Page images
PDF
EPUB

Hochverehrte Frau Baronin,

gnädige Frau!

Edlen Frauen ist nicht zum geringsten Theil das Verdienst zuzuschreiben, wenn in den trüben Zeiten politischer Auflösung und sittlichen Verfalls die Geschlechter Livlands nicht völlig verwilderten und entarteten. Es ist meine Absicht, Skizzen aus der wildesten Periode livländischer Vergangenheit zu entwerfen und es dürfte unerlaubt erscheinen, dieselben Ihnen, gnädige Frau, zu widmen. Indessen soll der Schilderung des Verfalls die der Erhebung folgen. Weil hierzu aber zweifellos das milde Walten edler Frauen verhalf, darf ich die Widmung doch vielleicht wagen. Archive und Bibliotheken bringen freilich nur Andeutungen von jenem geräuschlosen Walten des Weibes. Sie genügen, um die Enkel jener Geschlechter den erhaltenden und veredelndcn Einfluss ihrer Ahnfrauen mit freudiger Huldigung anerkennen zu lassen.

Wenn ich diese zueignenden Worte schon dem ersten Bilde voransetze, so thue ich das nur in der Zuversicht, diesem Bilde, das den Verfall vorführt, die weiteren versöhnenden in nächster Zukunft folgen zu lassen. —

Sie haben, hochverehrte Frau, meine Arbeit an dem Familien-Archive der Freiherrn Uexkull zu Schloss Fickel stets mit warmer Theilnahme verfolgt und gefördert, und es gereicht mir zu besonderer Freude, die Erstlingsfrucht jener Arbeit Ihnen als dankbaren Grass aus der gemeinsamen Heimath in die Fremde senden zu dürfen. — Wenn ich freilich weder eine gleiche noch auch ähnliche Freude zu bereiten erwarten darf, wie ich sie beim Auffinden der nur zu kargen Zeugnisse livländischer Vergangenheit empfand, so darf ich doch auf ein Interesse hoffen für die originale Kraft, die in jenen Zeugnissen Ausdruck findet, ob sie den Verfall kennzeichnen oder die Erhebung. —

Der Verfasser.

Dorpat, den 18. Juni 1874.

I.

Die Gebrüder,

die Uexküll zu Fickel.

Hoch gingen die Wogen des Festes, das Otto Uexküll, der Schlossherr zu Fickel, seiner Tochter May in Lemsal ausgerichtet hatte, als sie im Jahre 1542 dem Junker Dietrich Tiesenhausen „verheirathet und zugeschlagen" wurde. Nur allzu glänzend und .üppig wurden die Inländischen Hochzeiten jener Zeit gefeiert — zumal hier, wo zwei der angesehensten Geschlechter des Landes altem Bunde neue Festigung gaben. Neben den Rittern und Damen aber, die in Festeslust erglühten, waren auch ernstere Gäste geladen, geistliche Würdenträger, Männer der Wissenschaft.

Abseits von dem Jubel der Hochzeit tauschte der Gastgeber ernste Worte aus mit Augustinus von Getelen, dem „Domhern vnd Kelner der hylligen Kerken tho Riga". Der Ritter und der Mann der Kirche, sie beide hatten das Drängen der Jugend, das Kämpfen des Mannes hinter sich; sie durften einen beschauenden Blick werfen auf das, was sie erlebt und gelernt, eingebüsst und gewonnen.

Und die Zeit, welche sie durchlebt hatten, war reich gewesen an grossen Ereignissen an eingreifenden Per

Loaaius, Adelaleben. I. \

sonen, zu denen sie mittelbar oder unmittelbar in Beziehung gestanden hatten. — Die gewaltige Bewegung der Geister, welche der Augustiner-Mönch aus Wittenberg angefacht, ihre Wogen hatten sich erschütternd und umgestaltend auch in Livland fühlbar gemacht. Ja der Domherr hatte selbst einst an dem Geisterkampfe in Deutschland Theil genommen, um überwunden von überlegenen Gegnern, wie Rhegius und Bugenhagen seinen Blick auf ruhige Pfründen an der entlegenen Ostseeküste zu richten; von wo aus er dann .noch einmal in die Schranken getreten war für seinen katholischen Glauben. Auch Karl V., der mächtige Kaiser, der besonnen und staatsklug in zwei Erdtheilen schaltete und doch nie Herr werden konnte der entfesselten Geister seiner Völker, seiner Schätze, seiner Söldner; er hatte trotz seiner grossen Staatshändel zu dem vergessenen Grenzlande in mannigfacher Beziehung gestanden; hatte er doch einst auch den Schlossherrn zu Fickel vor sein Reichsgericht geladen.

Und alle die Charakter-Gestalten an der Grenzmark zwischen Mittelalter und Neuzeit, ihr Kämpfen und Schaffen hatte einen Wiederhall gefunden in Livland, ähnliches Ringen und Drängen auch dort wach gerufen. Der Domherr und der Ritter haben Kunde gehabt von den Kämpfen und von den Kämpfern: Von Jörg v. Frundsberg, dem kühnen Fehlhauptmann Karl's, dem Bildner jener Landsknechtsschaaren, mit denen er für seinen Kaiser und Herrn den ritterlichen Franzosenkönig gefangen nahm, die aufrührerischen Bauerschaften in Deutschland zu Paaren treiben half; dessen Kraft dann aber zusammenbrach, als, auf dem Wege auch Rom unter das Reich zu zwingen, die Speere derselben Landsknechte sich gegen ihren „Vater" senkten, weil er die rückständige Löhnung nicht auszahlen konnte. Was galt ihnen Reich, Vaterland und Kaiser, ja selbst ihr geliebter Führer, wenn die ausbedungene Löhnung ausblieb? — Von Franz v. Sickingen's gewaltthätiger Fehde mit den Wormsern und mit denen von Trier, die ihm Acht und Oberacht eingetragen; von seinem hochstrebenden Kampfe für reichsritterliche Unabhängigkeit gegenüber fürstlicher Territorialgewalt; von dem trotzigen Rufe des todeswunden Ritters, als die siegreichen Fürsten in dem zerschossenen Burggewölbe zu Landstuhl mit Vorwürfen an ihn herantraten: er habe jetzt einem grösseren Herrn Rede zu stehen!

Und von diesen immer mächtiger sich entwickelnden Fürsten war auch wieder mancher mit Livland in Beziehung getreten, sei es als Vorbild oder in directer Theilnahme an den livländischen Händeln. So Herzog Heinrich von Braunschweig, der kaiserliche Feldherr, der Kriegsobriste der katholischen Fürsten wider den Schmalkalder Bund, dem alle Verbindungen und alle Mittel nur dazu dienten, seine fürstliche Hausmacht zu erweitern, durch dessen Land weder Feind noch Freund weder Protestant noch Katholik reiste, ohne vorher sein Testament zu machen; der sich für berufen hielt, jenen verwegenen Lübecker Bürger, welcher die Herrschaft über Meere und Königreiche erstrebt hatte, mit Beil und Rad seine Kühnheit büssen zu lassen; der den wilden Kriegsmeister abgab für die Feldhauptleute jener Tage, die von allen Seiten, auch von Livland her, ihm zueilten, um unter seinen blutigen Fahnen das Kriegshandwerk zu lernen.

So der Markgraf Albrecht von Brandenburg, der mit

l*

« PreviousContinue »