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5. Wichtig zu erörtern ist das schon hier zu berührende, aber unten in der angewandten Philosophie der Menschheit genauer zu betrachtende Verhältniss der Ausbreitung des Menschengeschlechtes, der stammlichen und volklichen Abstammung nach (Ausbreitung als reine Bevölkerung), und der Ausbreitung der Lebenbildung, der Menschheitbildung (Kultur), welche nach bestimmten Gesetzen von Volk zu Volk geht. Daher muss man in der Lebenentwickelung der einzelnen Völker (z. B. der Griechen) unterscheiden: a) ihren Urzustand und die angeborne und durch Sonnlage mitbestimmte Eigenthümlichkeit, die natürlichen Anlagen, das Genie eines Volkes, von b) den von aussen empfangenen Anfängen, Grundlagen, Anreizungen zu höherer Menschheitlebenbildung (Kultur), und dieses beides c) von der Lebenentfaltung selbst, wie das von aussen Empfangene in des Volkes Eigenleben aufgenommen, umgebildet, höhergebildet, eigenvollendet wird.

Hierher gehört auch die Ausführung der besonderen, theilallgemeinen Gesetze der Lebenentfaltung der Menschheit.

Das Leben der Menschheit entfaltet sich nachfolgend und gemäss der Ausbildung des Lebenschauplatzes nach dessen Wesenheit und Gliedbau.

Es wäre hier noch Vieles zu erörtern; so: die Perioden wachsen in Zeitlänge und abwachsen; dann wiederum: die Epochen greifen in einander über in bestimmen Verhältnissen; aber sie treten oft auch äusserlich unvorbereitet und vollstimmig ein, ähnlich den Stimmen in der Musik, in musikalischen Kunstwerken.

6. Die Lebenentfaltung einer jeden Theilmenschheit im Weltall ist, sowie überhaupt jedes endliche, noch so umfassige und ausgebreitete Leben, dem Glücke und Unglücke, und zwar dem inneren und dem äusseren Glücke und Unglücke, ausgesetzt, also auch dem Missbilden, Fehlbilden, Mangelbilden (Fehlwachsen, Misswachs), der Krankheit fähig, — ja sogar solcher Krankheiten und Verbildungen, die während ihrer ganzen Dauer unheilbar sind. Dieses richtet sich auch nach der Naturstufe, worauf der Himmelskörper steht, auf dem eine Theilmenschheit lebt.*)

*) Daher kann das einzige Beispiel eines individuellen EinzelMenschheitlebens auf dieser Erde, welches kaum erst seine Jugend beginnt, nicht als ein Beweisgrund von allgemeiner Unfähigkeit, unheilbarer Krankheit und Krüppelhaftigkeit angeführt und geltend gemacht werden. — Es wird nicht und kann nicht einer jeden Theilmenschheit so unglücklich gehen, als dieser, — aber auch grösseres und vielfacheres Unglück ist möglich, als das ist, welches dieser Menschheit widerfahren ist.

Die urgeistigen Einzelmenschen, die in einem Volk geboren werden, bilden sich gemäss dem Volksgeiste auf eigengute und -schöne Weise aus.

Zweites Kapitel.
§ 43.

Das Leben einer Theilmenschheit als ein selbständiges Ganzes und in seiner Entfaltung nach den Hauptlebenaltern und deren untergeordneten Theillebenaltern.

Allgemeiner Lehrsatz hierüber: Die Theilmenschheit ist in ihrem ganzen Leben, vom ersten Menschen bis zum letzten Menschen, Ein stetiges, individuelles Ganzes, sowohl leiblich, als geistig, — Ein Individuum, Eine wahre Person. Jeder Einzelmensch ist darin ein wesentlicher, dem Ganzen organisch verketteter, einverleibter Theil, obgleich das Vereinleben der Individuen in selbiger mit dem Fortschreiten des Lebens selbst erst vollgliedrig, vollkräftig, allseitig, gleichförmig, vollendet organisch wird. Die gesellschaftliche Ausbildung geschieht stufenweis; es treten nach und nach immer höhere Personen in das Leben der Menschheit ein (erst Einzelmenschen: generatio aequivoca; dann Familien). Auch die höheren Personen in der Menschheit sind anfänglich von einander unabhängiger, weniger verbunden, zerstreuter, z. B. Familien, Ortschaften, Stämme, Völker, Vereine für Wissenschaft und Kunst, Religionsvereine. Nach und nach werden sie immer mehr organisch unter sich verbunden.

