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Da, vor den Bäcker» und Fleischerläden drängen sich die Leute. Essen, trinken — essen, trinken — damit bringen sie ihren Tag hin — was sie glücklich sind!

Ein flinkes Dienstmädchen schwänzelt vorbei mit raschelnden, gestärkten Kleidern, eilig, die kurze sonntägliche Kaufzeit zu nutzen. Die Augen gehen blank in die Runde. Schmunzelnd sehen die Männer ihr nach. Einem Soldaten wirft sie rasch im Vorbeifliegen eine Bestellung auf den Wend hin.

Du nimmst das Leben leicht! Wie lange noch?

An der Corneliusstraße bleibt sie stehen und betrachtet im Kanalwasser dort das Spiegelbild der Brücke, wie es sich mit dem wirklichen Steinbau berührt und eins wird. Wölbung, Höhle und Widerbild sieht aus wie ein großes, liegendes Ei, das dunkelglänzend zwischen einem gelblichen Pfeilerviereck eingefügt ist. Man erkennt nicht, wo die konkrete Architektur aufhört und die scheinbare beginnt. Tritt man aber ein wenig weiter seitwärts, so bleibt nur die reale Hälfte des Bildes noch bestehen.

Hella ist in der Stimmung, auch dies symbolisch zu nehmen. Sobald man sich entschließt, sagt sie sich, den Standpunkt der großen Masse einzunehmen, sieht man nur die Wirklichkeiten, die die Masse auch sieht. Nur so kann man sich vor gefährlichen Täuschungen bewahren. Also weiter mit den anderen!

Sie geht nun sorgsam mit 'dem Strome der Menschen.

Nach wenigen Minuten hält sie wieder inne und trocknet sich das Gesicht, das von Schweißperlen bedeckt ist. Sie steht dabei vor einer Papierhandlung. Im Schaufenster zwischen Brieskartons und Bildem liegen lithographierte Schriftproben. Hellas Blick haftet auf einer Hochzeitseinladung: „Zur Feier der Vermählung ihrer Kinder laden ergebenst ein —"

Unwillkürlich kommen ihr des Bildhauers Worte in den Sinn: „Geduldig will ich warten, bis du eines Tages vor mich hintrittst und sagst: Heute will ich dein Weib sein, nimm mich in deine Arme." Ja, so sollte es sein! Ist es nicht eine Bär» barei, diesen intimsten Tag des Frauenlebens wie ein Vergnügungsprogramm vorher festzusetzen und öffentliche Zeugenschaft dazu zu laden?

Hella entsinnt sich ihres eigenen Hochzeitstages. In der Kirche das Schluchzen erfahrener Ehefrauen zwischen der Predigt, die voll unpersönlicher Mahnung war; dann Umarmungen Halbfremder, das Wirrwarr der großen Gasterei, wohlerzogenes Bedanken überall bei den Bekannten für übersandte Geschenke. Bei Tische Speisengeruch, tief entblößte Damen, witzige Reden, tanzlustige Freundinnen, Männer, deren Atem den Wein aushauchte, Depeschen, Lohndiener, alles, wie man es zehnmal vorher schon bei Freunden erlebt hatte; jede Heimlichkeit verjagend. Dazwischen sie selbst voll scheuer Sehnsucht und Angst, eine liebe Hand verstohlen in der ihren. Sie weiß noch gut, daß sie am liebsten weggeflohen wäre, auch von ihrem neuen Gatten, in irgendeine feierliche Ruhe hinein, in der sie sich sammeln dürfe bis zu einer stillen, selbstgewählten Stunde, die niemand wüßte, dann vor den Mann hinzutreten, den man liebt, und ihm zuzuflüstern: „Komm, heut' ist unser Hochzeitstag."

Aber das erlaubt ja die allgemeine Sitte nicht. Die gemeine! Erschrocken schließt sie die Lippen. Herrgott! Ist sie denn immer noch nicht zahm geworden? Brechen wieder einmal alle guten Vorsätze in ihr zusammen?

Der dumpfe Druck, der den ganzen Morgen schon auf ihrer Stirn gelegen, quält sie jetzt stärker. Statt der Erfrischung, die sie sich vom Gehen versprach, ist sie nur noch matter geworden. In schweren Gedanken blickt sie durch den Stadtbahnbogen hindurch auf das von grauem Sandstaub erfüllte Ubungsfeld des Hippodroms. Die weiß umwickelten Füße der Pferde glänzen über dem nassen Braun des Bodens, hellgrau zieht sich der von Menschentritten getrocknete Wegrand bis tief in den Hintergrund hinein, wo auch er in dem schmutzigen Braungrau von Luft und Erde untergeht. Selbst das Grün der Parkbäume ist staubfarhen.

Hella schreitet schneller aus. Aber als sich jetzt an der Ecke der Händelstraße das hohe, gelbliche Viereck von Najewskis Atelier aus den Hausern herausschiebt, beginnt ihr Herz zu hämmern.

Hella passiert eine Seitentür des Borderhauses und steht nun im Hofe inmitten einer sich zu Boden senkenden Wolke weißen Gipsstaubes. Vor der breitgeöffneten Tür des Ateliers steht, mit zwei starken, braunen Percherons bespannt, "ein Lattenwagen voll Schutt uNd Stroh, aus dem der Zug/ wind unaufhörlich neue Wolken aufjagt.

Als Hella vorbeigeht, bellt der Spitz gefährlich auf dem leeren Kutschersitz. Er gebärdet sich so wütend, daß sie stehenbleibt.

