Studien über die innern zustände: das volksleben und insbedondere die ländlichen einrichtungen Russlands (Google eBook)

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In der Hahn'schen Hofbuchhandlung, 1852 - Russia
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Page 124 - ... war, wie die Theilfürsten, selbst wenn vielleicht ein jüngerer Bruder Großfürst wurde, nannten ihn die älteren Brüder stets: „Aeltester". Der Großfürst Wladimir Monomach hinterließ seinen Kindern in seinem Testamente die Regel : Den Alten ehrt wie den Vater, den Iungen wie den Bruder. — In den auf diese Weise organisirten slavischen Familien hatte nun kein Glied ein abgesondertes Vermögen, alles war vielmehr Gesammtgut, über welchem jedem erwachsenen Familiengliede die freieste...
Page 86 - ... wenn ein Russe einem Popen begegnet, daß er ihm demüthig die Hand küßt. Man will daraus schließen, daß er den Popen nur als Träger und Spender der Saeramente äußerlich ehre, aber innerlich verachte, oder gar hasse. Das ist eine der halben Wahrheiten, die stets zu falschen Schlüssen führen. Der Russe hat die größte religiöse Ehrfurcht vor dem Amt und der Weihe des Geistlichen. Ist nun der Geistliche zugleich ein würdiger Mann, ist sein Leben religiös und untadelhaft, ist er gar...
Page 92 - Entscheidung zu geben. Wir wollen den Fall setzen, eine neue Ketzerei tauchte in Rußland auf, die einer Entscheidung bedürfte, so würde es Niemandem und dem Kaiser am wenigsten einfallen, darüber das Urtheil auszusprechen. Der jeweilige Synod würde dies thun und, wäre die Frage kritisch, so würden Anfragen an die vier anderen Patriarchen des Orients ergehen, zuletzt wohl gar ein Coneilium provoeirt werden.
Page 138 - ... Landmasse hat der russischen Gesellschaft denn auch ein so hohes Maß an Mobilität abgefordert, daß der übersiedelnde Bauer noch im 19. Jahrhundert eine Standardfigur der Kunst und Literatur abgab. Haxthausen erspürt diese Beweglichkeit recht deutlich, wenn er an einer Stelle schreibt: „So findet man nun auch noch jetzt bei den Russen wenig Anhänglichkeit an die Scholle, worauf er sitzt, an den Boden, den er jeweilig auf kürzere oder längere Zeit bearbeitet. Sein wahres Leben ist ein...
Page 91 - ... Metropoliten von Kieff, später von Moskau ernannte. In der zweiten Periode von 1589 an, regierte ein vom Zaar ernannter, aber sonst selbstständiger, fast unabhängiger Patriarch die Kirche. In der dritten endlich, geht die essentielle Lenkung und Leitung der Kirche auf den Zaar über. Dennoch nennt man den Kaiser mit Unrecht das Oberhaupt der russischen Kirche in dem Sinne, wie man mit voller Befugniß den Pabst das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche nennen muß. Der Kaiser übt die...
Page 211 - Kirche begründen, fehlt das centrum umtHtil,, an welches sich jede geistige Bewegung reetisieiren kann, so kann das bloße Patriarchat dieß nie ersetzen. Dasselbe muß nothwendig zur Erstarrung alles Lebens führen, wie wir dieß in den vier orientalischen Patriarchaten vor Augen haben. — Die Abschaffung des Patriarchats in Rußland halten wir für das größte Glück, welches Rußland betroffen. Alle reellen Verbesserungen in der Organisation der Kirche, der Erziehung des Clerus und des Volks...
Page 224 - ... Christenthum und Civilisation, jeder von seiner Seite und Stellung her, über Asien zu verbreiten, Rußland vom Landwege, England vom Seewege her. Dort müssen sie dereinst sich begegnen, allein es ist nicht nöthig, daß dieß feindlich geschehe! Die Auffassung des Christenthums von Seiten des slavischen Volksstammes und ihre äußere Darstellung und Form, die russische Kirche, wird nimmermehr weder die lateinische Kirche, noch den Protestantismus sich zu inkorporiren vermögen, denn beide sind...
Page 150 - Bei den Russen existirt kein National- und Familienband ohne Centrum, ohne Einheit, ohne Haupt, ohne Vater, ohne Herrn, das ist ihm zur Existenz, zum Leben durchaus nothwendig, unentbehrlich. Der Russe schafft sich den Vater, wenn von Gott ihm der natürliche genommen! Selbst die freie Gemeinde wahlt sich den Alten (Starosta) und gehorcht ihm unbedingt, er ist nicht ihr Delegirter, sondern ihr Vater mit voller und natürlicher Autorität".
Page 138 - ... worauf er sitzt, an den Boden, den er jeweilig auf kürzere oder längere Zeit bearbeitet. Sein wahres Leben ist ein stetes Wandern auf allen Landstraßen. Er zieht mit Wagen und Pferden in langen Zügen mit seinen Genossen wie in einer Nomadenhorde umher. Zu Hause in seinem Dorfe sind es nur seine Familie, seine Nachbarn, die ganze Gemeinde, überhaupt die Persönlichkeiten, womit er sich innig verbunden fühlt, nicht der Grund und Boden*). Er entschließt sich gar leicht zum Auswandern mit...
Page 147 - Da ihm viel Geld durch die Hand geht, achtet er den Kopek nicht! In seiner Familie und dem Hauswesen duldet er nirgends feste Formen und Regeln, kein scharf abgegrenztes Verhältniß, nicht einmal zwischen Aeltern und Kindern, Vater und Sohn, zwischen Mann in

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