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denn du hast es gethan;" nämlich sein himmlische r Vater war der, welcher ihm den Kelch des Leidens eingeschenkt, und durch die Hände der Gottlosen, zu diesem sich freiwillig antragenden Juden dargereicht, und ihn so durch jene gegeißelt und gekrönet hat. Sein himmlischer Vater war der, welcher ihm befohlen hat, zu sterben an dem Kreuze, dem dann auch Christus gehorsam gewesen ist bis in den Tod.

Gleichwie ein Hausvater eine Ruthe im Garten, obschon er sie nicht selbst macht, nur wachsen läßt, und alsdann nach seinem Belieben dieselbe abschneidet und damit seine Kinder züchtiget: so läßt der himmlische Vater die Sünde und Bosheit deines Nächsten wie eine Ruthe wachsen und geschehen, und braucht hernach diese für ein Werkzeug, dich damit zu züchtigen. Mithin und schließlich ergib dich mit Willen, wenn der Herr durch Andere, wer sie immer sind, dich schlägt und geißelt. Denk und sag', was einst «ein heiliger seraphischer Vater Franziskus gesprochen hat, da ihn etliche böse Geister gegeißelt und geschlagen haben: Schlaget nur zu, ihr höllischen Feinde! rief Franziskus: denn ihr könnet und vermögej nicht mehr, als euch die göttliche Anordnung erlaubt hat. Was immer aber Gott über mich verhängt und beschlossen hat, das bin ich mit Freuden zu leiden bereit.

XXXVII. Kapitel.

Christus wird zum Kreuzestod verurtheilt, und trägt selbst fein Kreuz zur Richtstatt; auch von andern wunderbaren Geheimnissen.

Das von Pilatus den Juden zu Lieb beschlossene Todesurtheil wider den unschuldig verklagten Jesus von Nazareth ward demselben sogleich angedeutet. Sodann wurden ihm jene purpurfarbenen Spott- und Schmach-Kleider wieder abgezogen und anbefohlen, daß er seinen eigenen Rock anlegen solle, damit er so von Allen erkannt werden möchte. Der Ausspruch des Todesurtheiles wider den Erlöser ist alsobald in der ganzen Stadt ruchbar geworden, worauf denn das Volk schwarmweis« dem Hause des Pilatus zugelaufen, nnd alle Gassen und Strassen eingenommen und besetzt hat.

Jm Angesichte aller dieser wurde Christus der Herr ausgeführt, aber so von den Wunden verunstaltet, mit Blut und Speichel bedeckt, daß ihn Niemand für denjenigen gehalten hätte, für welchen er ihn vormals erkannt und gesehen hat, da er einem armseligen Aussätzigen ganz glich; denn das verstockte Blut und die häufigen Geschwulste hatten eine einzige, unausgesetzte Wunde aus ihm gemacht. Es haben zwar die heiligen Engel auf Befehl Mario Jesum von 5em unflätigen Speichel etliche Male gereiniget; aber von den gottlosen Henkersknechten ist die Verspeiung allezeit mit gotteslästerlichem Muthwillen wiederholt worden, daß der Heiland mit dergleichen Abscheulichkeiten immer überhäuft gewesen ist. — Als der heilige Apostel Johannes, welcher Maria beständig begleitete, seinen göttlichen, so herzlich geliebten Meister bei der öffentlichen Ausführung etwas näher in das Gesicht gebracht hatte, ist seine Seele so bestürzt worden, daß er dahin zu sinken, den Schlag der Pulsen zu verlieren, und in dem Angesichte todtbleich zu werden begann. Die drei Marien fielen ingleichen in schmerzliche Ohnmachten dahin. Aber Maria, die Königin der Tugenden, ist unüberwindlich da gestanden, und ihr heldenmüthiges Herz verschmachtete in den allerhöchsten, alle menschliche Einbildung weit übersteigenden, unvergleichlichen Schmerzen nicht, erlitt auch niemals einige Unvollkommenheit der Ohnmachten, wie sonst in Andern zu geschehen pflegt. Jn Allem war sie die Allerweiseste, Allerstärkste und Allerwunderbarste. Jhre äußerlichen Uebungen hat sie mit solcher Ordnung angestellt, daß sie ohne Jammer oder Geschrei den heiligen Johannes sammt den Marien gestärkt und den Herrn gebeten hat, daß er ihnen mit seinem starken Arme beistehen wolle, damit sie ihr bis zum Ausgange des Leidens Gesellschaft leisten könnten. Durch dieses Gebet ist der Apostel und die Marien getröstet und so beherzt gemacht worden, daß sie wieder zu sich gekommen und Mariä standhaft gefolgt sind.

