Goethe-Brevier: Goethes Leben in seinen Gedichten

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K. Schüler, 1895 - Poetry - 408 pages
Excerpt from Goethe-Brevier: Goethes Leben in Seinen Gedichten

Die Philister und es gibt deren in Deutschland verdrehen je nach dem Grade ihrer Bildung sanfter oder heftiger die Augen, sobald die Rede auf Goethesche Lyrik kommt, und viele von ihnen können den Erlkönig auswendig. Fur einen lebenden deutschen Dichter dagegen und es gibt auch deren jetzt in Deutschland haben sie nur je nach dem Grade ihrer Begabung schlechtere oder bessere Witze.

Mit einem ebenso wunderlichen wie kost baren Selbstbewusstsein spielen sie ihren Goethe wie einen Trumpf aus gegen den modernen Poeten. Was willst du armer Teufel geben! Goethe! Ja Goethe! Es klingt wie Flöten ton von ihrem Munde.

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Page 185 - Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht — Kennst du es wohl? Dahin! Dahin Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Page 160 - Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. „Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?" „Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Krön und Schweif?" „Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif." „Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel ich mit dir; Manch bunte Blumen sind an dem Strand; Meine Mutter hat manch gülden Gewand.
Page 61 - Es war ein König in Thule, Gar treu bis an das Grab, Dem sterbend seine Buhle Einen goldnen Becher gab. Es ging ihm nichts darüber, Er leert' ihn jeden Schmaus; Die Augen gingen ihm über, So oft er trank daraus.
Page 208 - Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt. Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab ? Dann versteh ich den Marmor erst recht; ich denk und vergleiche, Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.
Page 106 - Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer; Ich finde sie nimmer Und nimmermehr. Wo ich ihn nicht hab, Ist mir das Grab, Die ganze Welt Ist mir vergällt.
Page 314 - Herzen, schleppt' ich meine langen Tage. Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste Gut! Und, zu enden meine Schmerzen, ging ich, einen Schatz zu graben. Meine Seele sollst du haben! schrieb ich hin mit eignem Blut. Und so zog ich Kreis' um Kreise, stellte wunderbare Flammen, Kraut und Knochenwerk zusammen; die Beschwörung war vollbracht.
Page 20 - Sah kläglich aus dem Duft hervor; Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern, welches Feuer!
Page 20 - Es war getan, fast eh gedacht; Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche, Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.
Page 152 - Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser : Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.
Page 147 - AN DEN MOND Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz; Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Über mein Geschick. Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh' und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud und Schmerz In der Einsamkeit.

About the author (1895)

Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832 Johann Wolfgang von Goethe was born in Frankfurt am Main. He was greatly influenced by his mother, who encouraged his literary aspirations. After troubles at school, he was taught at home and gained an exceptionally wide education. At the age of 16, Goethe began to study law at Leipzig University from 1765 to 1768, and he also studied drawing with Adam Oeser. After a period of illness, he resumed his studies in Strasbourg from 1770 to 1771. Goethe practiced law in Frankfurt for two years and in Wetzlar for a year. He contributed to the Frankfurter Gelehrte Anzeigen from 1772 to 1773, and in 1774 he published his first novel, self-revelatory Die Leiden des Jungen Werthers. In 1775 he was welcomed by Duke Karl August into the small court of Weimar, where he worked in several governmental offices. He was a council member and member of the war commission, director of roads and services, and managed the financial affairs of the court. Goethe was released from day-to-day governmental duties to concentrate on writing, although he was still general supervisor for arts and sciences, and director of the court theatres. In the 1790s Goethe contributed to Friedrich von Schiller ́s journal Die Horen, published Wilhelm Meister's Apprenticeship, and continued his writings on the ideals of arts and literature in his own journal, Propyläen. The first part of his masterwork, Faust, appeared in 1808, and the second part in 1832. Goethe had worked for most of his life on this drama, and was based on Christopher Marlowe's Faust. From 1791 to 1817, Goethe was the director of the court theatres. He advised Duke Carl August on mining and Jena University, which for a short time attracted the most prominent figures in German philosophy. He edited Kunst and Altertum and Zur Naturwissenschaft. Goethe died in Weimar on March 22, 1832. He and Duke Schiller are buried together, in a mausoleum in the ducal cemetery.

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