In diesem Augenblick hörte sie Stimme» im Atelier, Najewski hatte Besuch. Seltsamerweise hatte sie an diese Möglichkeit nicht gedacht. Sollte sie nicht lieber umkehren?

Der Spitz begann wieder zu bellen. Unwillkürlich trat sie nun an dem Wagen vorbei in den Raum. Der Volant ihres Kleides verfing sich an einem Nagel, der lang aus einer hier im Vorraum aufgestellten Kiste herausragte. Hella bückte sich und begann vorsichtig den Stoff zu lösen. Die Tür zum Innenraume war nur angelehnt. Deutlicher hörte sie nun die Stimmen: zwei Männer und eine Frau. Sie redeten eifrig, fast heftig, in einer fremden, musikalisch klingenden Sprache, die Hella für Russisch hielt, In ihrer gebückten Stellung konnte sie nur ein Stück des wundgescheuerten, fast schwarzen Fußbodens sehen, eine Wolke Sonnenstaub, die sich wie ein Tuch vom Oberfenster abwärts zog, und jetzt einen lebhaft gestikulierenden Männerschatten, der über den Fußboden glitt, Zigarettenrauch drang scharf heraus.

Sie trat ein und sah Nun den Bildhauer, der ihr den Rücken zuwandte und aufmerksam zuzuhören schien.

Vor ihm auf einer Chaiselongue saß eine junge Frau mit schwarzem, kurzgeschnittenem Haar und dunkeln Augen. Man sah nur diese in ihrem Gesicht. Sie sprach letzt allein, sehr schnell und in einer ausdrucksvollen Weise die Hände bewegend. Ein junger Mann in schlechtsitzenden Kleidern, mit ein wenig langem, in der Mitte gescheiteltem, blondem Haar und zartem Kinnbart, ging umher. Er sah krank aus mit seinen glänzenden dunkelblauen Augen in dem schmalen Gesicht.

Als Hella näherkam, wandten alle drei sich nach ihr um> ohne viel ihre Haltung zu verändern.

Ietzt schien Najewski sie zu erkennen. Er kam auf sie zu. „Ah! Sie kommen zu mir?" Seine Züge bekamen einen feindseligen Ausdruck. Straff richtete er sich auf, als müsse er die unsichtbare Helene schützen. „Madame?"

„Ich komme nur — ich wollte nur —" Wie sie Helene ver» stand in diesem Augenblick, da er so vor ihr stand, das nervöse Gesicht in herrischen Zorn getaucht, über allem Wettern und Dräuen aber die tiefen, seefarbenen Augen, die in unver» änderter erlauchter Schwermut glänzten. Endlich faßte sie sich: „Darf ich mir Ihre neue Schöpfung ansehen?" fragte sie weltgewandt und zeigte auf eine große Marmorgruppe, die wie in Blau getaucht im ungebrochenen Lichte stand, das durch das Glasdach hereinfiel.

„Ich bitte, wir sprechen gerade darüber, Sofia Dimitrowna" — er machte eine vorstellende Handbewegung nach dem Sofa hin, wo die junge Frau saß — „findet sie verfehlt!"

Sofia Dimitrowna! Der Name klingt Hella bekannt. Sie verbindet damit den Begriff von irgend etwas Außerordentlichem. Eine vage Erinnerung an ihr erstes Gespräch mit Najewski tauchte ihr auf. Aber sie kann sich nicht recht besinnen.

Die junge Frau hebt ihr Helles Gesicht mit unbeschreiblich gütigem und reinem Ausdruck dem Bildhauer entgegen, als wolle sie sagen: Was redest du doch? Du weißt ganz gut, wie ich es meine.

Ietzt wurde auch der blonde Herr vorgestellt, ohne daß Hella seinen konsonantenreichen Namen verstehen konnte. Er der» beugte sich sehr tief, wobei er den ganzen Oberkörper nach vorn neigte. „Ich verstehe nicht, Sascha Pawlowitsch," fuhr er mit etwas heiserer Stimme auf deutsch in der begonnenen Diskussion fort, „warum Sie Ihre .Unbesiegbaren' nicht alle drei in eine Reihe gestellt haben. Sobald es da eine Art Führer gibt, haben Sie bereits wieder zwischen diesen drei Männern selber den Kampf ums Dasein."

„Glauben Sie?" sagte die junge Dame lebhaft, „aber es nützt nichts, wenn alle nur mit roher Kraft an dem Stricke ziehen. Ein Schrittmacher muß dasein, der sie anfeuert, er scheint für sich allein zu arbeiten und arbeitet dennoch mit den anderen."

Der Bildhauer sah schweigend auf sein Werk.

Auch Hella trat nun nahe hinzu und blickte erst blinzeln» und zerstreut, dann gesammelter daran herauf. Sie entsann sich jetzt, eine Abbildung der Gruppe in ihrer Zeitung gefunden zu haben. Drei Männer, die irgendeinen nicht mehr dargestellten Gegenstand mit Anstrengimg aller ihrer Kräfte bergan ziehen. Ein schlanker mit feineren Gliedern an der Spitze, die anderen behaarte, kräftige Gesellen, alle drei mit energischen Gesichtern und entschlossenen Bewegungen.

Die drüben sprachen jetzt Französisch.

„Kampf ums Dasein," sagte die Dame, „warum redet man davon immer nur als einem Naturgesetze, das gegenseitige Vernichtung predigt, nicht auch gegenseitige. Hilfe? Be» obachten Sie doch einmal die Tiere, mein Lieber, wie eins da Wache steht,, während sie weiden, die anderen."

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