Die göttliche Mutter machte unter einer solchen Bitterkeit kein« einzig« ungleiche Bewegung, sondern mit der Heiterkeit einer Königin vergoß sie unabläßig« Zähren. Dabei gab sie Acht auf die innerlichen Uebungen ihres Sohnes; sie betete mit ihm für Freunde und Feinde; sie opferte dem ewigen Vater ihre beiderseitigen Schmerzen und Leiden; sie lud ihr« heil. Engel zum göttlichen Lob« und Dankabstattung für die Werke der Erlösung ein; sie bemitleidete mit innerstem Schmerzen ihren göttlichen Sohn, und erfüllte in Allem den völligen Chor ihrer Tugenden mit Verwunderung des Himmels und zum höchsten Wohlgefallen der Gottheit.

Unterdessen ist Christus der Herr als ein armer zum Tode verurtheilter Sünder an jenen Ort gestellt worden, wo man ihm das Todesurtheil vor allem Volke abgelesen hat. Der Anfang desselben lautete so:

Jch Pontius Pilatus, Landvfleger «. «. urtheile, fälle und sprich aus, daß ich zum Tode verdamme Jesum, von dem Volke Nazaräner genannt, aus Galiläa gebürtig, einen aufrührerischen Menschen, einen Widersprecher des Gesetzes, unsers Rathes und des großen Kaisers Tiberius. Durch mein erst besagtes Urtheil erkläre ich, daß sein Tod an dem Kreuze sey, und er, als ein Uebelthäter daran geheftet werde, weil er bisher durch tägliche Versammlung vieler armer Menschen nicht ausgesetzt hat, durch ganz Judäa Unruhe zu erwecken, sich für den Sohn Gottes und König von Israel ausgebend, mit Androhung des Unterganges dieser vortrefflichen Stadt Jerusalem, und widersprechend dem Zinse des Kaisers. Ueberdieß hat er noch die Vermessenheit gehabt, in erst besagte Stadt Jerusalem und in den geheiligten Tempel des Salomon mit Palmzweigen und Triumph unter Begleitung eines großen Theiles des Volkes einzutreten «. «. Gegeben im Jahre von Erschaffung der Welt fünftausend zweihundert und drei und dreißig, am 25ten Tag des Monats März.

Sobald das Todesurtheil wider den Erlöser abgelesen worden war, haben ihm die Henkersknechte auf seine schwache und verwundete Achsel den schweren Kreuzesblock gelegt; und damit er das Kreuz tragen und halten konnte, haben sie ihm die Hände, nicht aber den übrigen Leib losgelassen; denn sie umwanden seinen Hals mit Stricken, den Leib aber hielten sie, wie zuvor, gefesselt, damit sie ihn an den Stricken, mit denen er gebunden war, herumreißen und herumschleppen konnten.

Das Kreuz war fünfzehn Schuh lang, dick und von einem großen, schweren Holze. Als nun der Wellheiland dazu gelangte, das Kreuz zu empfangen, sah er solches voller Freuden und äußerster Ergötzlichkeit an; redete auch geheim selbes an. und nahm es mit folgenden Worten auf: O du von meiner Seele höchst verlangtes Kreuz! bereitet und gefunden nach meinen Begierden; komme zu mir, meine Geliebte! daß du mich in deine Arme aufnimmst, und daß auf demselben, als auf einem geheiligten Altare mein himmlischer Vater das Opfer einer ewigen Versöhnung mit dem ganzen menschlichen Geschlechte einmal empfange. An dir begehre ich die Unbilden und Schmachen zu Ansehen zu dringen, damit meine Freunde selbe mit Freuden umfangen, mit liebevollen Begierden darnach streben, und mir auf dem Wege, welchen ich ihnen durch dich bahnen will, hurtig nachfolgen. ->