§ 44.

Beschreibung der Hauptlebenalter der Menschheit.

Die Menschheit jedes Himmelswohnortes entfaltet sich, gemäss dem allgemeinen Lebengesetze in drei Hauptlebenaltern oder Hauptperioden.

1. Lebenalter. Lebenalter des Keimens (Keimlebenalter, Keimlebalter), der ersten Kindheit, vergleichbar dem Zustande des Inkeimlings im Leibe der Mutter; thetische Periode, wo das werdende Wesen, als noch eine in sich beschlossene, im höheren Ganzen gehaltene Einheit, seine Organe und Kräfte entfaltet.

Gemäss der Idee dieses Lebenalters ist die Menschheit in selbigem zu denken als nach ihren Einzelmenschen im innigen Verhältnisse der Lebeneinheit mit Gott, mit Vernunft, mit Natur und mit dem Geisterreiche, von ihnen allen gehalten und geschirmt; als Keimling, ähnlich dem Einzelmenschen im Leibe der Mutter.

Die Sphäre der dem Geiste offenstehenden Sinnlichkeit ist weiter und inniger: inheller Zustand, und dadurch ist das Bestehen des Menschen in der Natur bei noch nicht gestalteten nützlichen Künsten möglich.

Auch muss das Leben der Natur selbst in der Blüthenzeit der Menschheit weit mehr im Stande der urschöpferischen Kraft gedacht werden, als sie jetzt ist.

Die Einzelnen sind in jener Zeit der Gesellschaft durch reinen Trieb der Liebe verbunden, der Verein ist zu denken wie der Verein sich liebender Geschwister. Stand der Unschuld, der reinmenschlichen Kindlichkeit, war der gemeinsame Zustand, auch der Erwachsnen. Der Umgang der Menschen mit der Natur ist inniger, freier und schöner, als hernach, wo die herangewachsne Kindheit ihrer eignen Bestimmung zu freier Entwickelung überlassen wurde.

In diesen Zustand der kindlichen Unschuld und des Vereinlebens mit Gott, Vernunft und Natur soll dann die Menschheit in ihrem dritten Hauptlebenalter zurückkehren.

Aus diesem Zustande der kindlichen Unschuld gehen die Ueberlieferungen der erstwesentlichen Wahrheiten, Gefühle und gesellschaftlichen Einrichtungen in den zweiten Zustand über und begründen so die frei zu erwerbende Bildung.*)

*) Was die Geschichte der Erde angeht, so haben wir aus diesem Alter keine besimmten Nachrichten (es ist ähnlich, wie bei dem Einzelmenschen, dessen Geschichte auch später beginnt). Aber allgemein sind die Sagen von dem goldenen Zeitaltert), vom Leben im Paradiese, von dem Stande der liebevollen, frommen Unschuld, des kindlichen Friedens. Die Auflösung dieses Zustandes wird vorgestellt als veranlasst durch das Entstehen des freien Nachdenkens, des Erkennens des Guten und Bösen, des Entstehens überwiegender sinnlicher Neigungen, — da habe Gott, und ebenso die Geister, die Menschheit verlassen und ihrer Noth und Arbeit überlassen, das Paradies sei verschlossen worden, — die Menschen haben Künste und Wissenschaft erfunden, Städte gebaut u. s. w. So erzählt die mosaische Urkunde, so erzählen ausführlicher die uralten indischen Bücher.

Die mosaische Urkunde zeigt sich nunmehr als (wenn auch mittelbar, durch die ägyptischen Tempeldenkmale und Priesterüberlieferung) von den indischen Mythen ausgegangen. Man vergleiche nur Oupnekhat und Manu's Gesetzgebung.

