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reichische Absicht sich aus, welche die Ursächer der Oesterreichischen »Feindseligkeit gegen die National-Versammlung« waren, die am wenigsten ein Recht zur Beschwerde hatten, die sich auf den Boden der »Thatsachen« gestellt, als offne oder maskirte Revolutionärs die Centrerevolution herausgefordert, Oesterreichs Ausschluß projektirt und betrieben, ihm »ans Leben gegriffen«, ihm den Krieg erklärt hatten und machten. Die unzartesten Angreifer und Schmäher Oesterreichs forderten die zartesten Rücksichten und fanden das schrecklichste Verbrechen in deren Mangel. Sie wußten in ihrer Polemik sehr geschickt das Korps von 40,000 Mann statt aller Argumente oder nach allen Argumenten als Schreckbild und Scheuche gegen Oesterreich aufzustellen und Preußen zu rühmen, daß es die Theilnahme an dem Oesterreichischen »Verrath« geweigert, ihn dadurch vereitelt habe *). Wenn freilich jenes Korps in der Nähe von Frankfurt zusammengezogen worden wäre und mit imposantem Fingerzeige auf die Einigkeit der Deutschen Großmächte zurückgewiesen hätte, so wäre unfern Zuständen der tiefe Schade, unserer Geschichte der böse Flecken der schmählichen Aufstände in PfalzBaden und Sachsen wohl erspart, und wir hätten im schlimmsten Falle nicht viel mehr eingebüßt als die letzten traurigsten Parlamentsberathungen, die klägliche Selbstauflösung der Deutschen National-Versammlung. Im günstigen Falle würde die letztere eine ehrenvolle und fruchtreiche Verhandlung mit den Regierungen gepflogen, etwas Erwünschtes oder doch etwas Gedeihliches zu Stande gebracht haben.

*) Man wollte eine Aeußerung der Preußischen Note vom 23. Januar dahin deuten, die Preußische Regierung »habe geglaubt, die Deutsche Nation sei zu der Forderung berechtigt, daß der Versuch, auf dem von den Deutschen Regierungen theils gesetzlich angebahnten, theils zugelassenen Wege zur Einigung zu gelangen, möglichst vor äußeren Hemmungen geschützt werde«. Wie wir hörten, war es aber auch die Intention des Oesterreichischen Kabinets, daß die National-Versammlung ungehemmt ihre Verfassungsarbeit vollende, und nach einer nicht gar zu langen Zeit rief die Preußische Regierung, die so gut wie die Oesterreichische ihre Konstituante aufgelöst, nicht bloß die Preußischen Deputirten ab, sondern stellte geradezu an den Reichsverweser das Ansinnen, die Auflösung der Rational-Versammlung auszusprechen. Am 16. April erschien der Oberst Fischer in Frankfurt mit dem Auftrage, denselben dazu zu bewegen. Schon vor seiner Abreise von Berlin war an das Reichsministerium telegraphisch gemeldet, das Berliner Kabinet werde Jemand mit wichtigen Aufträgen an das Reichsministerium senden. Worin die letzteren bestanden, wußte man nicht. Gagern und dessen Anhang hofften wie immer Günstiges von Berlin. Jndeß war die telegraphische Depesche bekannt geworden und die Gagern'sche Partei beseitigte verschiedene dringliche Anträge der Linken in jenen Tagen durch Hinweisung auf die von Berlin angekündigte Sendung. Der Oberst Fischer kam, seine Ankunft war nicht zu verschweigen, was er aber brachte — den erwähnten Auftrag an den Reichsverweser — wollte und mochte man nicht kund geben. Wäre der Erzherzog entschlossen gewesen, auf das Ansinnen einzugehen, so hätte sich allenfalls davon reden lassen; allein da er sich zur Auflösung der National-Versammlung nicht hergeben wollte, so würde durch Bekanntwerden des Fischer'schen Auftrages das Odium gegen Preußen gemehrt worden sein. Darum sagte man, Fischer habe bloß den Auftrag, sich die Verhältnisse anzusehen. Es ist schwer zu glauben, daß Haym diesen

In Radowitz Denkschrift vom 27. November 1847 heißt es: »Es giebt kaum einen wahren und großen Fortschritt für Deutschland, wenn Oesterreich sich dem entzieht« — Oesterreich war aber entgegen gekommen und hatte beide Hände geboten — »nur im äußersten Falle darf die innigste Gemeinschaft mit dem alten Kaiserstaate momentan aufgegeben werden.« Man glaubte sie in Berlin jetzt aufgeben zu sollen, ohne daß ein äußerster Fall eingetreten gewesen wäre; Preußen ging einseitig voran, schroff auftretend in der Sache ob auch fein in der Form, Oesterreich bloßstellend — warum?