Ein anderes verborgenes Geheimniß wirkte der Arm des Allerhöchsten vermittelst der allerseligsten Mutter wider den Luzifer und seinen teuftischen Anhang, was sich also zugetragen hat. Gleichwie der höllische Drache und all die Seinigen auf Alles genau Acht gegeben hatten, was in dem Leiden des Herrn sich zugetragen, so empfanden sie in dem Augenblicke, da Jesus das Kreuz auf seine Achsel genommen, eine große Zerschmetterung und Abschwächung, was ihnen wegen Unwissenheit, woher dieß kam, eine große Verwunderung und Furcht, eine ganze Traurigkeit und Schrecken eingejagt hat. Da sie dieß empfanden, argwohnten die Feinde, daß durch das Leiden und den Tod dieses Unschuldigen ihnen und ihrem Reiche ein unwiderbringlicher Untergang angedroht würde. Um aber denselben in der Gegenwart Christi nicht zu erwarten, beschlossen sie, die Flucht zu nehmen, und sich in die höllischen Finsternisse zu verkriechen.

Da nun Luzifer dieses sein Vorhaben in das Werk fetzen wollte, wurde er von unserer großen Himmelskönigin daran gehindert, weil der Allerhöchste eben zur selben Zeit sie erleuchtet, mit der Macht bekleidet und ihr zu erkennen gegeben hat, was sie hierinfalls vorzunehmen hätte. Die göttliche Mutter wendete sich also wider den Drachen und seinen Anhang, und befahl ihnen mit königlicher Majestät, daß sie nicht fliehen, sondern das Ende des Leidens abwarten sollten. Diesem Befehle konnten die Teufel nicht widerstehen, sondern mußten, gleich Gefangenen, dem Kreuz tragenden Heilande nachfolgen. Es gibt kein Gleichniß, durch welches man erklären und andeuten könnte jene Traurigkeit und Verschmachtung, mit welche r damals die Teufel niedergedrückt worden sind. Jedoch nach unserer Weise es zu verstehen, gingen und zogen sie dem Caloarienberge zu, als »i« die verurtheilten Uebelthäter zu dem Tode, welche der Schrecken und die Furcht des Todes ganz verwirrt und entkräftet hat.

Die gotteslästerlichen, von aller menschlichen Barmherzigkeit weit entfernten Henkers-' knechte führten indessen unsern Erlöser mit unaussprechlicher Grausamkeit fort. Einige zogen ihn mit den Stricken von sich, Andere aber hinter sich. Durch diese unbarmherzigen Gewaltthätigkeiten und von dem schweren Gewichte des Kreuzes gezwungen siel und sank der Wellheiland oftmals zur Erde. Von den häufig zugeworfenen Steinen bekam er neue Wunden, besonders aber zwei an den Kniescheiben, deren Schmerz mit dem Straucheln und Fallen jederzeit wieder vermehrt und erneuert worden ist.

Das Gewicht und die Schwere des Kreuzes eröffnete ihm eine neue schmerzliche Wunde auf der Schulter. Durch das Hin- und Wiederstossen wurde bald das Kreuz an das allerheiligste Haupt, bald aber dieses an das Kreuz angeschlagen, wodurch allzeit die dörnerne Krone vom Neuen in das Haupt hineingetrieben, und in das noch nicht verwundete innere Fleisch tief hineingegraben worden ist. Zu allen diesen Schmerzen wurden häufige Schmachen, gotteslästerliche Unbilden, abscheuliche Speichel, Koth und Staub zugeworfen, und dadurch das göttliche Angesicht dermassen verdorben, daß seine Augen ganz verfinstert wurden.

Mit der Eilfertigkeit, mit welcher die blutdürstigen Tigerthiere immerdar angetrieben haben, war dem sanftmüthigsten Lämmlein nicht gestattet, nur recht Athem zu schöpfen, sondern es war seine allerheiligste Menschheit, über welche in gar wenig Stunden em so. entsetzlicher Platzregen von allerhand Tormenten und Peinen ausgegossen worden ist, so verstellt und abgemattet, daß alle ihn Sehenden glaubten, jetzt würde der Herr unter so erschrecklicher Marter sein Leben aufgeben und vor Schmerzen in den Tod dahin sinken.