Die ältesten Lehrbücher der Menschheit, die Bibel und die noch älteren Vedams der Inder, schreiben die grundwesentlichen Erkenntnisse, vorzüglich die Erkenntniss Gottes und des Verhältnisses der Menschheit zu Gott, aus jener früheren Kindheit her, wo Gott selbst und reine Geister diese Wahrheiten frommgesinnte Menschen gelehrt haben.

f) Dieser Behauptung des ersten, gottinnigen Lebenalters der Menschheit steht entgegen die Lehre einiger philosophischen Systeme, wonach die Menschen ausgegangen sind vom Stande roher, stumpfer, dumpfer Thierheit und nach und nach, obschon sich selbst überlassen, fortgegangen sind zu höherer Entfaltung.

Abgesehen davon, dass die Urwissenschaft in der Idee Gottes und des Lebens in Gott das Widerspiel lehrt, ist auch die geschichtliche Erfahrung wider diese Annahme. Denn es ist zwar nicht zu leugnen, dass wir viele Völker auf verschiedenen Stufen thierischer Roheit finden in Erdländern, die von denen, worauf sich die Kultur fortschreitend entwickelt hat, fern sind. Aber dieses beweist nichts in Ansehung der Urzeit, und diese Völker können sich, losgetrennt durch Unglück von der § 45.

II. Lebenalter. Das Lebenalter der selbständigen Ausbildung im fortschreitenden Wachsthum bis zur Reife des Lebens. Wachslebenalter; Wachslebalter.

Antithetische Periode, Hervortreten der einseitigen Gegensätze, wobei nacheinander die einzelnen Theile der menschlichen Bestimmung überwiegen, sowie nach und nach die Lebenvereinigung mit den Höherwesen gelöst wird, und die mütterliche Schirmung wegfällt. Die Nothwendigkeit der Entwickelung ist das Freigeben und Entlassen von Seiten des höheren Ganzen, wovon die Menschheit zuvor geschirmt und gepflegt wurde.

In dieser Periode waltet die Vielheit und die Mannigfalt vor; die Idee der Ganzheit, der ungetheilten und gegliederten

in der Kultur fortschreitenden Menschheit, gebildet haben, wie bei vielen nachgewiesen werden kann. —

Und gerade diese Erfahrung zeigt vielfach, wie langsam sich Völker aus dem Zustande der Roheit emporbilden, wenn sie sich im zweiten Hauptlebenalter von der übrigen Entfaltung des Menschheitlebens losgerissen haben, ähnlich wie Kinder, die im Walde sich verliefen und in einen thierähnlichen Zustand verfielen, — vorausgesetzt, dass sie es aus eigenen Kräften thun und leisten sollen Da wird der Zustand in Jahrtausenden nur wenig verändert. Der Grund ist:

1. Die Menschen let>en im Gebiete der Sinnlichkeit zerstreut, gehen nur auf sinnliche Befriedigung aus, die sie finden, und dabei ist der Mensch zugleich mit Wenigem vergnügt und, eröffnet sich Gelegenheit, unersättlich;

2. es mangeln ihnen die höheren Grundwahrheiten, die rechte Erkenntniss Gottes, des Guten, des Schönen, des Menschen, der Menschheit. — Nicht die Fähigkeiten mangeln ihnen, sondern der belebende, zur Forschung erregende, das Gemüth erwärmende, den ganzen Menschen neubelebende Strahl der göttlichen Wahrheit.

Daher sehen wir, wenn es gelingt, einem rohen Volke richtige Religionsvorstellungen beizubringen, und sie dadurch von ihren menschheitwidrigen Gewohnheiten und Gebräuchen abzubringen, dass sie in einem Menschenalter schnellere Fortschritte machen, als vorher in Jahrtausenden, z. B. jetzt, wo in Polynesien das Christenthum eingeführt wird.