Sachverhalt nicht kennen sollte oder man hätte ein abermaliges Beispiel, wie sehr die Führer der Gagern'schen Partei die letztere über sehr wichtige, zu wissen sehr wichtige Dinge im Dunkeln ließen. Genug, Haym sagt in seinem Schlußbericht S. 157, er (der längst erwartete Kommissarius der Preußischen Regierung) brachte keine Abänderungsvorschläge. Und was brachte er denn? Im Preußischen Staatsanzeiger stand die Abberufungsordre der Preußischen Abgeordneten. Diese hatte er in der Tasche, diese und dazu den Auftrag, »sich die hiesigen Verhältnisse anzusehen». Nachdem man von Berlin aus den Reichsverweser zu bewegen gesucht, die National-Versammlung aufzulösen und dem Könige von Preußen die provisorische Centralgewalt zu übertragen, wurde dort die Behauptung aufgestellt, die letztere könne ohne die National-Versammlung nicht forteristiren und diese Behauptung wurde eine Grundlage der Politik des Preußischen Kabinets in der nächsten Zeit, und Beckerath, dem diese Dinge doch in ihrem Zusammenhange bekannt sein mußten, gab sich bald darauf dazu her, diese Preußische Doktrin in der zweiten Berliner Kammer auszuführen: abermals ein Beispiel, wozu Verfangenheit in falschen Ideen und mißverstandener Eifer auch Redliche und Wohlmeinende in dieser verwirrten Zeit brachten. Doch genug davon an dieser Stelle. Wir werden auf den Gegenstand zurückkommen müssen.

Die Preußische Cirkularnote vom 23. Januar.

Während die Verhandlungen mit Oesterreich im Gange waren, hatten sich in Berlin die verschiedenartigsten Einflüsse geltend zu machen gesucht. Der König war nicht mit dem Ministerium, dieses nach allem Anschein in sich selber nicht einig. Bei dem Könige und der altpreußischen Partei dominirten der Gedanke an das Recht und die Nothwendigkeit der Einigung mit Oesterreich und Abneigung gegen die Frankfurter Principien und Projekte. Von anderen Seiten war man diesen meisthin auch nicht sonderlich gewogen, wünschte aber, daß Frankfurt und die Gelegenheit benutzt werden möchten, wobei die Einen vielleicht mehr an Deutschland, die Andern gewiß mehr an Preußen dachten und Beide von der »Deutschen Sache,« von der »Einheit« sprachen. Durch diese »Deutsche« Partei einzuwirken und das Preußische Kabinet zu einem Entschlusse nach ihrem Sinne zu bestimmen, boten Mitglieder der Gagern'schen Partei zu Frankfurt alle Kräfte auf. Die Partei war zugleich übermüthig und verzagt. Indem sie Oesterrreich aufgegeben, auf den kleindeutschen Plan sich geworfen und zur Verwirklichung desselben diplomatisirend ein Spiel hinter den Koulissen begonnen, war sie freilich von dem Standpunkte der Souveränität der Nation weit zurückgetreten. Trotz dem hatte sie sich in der Omnipotenzidee seit Gagern's Schreiben an den Ausschuß vom 5. Ianuar erst wieder recht befestigt. Sie drängte zum Vollenden der Verfassung, um den widerstrebenden Regierungen eine fertige Thatsache entgegenzulegen. So bestimmt wie je nahm sie die Miene an, als werde man allenfalls durch Revolte Preußen zum »Bundesstaat,« zur Annahme der Kaiserwürde, die Mittelstaaten zur Unterwerfung nöthigen. Auf der anderen Seite drängte sich ihr aber auch das Gefühl auf, daß sie, daß die National-Versammlung keineswegs allmächtig sei, und man hörte sie daher in Einem Athem gegen die Vereinbarung und jeglichen dem alten Bunde ähnelnden Verfassungsplan, jede dahin zielende Einigung Preußens und Oesterreichs peroriren und Drohungen mit den Preußischen Bajonetten gegen Oesterreich, revolutionäre Drohungen gegen Preußen schrecklich zu hören ausstoßen und wehklagen: wir bringen nichts mehr zu Stande was Gewicht hat, wir richten uns selbst zu Grunde, nur die Regierungen können unserer Zerfahrenheit ein Ende machen und eine gemeinsame Richtung herbeiführen; der Plan, über welchen sie sich einigten, wäre der beste; es ist die höchste Gefahr im Verzuge und sie bleiben stumm! In diesem Sinne schrieb auch Raumer, als die Oberhauptsfrage vorgenommen wurde. Allein das waren schwache Stunden oder helle Augenblicke. Man wollte doch nun einmal den Bundesstaat mit dem Erbkaiser haben und darüber einigten sich die Regierungen sicher nicht. Oesterreich und Preußen unterhandelten. Gediehen diese Unterhandlungen zu einer Einigung der Deutschen Großmächte, so konnte aus dem Verfassungsprojekt der Kaiserpartei nichts werden, der also Alles daran gelegen sein mußte, Preußen und insbesondere den König zu gewinnen, jene Unterhandlungen zu vereiteln. Viele nahmen als gewiß an, daß sich Camphausen nach Berlin begeben, um in diesem Sinne zu wirken, obschon er mit der Gagern'schen Partei und deren Ideen und Tendenzen keineswegs völlig einverstanden war. Sobald Palmerston vernommen, daß eine Einigung zwischen Preußen und Oesterreich im Werke sei, mußte auch Bunsen in Berlin erscheinen, um desto nachdrücklicher persönlich auf den König einzuwirken *). Selbst in der National - Ver*) Ich weiß nicht, ob es richtig ist, daß Palmerston noch besondere Unter» händler nach Berlin schickte. Im Englischen Interesse lag es, daß der Preußische »engere Bund«, den er und die Gagern'sche Partei betrieben, von der Donau und dem Adriatischen Meere abgeschnitten, sich im Norden nicht zu weit ausdehne. Man wollte Palmerston's Einwirken darin erkennen, daß die Preußische Note vom 23. Januar das Deutsche Gebiet der Niederlande und Dänemarks vom engeren Bunde ausschloß.—Preußen wurde zur Gründung eines solchen und zur Annahme des Kaiser

