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rer acht Personen mußten sich täglich mit zwei Pfund Fleisch und hernach mit einem Pfunde bei helfen; wir waren endlich von Hunger und Matt tigkeit ganz ausgemergelt. Der Gevatter mochte immerhin predigen; ein leerer Bauch hat keine Ohren. Pater Johann mochte uns noch so viel Muth durch seine Standhaftigkeit einsprechen; es half alles nichts; es war mit dem Muth und der Philosophie zu Ende. Diego mochte immerhin geloben, nach Sankt Jago zu gehen und all nostra Signora del Pillar ein Wachslicht zu bringen; der Heilige und die Signora waren taub.

Endlich hatten wir gar nichts mehr zu effen; wir wußten nicht, auf welche Seite wir uns wen den sollten; der Tod zeigte sich uns allenthalben, als wir mit einem Mahl den Horizont mit Bäus men besetzt sahen. Diese Entdeckung gab uns das Leben wieder; wir machten uns auf den Weg, verdoppelten unsere Schritte, kamen an und traten in einen Wald von Tannen, die ziemlich weit von einander standen, aber nichts zeigte uns an, daß dieser Ort reicher an Nahrungsmitteln sey, als derjenige, den wir verlaffen hatten.

Izt verlieffen uns die Hofnung und alle Kräfte gänzlich; wir konnten nicht weiter fort kommen. Der einzige Pater Johann hielt sich noch gut; feine Kräfte waren noch nicht erschöpft; fein nas türlicher Muth war über das grausamste Schicksal, über das fürchterlichste Unglück, erhoben; wenn - - - etwas

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etwas ihn in diesem Augenblick rühren konnte, so war es der klägliche Zustand, worinn er uns verfetzt sahe.

Obgleich keine Wahrscheinlichkeit war, uns aus diesem Zustand zu retten, so nahm doch der Ehrwürdige Vater eine Flinte, Pulver und Kugeln, fagte uns, daß er sich aufs äußerste bemühen würde, uns das Leben zu erhalten, und verließ uns. Da der Abend herankam und wir ihn nicht

wiederkommen sahen, so fanden wir uns verzwei

felnder und niedergeschlagener, als jemals. Der Gevatter wollte, in Nachahmung des Seneka, im Moralifiren sterben; aber niemand hörte ihn. Diego selbst betete nicht mehr. Unsere aufferorz dentliche Schwachheit hatte uns in einen Stand der Fühllosigkeit gesetzt, worinn der Tod unser Le ben und unser Unglück endigen wollte, ohne daß wir es gewahr würden. Kurz, der Stärkste unter uns hatte vielleicht nicht mehr sechs Stunden zu

leben, als Pater Johann ankam.

Der Lermen, den er bey feiner Ankunft machte,

öfnete mir die Augen, ich entdeckte ihn mit einem

ungeheuern Bären auf den Schultern und gleich

einem Verdammten fluchend. Als der Ehrwürdige eine Last abgeworfen hatte, zündete er Feuer an und ließ einen Theil feiner Jagd kochen. Hierauf gab er einem jeden von uns ein wenig Bouillon, ließ uns aber nicht“ M 3 effen;

effen; er aß für uns; zwei Stunden darauf gab er uns wieder Bouillon; und so fort; so daß nach vier und zwanzig Stunden unsre Kräfte fich vermehrten; der Gevatter begann wieder zu pre digen, Diego zu beten, und ich zu weinen. Die Furcht, wenn der Bär verzehrt wäre, wieder in eben den Zustand zurück zu fallen, machte, daß wir es einigermaffen bedauerten, nicht vor der An? kunft des Pater Johann gestorben zu sein. " ,

Zwei Tage nach dieser Jagd gieng der Ehrwürdige wiederum fort und blieb drey Tage aus. Wir glaubten, daß er sich verirrt oder daß ihn ein wildes Thier gefreffen hätte; endlich kam er wieder, aber er hatte nichts. Dieß zwang uns, den Ue, , berrest von unserm Bären zu schonen und sobald

als es uns möglich war, weiter zu gehen.

Wir giengen also tiefer in den Wald, fanden aber nichts; wenn wir die Spuren von einem Thier entdeckten, so waren diese Entdeckungen so

felten und diese Spuren fo alt, daß wir diesen Ort, als ganz unbewohnt von allem Lebendigen, ansahen, - - -

Zur Vergrößerung unsers Unglücks war die Sonne, die sich einige Tage gezeigt hatte, wieder verschwunden; wir reiteten wiederum, ohne zu wiffen, auf welche Gegend der Welt wir zugien gen. Kurz, unsere kleine Provision war bald " ganz erschöpft, als wir an einem Ort ankamen,

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wo das Moos, womit die Erde bedeckt war, einer Art von besondern Kraut, mit Klee vermischt, Raum gab.

. ... Diese Entdeckung gab uns wieder Muth. Wir giengen noch einige Meilen fort und trafen einige Sträuche an, unter welchen eine Kaninchen höle war. Pater Johann machte sogleich eine Falle und fieng einige dieser Thiere; aber es fähien uns nicht, daß dieser Busch bevölkert genug wäre, um uns lange zu ernähren; deswegen machten wir uns auf, zu suchen, ob nicht noch ein anderer in den umliegenden Gegenden wäre.

Neuntes Kapitel.

Der Engelländer erhenkt sich. Berathschlagung, ob man den Körper deffelben effen soll oder nicht. Des Gevatters Rede von der Grausamkeit der Menschen, gegen die Thiere,

Wir suchten einige Zeit hie- und dort herum;

wir konnten aber keine andere Kaninchenhölen ent “ decken, als diejenige, die wir gefunden hatten. Wir verzweifelten indessen nicht, in einer weitern - M 4 Entferz.

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Entfernung noch einige anzutreffen. Es schien

uns unmöglich, daß dieß der einzige von diesen Thieren bewohnte Ort des Waldes sey. Dieß hatte uns allen wieder Muth eingeflößt, den Engelländer ausgenommen, der in solche Schwer muth versenkt zu sein schien, daß er nichts mehr fpräch; er wußte so gar nicht einmahl, ob er einige Nahrung nehmen sollte.

Da wir uns drey oder vier Tage bey dieser Kaninchenhöle aufhalten wollten; theils, um uns auszuruhen, theils, fieso gut, als möglich zu nützen, so schien am zweiten Tage dieses Aufenthalts der

Geist des Engelländers unruhiger, als jemals.. Bald hatte er ein brennendes Gesicht, funkelnde

Augen und gieng mit einer außerordentlichen Geschwindigkeit hin und her. Bald ward er bleich, feine Augen gierigen wild herum, er stand still, fetzte sich nieder, und machte Gebehrden, die den schrecklichen Zustand feiner Seele, nur zu sehr an

zeigten.

Des Abends legte er sich bei uns auf den Rat

- fen, er konnte aber nicht still liegen; er bewegte

sich hin und her, richtete sich auf und legte sich wieder; er feufzte und schrie oft, als wenn er

närrisch geworden wäre.

Gegen den Morgen ward er ruhiger, er schien sogar etwas zu schlafen. Aber bald hernach sprang er schnell auf, ging einige Schritte eilfertig fort,

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