreises geht. In ihren Kunstwerken kann man menschliche Natur und Menschen studieren und kennen lernen. Heutigen Tages aber muß man sich nur allzuoft Portraits und historische Gemälde vor Augen bringen lassen, denen man, aller Aehylichkeit mit Menschen und wirklichen Individuen zum Trotz, doch auf den ersten Blick schon ansieht, daß der Künstler weder weiß, was der Mensch und menschliche Farbe, noch was die Formen sind, in denen der Mensch, daß er Mensch sey, ausdrückt.

Zweites lkapitel. *'
Die M u s i lt.

blicken wir auf den Gang zurück, den wir bisher in der Entwickelemg der besonderen Künste versolgt haben, so begannen wir mit der Architektur. Sie war die unvollständigste Kunst, denn wir fanden sie unfähig, in der nur schweren Materie, welche sie als ihr sinnliches Element ergriff und nach den Gesetzen der Schwere behandelte, Geistiges in angemessener Gegenwart darzustellen, und mußten sie darauf beschränken, aus dem Geiste für den Geist in seinem lebendigen, wirklichen Daseyn eine kunstgemäße äußere Umgebung zu bereiten. < .,

Die Skulptur dagegen zweitens machte sich zwar das Geistige selbst zu ihrem Gegenstande, doch weder als partikularen Charakter, noch als subjektive Innerlichkeit des Gemüths, sondern als die freie Individualität, welche sich ebensowenig von dem substantiellen Gehalt, als von der leiblichen Erscheinung des Geistigen abtrennt, sondern als Individuum nur soweit in die Darstellung hineingeht, als es zur individuellen Verlebendigung eines in sich selbst wesentlichen Inhalts erforderlich ist, und als geistiges Inneres die Körpersormen nur um so viel durchdringt, als es die in sich unzerschiedene Einigung des Geistes und seiner ihm entsprechenden Naturgestalt zuläßt. Diese für die Skulptur nothwendige Identität des nur in seimm leiblichen Organismus, statt im Elemente seiner eigenen Innerlichkeit, für sich seyenden Geistes theilt dieser Kunst die Aufgabe zu, als Material noch die schwere Materie beizubehalten, die Gestalt derselben aber nicht, wie die Architektur, als eine blos unorganische Umgebung nach den Gesetzen des Lastens und Tragens zu sormiren. sondern zu der dem Geist und seiner idealen Plastik adäquaten klassischen Schönheit umzuwandeln.

Wenn sich'die Skulptur in dieser Rücksicht besonders geeignet zeigte, den Gehalt und die Ausdrucksweise der klassischen Kunstsorm in Kunstwerken lebendig werden zu lassen, während die Architektur, welchem Inhalt sie sich auch dienstbar erweisen mochte, in ihrer Darstellungsart über den Grundtypus einer nur symbolischen Andeutung nicht hinauskam, so treten wir drittens mit der Malerei in das Gebiet des Romantischen hinein. Denn in der Malerei ist zwar auch noch die äußere Gestalt das Mittel, durch welches s^ das Innere offenbar macht, dieß Innere aber ist die ideelle, besondere Subjektivität, das aus seinem leiblichen Daseyn in sich gekehrte Gemüth, die subjektive Leidenschaft und Empsindung des Charakters und Herzens, die sich nicht mehr in die Außengestalt total ergießen, sondern in derselben gerade das innerliche Fürsichseyn und die Beschäftigung des Geistes mit dem Vereich seiner eigenen Zustände, Zwecke und Handlungen abspiegeln. Um dieser Innerlichkeit ihres Inhalts willen kann die Malerei sich nicht mit der einer Seits nur als schwer gestalteten, anderer Seits nur ihrer Gesialt nach aufzusassenden, unpartikularisirten Materie begnügen, sondern darf sich nur den Schein und Farbenschein derselben zum sinnlichen Ausdrucksmittel erwählen. Dennoch ist die Farbe nur da, um räumliche Formen und Gestalten, als in lebendiger Wirklichkeit vorhanden, selbst dann noch scheinbar zu machen, wenn die Kunst des Malens zu einer Magie des Kolorits sich sortbildet, in welcher das Objektive gleichsam schon zu verschweben beginnt und die Wirkung sast nicht mehr durch etwas Materielles geschieht. Wie sehr deshalb die Malerei sich auch zu dem ideelleren Freiwerden des Scheines entwickelt, der nicht mehr an der Gestalt als solcher

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