Unter der Menge des Volkes ist auch die schmerzhafte Mutter mit ihrer kleinen Gesellschaft von dem Hause des Pilatus hinwegezogen, und von ihren heiligen Engeln durch einen Abweg an einen Ort geführt worden, wo sie dem schmerzvollen, unter der Kreuzeslast ganz gebogen dahergehenden Heiland entgegen, und also Sohn und Mutter einander in das Gesicht gekommen und begegnet sind. Sie sahen beide einander an, und es wurde in ihnen der Schmerz und das Mitleiden in so hohem Grade erneuert, wie es bei einen» solchen Sohne und einer solchen Mutter einzutreffen hatte. Mündlich jedoch oder äußerlich haben sie mit einander nichts geredet, wohl aber innerlich.

Sobald der Erlöser vorbeigeführt ward, folgte ihm Maria nach auf dem Wege gegen den Kalvarienberg; und da sie ganz nahe bei ihm war, mithin einen so erbärmlichen Anblick an ihrem göttlichen Sohne vor Augen hatte, so ist ihr Schmerz über alle menschliche Einbildung gewachsen und so heftig gewesen, daß ihr Leben auf diesem Wege nicht ausgedauert hätte, wenn nicht Gott es wunderbar gestärkt und erhalten hätte.

Es folgten auch dem Herrn noch viele andere Weiber nach, welche ihn herzlich bedauerten und schmerzlich beweinten. Zu diesen wendete sich Jesus, und sprach: Jhr Töchter von Jerusalem! weinet nicht über »ich, sondern weinet über euch «. le. Denn wenn dieß an dem grünen Holze geschieht, was wird» an dem ausgedorrten geschehen? Christus wollte sagen: Beweinet vielmehr euere Sünden, welche die Ursache meines Leidens sind. Bedenket dabei, daß, wenn ich als «in grünes, die Frucht der höchsten Heiligkeit hervorbringendes Holz, nun wegen der fremden übernommenen Sünden von der gottlichen Gerechtigkeit so hart hergenommen werde, wie wird es euch, als einem ausgedorrten Holze, das da keinen einzigen guten Saft einer wahren Tugend hat, einstens vor dem göttlichen Gerichte ergehen?'

Unterwegs sank und siel-Wr Schwachheit Christus etliche Male zur Erde, und weil die boshaften Juden fürchtetells der Herr möchte eher sterben, als bis sie zur Kreuzigung gelangten, so haben sie einen gemeinen Mann, Simon von Cyrene genannt, gezwungen, Christo das Kreuz ein Stück Weges tragen zu helfen. Nicht ohne Ungeduld hat dieser angefangen, das Kreuz dem Heilande nachzutragen; mittler Weile ist er jedoch durch die göttliche Gnade und Berührung deS schon geheiligten Kreuzes dahin vermocht worden, daß er diesen Dienst mit Willen vollzogen, und sich das Kreuz zu einem Himmelsschlüssel gemacht, vermittelst dessen er sich denselben eröffnet hat. (6. B. 2l. K.)

Lehre.

Das ungerechte Urtheil des Pilatus würde endlich zu entschuldigen gewesen seyn, wenn nicht der Richt« selbst öffentlich und mehrmal bekannt hätte, er finde an Jesus von Nazareth keine Schuld. Dieses aber feines eigenen Bekenntnisses ungeachtet hat er das Urtheil wider sein Wissen und Gewissen gefällt und ausgesprochen. Gleichwie denn Pilatus keine Entschuldigung findet, eben so wenig jene, welche sich anmassen, ihren Nebenmenschen zu beobachten, dessen Thun und Lassen zu beurtheilen, und ihr ungerechtes, ihnen nicht zustehendes Urtheil Andern zu offenbaren, ungeachtet solche vermessene Richter Anderen in ihre Herzen nicht sehen, und weder Gewalt noch Macht haben, das Urtheil über ihren Nächsten zu fällen. Kehre nur, wer du immer bist, und deinen Nebenmensehen beurtheilest, kehre, sage ich, bei deiner eignen Thüre, du wirst allda Koth und Unflat genug finden, welcher hinweg zu räumen ist. Ziehe nur du Meißner! sagt Christus der Herr, zuvor den Balken aus deinen Augen, ehe du den Splitter auS den Augen deines Nächsten herauszuziehen verlangst. Was.geht es dich an, wo diese oder jene ihre Kleider oder Mittel hergenommen haben? Was geht es dich an, wie diese oder jene wirthschaften oder hausen, was diese oder jene handeln und wandeln? Was geht es dich an, sagt abermal Christus, folge du mir nach, und gib Acht auf das Beispiel, das ich dir gegeben.