Die Annahme einer uralten Ueberlieferung der Grundwahrheiten aller Kultur ist also mit Vernunft und Erfahrung wohl verträglich. Es ist eine durchaus falsche Grundansicht, dass der Mensch und die Menschheit vom Thierischen ausgehen; denn die Thierheit schreitet nicht fort. Die Thierheit hat sinnliche und aufs Sinnliche sich beziehende und darauf sich beschränkende Verstandeserkenntnisse. Aber die ewigen, urwesentlichen Ideen fehlen, und zuhöchst die Idee: Gott. Der Thierheit ist die Menschheit an Gottes Statt, — als ihr höherer Instinkt. Der Thiergeist ist vom Menschengeist nicht dem Grade, sondern der Art nach unterschieden. Stetgrade und Stetstufen sind von Artgraden und Artstufen sorgfältig zu unterscheiden! Die Affen, auf deren Bildung man die grösste, anhaltendste Arbeit verwandt hat, sind im Wesentlichen nicht weiter gekommen, als etwa Haushunde, gezähmte Pferde, sie haben nicht reden gelernt, sind verstand- und vernunftlose Thiere ohne Ahnung des Uebersinnlichen geblieben.

Wesenheit, der Organisation, mangelt im Bewusstsein, im Gefühl und im Willen, d. i. sie steht dem Leben noch nicht als Zweckbegriff vor. Die Menschheit geht nun, sich selbst überlassen, ihre Bahn und muss zugleich ihr äusseres Dasein der Natur abkämpfen und ablernen. Der Lebenkreis beschränkt sich auf die Erkenntniss der Natur und der Geister durch die fünf äusseren Sinne des Leibes. Die Hellsicht, weil sie ein Theillebniss (Symptom) der Lebenvereinheit mit dem höheren Ganzen ist, worin die Menschheit lebt, mit der Vernunft, mit der Natur, mit höheren Ganzen der Menschheit und mit Gott als Urwesen und als Urleben, kommt nur als Symptom des höheren Lebens vor, sofern selbiges wider Krankheit ankämpft als erbarmende Rettung, wie wohl auch der kranke Erwachsne wiederum durch eine Amme gerettet wird. Daher muss in diesem Lebenalter die nächste Aufmerksamkeit gerichtet sein auf die Erfassung des Mannigfaltigen, des sinnlich Einzelnen, als solchen; weil ausserdem nicht gelebt werden kann.*)

In diesem Lebenalter unterscheiden wir drei untergeordnete Perioden:

a) die der allmählichen Lostrennung vom höheren Ganzen (Saugstand) und der Ausbildung der inneren einseitigen Vielheit, der einzelnen Glieder, welche im Grunde alle schon da sind.

b) die der gewonnenen freien Selbständigkeit und der Beziehung der Vielheit auf die Einheit, wobei die Einheit bloss als ein Aeusseres, Höheres erscheint, weil sie als Urwesen, als Urwesentliches und als Urleben (Urwesenleben) auch ein Bestimmtes, zwar Höheres ist, aber doch auch ein Glied der inneren Vielheit Wesens in Wesen; noch nicht als das Alles befassende, in sich organische Ganze, noch nicht als das Eine, selbe, ganze, unendliche, unbedingte Wesen;

c) die der Ahnung der echten Beziehung alles Mannigfaltigen und der Richtung aller Theile der Selbheit nach der Vereinheit mit Wesen hin, in dem Einen, selben, wesentlichen Ganzen des Lebens. Dies ist zugleich die Periode des Ueberganges des zweiten Hauptlebenalters in das dritte, in das der Reife des Lebens. Es ist ein Suchen des Einen, selben, ganzen, in seiner innern Mannigfalt voll wesentlichen Wesens.

Erste Periode des zweiten Hauptlebenalters: Die Entwickelung der inneren Vielheit des Lebens der Menschheit; Periode der Entfaltung der Vielheit und der Herrschaft der Vielheit als solcher, d. h. der zerstreuten Selbheit und der Zerstreutheit (Befangenheit) in die Vielheit als solche.

*) Ganz ähnlich hierin dem Kinde.

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