Das tägliche Brot: Roman, Volume 1

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E. Fleischel, 1907
 

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Page 67 - ... Herrschaft durchgehechelt wie Flachs, den man durch die scharfen Zähne der Hechel zieht. Die eine Herrschaft war zu streng, die andere zu nachsichtig; die zu schlumpig, jene zu geizig ; jene zu genäschig — für drinnen auf den Tisch nichts gut genug, für die Dienstboten draußen alles zu teuer. Jene Madam war ein Zankteufel und der Herr ein Esel; die zweite Madam zu putzsüchtig, die dritte scheinheilig, die vierte dämlich, die fünfte vergnügungstoll, die sechste hatte einen Liebhaber...
Page 84 - Straße zum Erlernen des Radfahrens aus; ungeschickt lenkte er sein Rad und wackelte unsicher hin und her. Knaben mit rotgeriebenen, wie poliert glänzenden Gesichtern, ganz wie erwachsene Lungerer die Hände in die Hosentaschen haltend, umstanden einen Laternenpfahl und berieten einen Streifzug übers Tempelhofer Feld.
Page 68 - ... Aber der Keller ist eine Freistatt, wo man dem Herzen Luft machen kann. Alle Abende nach neun Uhr ist dort „großer Kongreß". Dort bricht der aufgespeicherte Groll aus: „Ein immerwährender Neid bebte in all diesen Herzen unter dem Mägdekleid; ein dumpfer, unbewußter, aber unauslöschlicher Groll hatte sich da eingenistet. Immer dienen, dienen! Immer gehorchen, wenn Die befahlen; nur alle vierzehn Tage einmal sein freier Herr sein dürfen, unkontrollirt genießen können, wie Jene alle...
Page 37 - Körper war übergössen davon. Für kurze Augenblicke umnebelten sich ihre Gedanken - sie glaubte, daheim Im Golmützer Forst ins Moor geraten zu sein, zäh und schlammig hing sich's ihr an die Füße und zog sie tiefer und tiefer; ein scheußlich stinkender Moderduft stieg auf. Sie wollte den Arm heben...
Page 84 - Tempelhofer Feld. Spielende Hunde jagten, vergnügt kläffend, in lustigen Sprüngen über die wagenleere Straße ; an einem Fenster schmetterte ein Kanarienvogel, dessen Lied sonst im Lärm des Alltags erstarb. Noch hing ein feiner silbriggrauer Duft wie...
Page 216 - Mine einer Anrede würdigte, und dann der Major, hielten auch die Leutnants nicht länger zurück. Sie lachten ungeniert. Erst hatte Mine frischweg geantwortet, aber als sie fühlte, daß das Lachen ihr galt, rannte sie zum Zimmer hinaus, ließ sich draußen in der Küche auf die Eimerbank fallen und verbarg das glühende Gesicht in den Händen.
Page 123 - Woche kaufte sie für zwanzig Pfennige ein Heft vom Kolporteur, der die Hintertreppe herauf geschlichen kam; mitunter auch zwei Hefte. Sie konnte gar nicht genug lesen von der betrogenen Unschuld armer Mädchen, von den reichen Verführern, von den geheimnisvollen Schandthaten der großen Stadt. Nachts lag sie in ihrer kalten Kammer, - die verklammten Hände hielten das Heft kaum -, und las.
Page 124 - Wand. Sie las und las. Ein feuchter Moderhauch strich durch die nie geheizte Kammer, fröstelnd zog sie das Tuch, das sie über ihre Nachtjacke geknüpft, fester um sich. Mitternacht; es wurde eins, auch noch später. Endlich löschte sie das Licht, schüttelte sich in woll« lüstigem Grausen und zog die Decke bis zum Kinn.
Page 118 - Der Reschkesche Keller glich einer dampfigen Höhle, in der man Gestalten auf und nieder tauchen sah, wie höllische Wesen in einem brodelnden Hexenkessel.
Page 219 - wir werden Sie ,Anna' rufen; ich heiße nämlich Else, aber mein Mann nennt mich ,Minnie', und das ist denn doch zu ähnlich mit Ihnen! Also ,Anna'!

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