Die Kreuzteagung Christi betreffend gibt uns hierüber Maria die Mutter Gottes selbst die Lehre, deren Worte folgende sind: Mit dem göttlichen Lichte wirst du aus der Kreuzttagung meines Sohnes verstehen, daß der einizige, wahrhaste Weg des Lebens sey das Kreuz, und daß nicht alle, welche berufen sind, zu diesem auserwählt seyen. Viele sind, welche sagen, daß sie Christo nachzufolgen verlangen, aber wenig sind diejenigen, welche sich wahrhaft zu seiner Nachfolge bereiten; denn wenn sie dazu kommen, das Kreuz des Leidens zu empfinden, so stossen sie selbes von sich und weichen zurück. Viele sind unter den Menschen, welch« nur ihrem Fleische Gehör geben, und ihren Leib allezeit wohlgehalten und vergnügt haben wollen. Sie. sind hitzig« Liebhaber der Ehre, aber Verwerfet der Schmach?n und Unbilden; durstig nach den Wollüsten, aber furchtsam vor der Kasteiung «. Andere sind, welche meinen, sie folgen Christo nach ohne Leiden, ohne Wirken, ohne Bemühung, da sie sich schon zufrieden geben, wenn sie nicht gar zu verwegen sind im Sündigen, indessen aber schieben sie ihre ganze Vollkommenheit hinüber auf eine kaltsinnige Liebe, mit welchem sie ihrem Willen nichts versagen; auch jene Tugenden zu üben unterlassen, welche dem Fleisch? beschwerlich fallen «. So sey deine Glorie und Ehre in diesem sterblichen Leben die Verfolgungen, Verachtungen, Krankheiten, Betrübnisse, Armuth, Verdemüthigung, und alles, was dem Fleische oder Leibe verdrießlich und widerwärtig vorkommt «. «. Also Maria. (6. B. 2l. K.)

XXXVIII. Kapitel.

Nie unser Erlöser gekreuziget worden ist; auch von seinen sieben Worten am Kreuze.

Endlich ward das Lamm Gottes auf die Schlachtbank geliefert, und mit dem Kreuze auf dem Kalvarienberge angelangt; gleich nach ihm folgte auch seine göttliche Mutter mit dem heiligen Johannes und den drei Marien dahin. Dieser Ort war voller Unflat, verächtlich, mit übtem Gestanke von hingerichteten todten Leibern und mit noch großerer Unbild angefüllt. Um da der Kreuzigung ChlijU. einen Anfang zu machen, haben die treulosen und grausamen Henkersknechte eine neue Bosheit erdacht, nämlich es war bei den Juden gebräuchlich, den zum Tode Berurtheilten ein Getrünl von aromatischen, das ist, gewürzten starken Wein darzugeben, damit dadurch derselben Lebensgeister erquickt, sie selbst aber qestarkt wurden, den bevorstehenden peinlichen Tod desto standhafter übertragen zu können. Diesen Wein nun haben sie mit bitterster Galle und Myrrhe so vermischt, daß dieser anstatt der Erquickung nichts anderes, als den Schmerz der Bitterkeit verursachen konnte. Die falschen und boshaften Peiniger reichten dem Erlöser diesen Trank dar, er aber hat zwar etwas davon verkostet, jedoch auf flehentliches Bitten und Anhalten seiner göttlichen Mutter nicht mehreres getrunken.

Nach diesem fielen die grimmigen Wölfe Jesum, das ftnftmüthige Lammlein, an, rissen und zogen ihm seinen Rock mit ihrer schon angewohnten Tobsucht von dem Leibe über den Kopf herab, und da der Rock oben bei dem Halse etwas enge war, so haben sie durch ihre angewendete Gewaltthätigkeit sammt dem Rocke auch die dörnerne Krone mit unmenschlicher Tyrannei ihm hinweggerissen, wodurch denn die Wunden seines allerheiligsten Hauptes vom Neuen eröffnet, und in einigen derselben die Dörner abgebrochen worden, und folglich in den Wunden stecken geblieben sind. Kaum sahen die Henkersknechte, daß die Krone mit dem Rocke abgezogen sey, haben sie dieselbe alsobald wieder auf das Haupt Christi geseht, mit höllischer Grausamkeit vom Neuen hineingedrückt, und mithin neue Wunden verursacht. Dabei haben sie auch die übrigen Wunden des ganzen allerheiligsten Leibes tyrannisch erneuert, weil der Rock an demselben schon angeklebt war, und also das Abziehen desselben ein Zusat z des Schmerzens über den Schmerz gewesen ist.