sammlung war bei der zweiten Lesung die Oberhauptserblichkeit schwer durchzusetzen, wenn man bis dahin keine zustimmende Erklärung aus Berlin hatte. So wie man schon bei der ersten Lesung auf die Abstimmungen durch die Versicherung einzuwirken gesucht, daß Camphausen's Mission Erfolg habe, daß eine Note nach Wunsch unterwegs sei, ebenso drängte man in Berlin zum Erlaß einer solchen durch die Versicherung, in Frankfurt werde die Erblichkeit votirt sein, wenn dieselbe anlange. Die »Cirkularnote an die Preußischen, bei den Deutschen Regierungen beglaubigten Missionen,« von welcher jetzt ausführlicher die Rede sein wird, wurde eben am 23. unterzeichnet, indem man dabei mit Bestimmtheit annahm, daß es geschehen werde. Aus dem kaiserlichen Lager in Frankfurt war das Votum für die Erblichkeit als unfehlbar bevorstehend so wiederholt und mit so genauen Stimmberechnungen in Berlin angekündigt, daß man dort fest daran glaubte und einzelnen Berichten entgegengesetzten Inhalts, woran es auch nicht mangelte, allen Glauben versagte. Eine Stimmberechnung, welche einem von diesen Berichten beigelegt war, wurde in Berlin belä' chelt und erwies sich bis auf eine Differenz von drei oder vier Stimmen vollkommen zutreffend. Von der anderen Seite hatte man hinzugefügt, daß die National-Versammlung zuverlässig und schlechterdings von ihrem Verfassungsplane nicht zurücktreten werde, und daß also die ärgsten Zerrüttungen bevorständen, wenn Preußen darin nicht eingehe. So eigensinnig und eigensüchtig war freilich nur die Kaiserpartei. Indeß benutzte sie mit Glück ihren Eigensinn, die Drohung mit demselben, die Unterstellung, als sei eben sie die National Versammlung und ihre Meinung die Meinung des Deutschen Volkes. Es war nur richtig, daß ohne ihre Mitwirkung nichts Gescheidtes und Gemeinsames in Frankfurt zu Stande kommen konnte, und sie sagte »ut t!ae»»r »ut ninil; es war nur richtig, daß ein Theil des Deutschen Volkes die zu erstrebende Einheit einzig in der Form des Erbkaiserthums und in jedem nicht-unitarischen Verfassungsplane Rückkehr zum alten Bunde erblickte, daß im Allgemeinen unbegnügsame und überspannte Ideen

thums ermuntert und angetrieben, im Jahre 1806 von Frankreich durch Talleyrand, jetzt von England durch Palmerston. Napoleon hatte es bei seinen Einladungen nicht ehrlich gemeint. Ob Preußen nöthigen Falls thätliche Hülfe von England zu erwarten gehabt haben würde, möchte sehr zweifelhaft sein.

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