Viermal ist unser Erlöser entkleidet worden: das erste Mal bei der Geißelung; zweitens bei der Könung; drittens bei oder nach der Verurtheilung zum Tode, da man ihm das Purpur- oder After-Königskleid wieder abgezogen hat; viertens auf dem KalvarienBerg. Diese letztere Entkleidung war die allerschmerzhafteste, weil die Wunden Christi am heftigsten, seine allerheiligste Menschheit am mattesten, und der Kalvarien-Berg den Winden am allermeisten ausgesetzt gewesen war. Dazu kam auch die Pein der Schamhaftigkeit wegen der Entblössung m Gegenwart seiner allerheiligsten Mutter und einer unzählbaren Menge der da anwesenden Menschen.

Die gottesrauberischen Henkersknechte befahlen dem Heilande, daß er sich auf das Kreuz niederlegen solle, damit sie das Maaß zur Bohrung der Kreuzlöcher nehmen könnten. Ganz gehorsam folgte der Herr diesen verächtlichen Lotterbuben, legte sich nieder auf das Kreuz; jene aber zeichneten die Orte der Löcher aus, und Jesus hob sich wieder auf von der Erde. Jndessen die Henkersknechte das zur Kreuzigung Gehörige veranstalteten, stand nackt und bloß, im Angesichte vieler Tausenden, der jungfrauliche Sohn Mariä da. Nur allein der Ehrbarkeit halber und um dem Aergernisse auszuweichen, hatte er jenes Schürze! oder Schurztüch an, wovon oben bei seiner Gefangennehmung und Geißelung Meldung schon gemacht worden war. Voller Kälte und Frost fing er an zu zittern, und seine heiligsten Wunden ihn schmerzlich zu brennen. Während dieser Zeit erhob er sein Gemüth zu dem himmlischen Vater, opferte sich auf «in Neues, und bot sich dar, zu leiden und zu sterben zur Erlösung des menschlichen Geschlechtes.

Seine heiligste Mutter that ein Gleiches, verzichtete auf das Recht, das sie als eine Mutter auf das Leben ihres Kindes hatte, und gab abermal ihren Willen darein, daß ihr eingeborner, allerliebster Sohn unter der Hand des Henkers, an dem allerschmählichsten Kreuzgalgen aufgehängt, fur die Menschen sterben solle. Sie machte sich auch zu ihrem göttlichen Sohne hinzu, betete denselben, liegend auf ihren Knieen, an, und küßte ihm mit herzinnigster und allertiefster Ehrerbietigkeit seine göttliche Hand.

Nachdem die drei Löcher an dem Kreuze gebohrt gewesen waren, befahlen die Peiniger dem Weltheilande das andere Mal, daß er sich auf das Kreuz niederlegen, und zur Annaglung ausstrecken sollte. Demnach hat sich der geduldigste Heiland abermal auf das Kreuz gelegt, und seine heiligen Arme ausgebreitet. Alsobald ergriff ein Henkersknecht die Hand Christi, unsers ErlMs, legte sie auf das eingebohrte Loch des Kreuzes, und ein anderer setzte einen großeWvgestumpften Nagel darauf, und durchdrang dieselbe in ihrer Fläche mit wiederholten schweren Hammerstreichen. Die Adern und Nerven würden dadurch zerrissen, und die Gebeine dieser hochwürdigsten Hand sind in ihrer Ordnung zerstört worden. — Um die andere allerheiligste Hand anzuschlagen, konnte der Arm das ausgebohrte Loch nicht erreichen, weil die Nerven sich eingezogen haben, das Loch hingegen aus teuflischer Bosheit allzuweit hinausgebohrt gewesen war. Diesem Abgange also abzuhelfen, nahmen die Bösewichte eine Kette, verbanden diese mit dem einen Ende des

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