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von Schimmelmann mußte immer wieder ihre spitze Nase mißbilligend aus der zweiten Etage stecken.

Nun war der Ernst des Lebens gekommen. Rudolf hatte sich selbst befreit. Und er hatte ein anderes Schicksal mit dem seinen verbunden. Das war es, was Erna glühend begriff, was Hermann, der nur den Mannesweg sah, erschrocken von sich wies. So blieb der Druck auf beiden. Sie saßen sich auf der Galerie gegenüber, sie empfanden dasselbe und blieben doch swmm und fremd. Es rauschte herbstlich in den mächtigen Lindenbäumen. Der Wetterhahn auf dem Dach der Belowschen Ecke funkelte in der Sonne, und die schwere Haustür fiel murrend ins Schloß.

Erna entschied sich eines Abends, als sie ihr seltsames Traumspiel wieder aufnahm, nackt, mit einem indischen Schal umgürtet, vor dem Spiegel zu stehen und selbsterfundene Tanzbewegungen auszuführen — an diesem Abend entschied sie sich für Rudi. Er mußte recht haben. Kümmerte man sich denn um sie, was in ihr gärte und nach Entfaltung schrie? Sie kannte Martha Wünschel nicht. Aber ihr Bruder liebte sie, und das Mädchen hatte, um ihn zu retten, ihren eigenen Vater bestohlen. Man fragte im Belowschen Hause zu wenig nach den Motiven. Man warf die Freiheitsdurstigen rasch zu den Verbrechern. Man war so erhaben, weil man nie etwas wagte. Wieder schritt Erna mit trotzigem Munde ihrer jungen Schönheit froh an dem Spiegel vorüber. Sie wußte genau, was sie für einen Reichtum besaß. Das hatte auch Rudi gewußt. Mußte die Geliebte nicht alles für ihn opfern? Ach, Leidenschaft — die ganze Welt war voll davon. Nur bei diesen Uhrmacherseelen nicht. Hier ging alles seinen schweren, selbstsüchtigen Gang. Bis auch die anderen aus dem Geleise sprangen. Sie und Hermann. Die Eltern sollten sich in acht nehmen.

Erna hatte von Kindheit auf den leidenschaftlichen Drang zu tanzen. Herr Golmick, dessen Unterricht sie als kleines Mädchen, glatt frisiert, mit halblangem Rock, besucht hatte, ahnte schon den merkwürdigen Schmetterling in der unscheinbaren Puppe. Ernas Bewegungen waren von völlig anderer Rasse, als sie den Sprößlingen eines Schuhmachermeisters oder eines Regierungsrates zu Gebot standen. Sie wußte schon als Kind im Tanze ihre Empfindungen auszudrücken. Ihr Körper war von wunderbarem Ebenmaß, ein wahrer Menschenfrühling. Wenn dieses feine, kecke Gesichtchen, diese großen, braunen Augen den Zauber der Reife bekamen — aber lange wußte Erna nichts von ihrem Beruf. Erst als sie ein Gastspiel des russischen Hofballetts im Opernhause sah, war alles für sie entschieden. Sie stahl sich mit Rudolf in den Wintergarten und beobachtete die Otero. Nun hatte ihre Eigenart ein Borbild. Die Eltern fanden ein gerührtes Vergnügen daran, als ihr Kind sich zu Hause als Tänzerin produzierte. Sie ließen es sogar Bekannte sehen und hörten geschmeichelt, ohne ihre Skepsis aufzugeben, die Lobeserhebungen. Der Gedanke an eine BallettZukunft ihrer Tochter lag Belows ebenso fern wie an die geschminkten Mädchen, die jede Nacht in ihre Fenster starrten. Sie waren mit Signora Baltazzi, dem Ehrenmitglied des königlichen Balletts, befreundet, aber es fiel ihnen nicht ein, diese Kapazität nach Ernas Talent zu befragen.

Doch an dem Abend, da die Siebzehnjährige, den indischen Schal um ihren nackten Körper geschlungen, vor dem Spiegel stand und sich für Rudolf entschied, tauchte auch das Bild der alten, bespöttelten Künstlerin vor ihr auf, und sie wußte plötzlich, daß ihr dort die Rettung winkte. Signora Baltazzi hatte so viele Schülerinnen, aus ihrer Lehre waren berühmte Tänzerinnen hervorgegangen — zu ihr wollte Erna gehen, ohne die Eltern zu fragen. Das Spiegelbild nickte und lockte, fremdartig schön, die Kerzenflammen flackerten. Ietzt wußte Erna, daß sie nicht gefangen blieb.

Die alte Italienerin in ihrem muffig niedlichen Heim, wo alles mit vergilbten Zeichen des Ruhmes behängt war, mußte sich erst von ihrem Staunen erholen, als eine Tochter der Belowschen Ecke in stammelnder Leidenschaft vor ihr stand und um Unterricht bat. Sie pflegte bei Gemütsbewegungen zu ihren beiden Schutzpatronen aufzublicken, deren Bilder an der Wand ihres Salons hingen. Der eine war Kaiser Wilhelm der Erste, welcher der bewunderten Tänzerin sein Porträt mit Unterschrift verehrt hatte, der andere Paul Taglioni, ihr verstorbener Freund und Kollege. Aber das eigene, noch nicht erloschene Temperament spürte das aufflammende des jungen Wssens: sie ließ sich zeigen, was Erna konnte. Eine wunderliche Stunde für die alte, königlich preußische Schönheitspriesterin. So wuchs auch an der Spree, was sie nur im seligen Süden gewußt hatte? Die Granzow war kein größeres Talent gewesen als Erna Below, und Erna konnte eine Dell' Era ausstechen. Ihr siebzehnjähriger Körper war ein gewaltiges Kapital. Signora Baltazzi unterrichtete Erna und hoffte, dem geliebten Opernhause ein schönes Erbe zu hinterlassen. Peinlich war es nur, das Flehen der Belowtochter, daß vor den Eltern alles geheim bleiben müsse. Aber die Angst des armen Kindes war zu überzeugend. Es ließ sich machen, und die Folgen des Komplotts nahm die schlaue Alte auf sich. Nun lernte Erna. Nun rang sich die junge Grazie aus ihr heraus, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Es waren selige Stunden bei Signora Baltazzi.

Hermann spürte der Schwester nicht nach. Er war froh, wenn man ihn sich selbst überließ. Das Verhalten seines Vaters hatte ihn von früh darin bestärkt. Es lag etwas in Hermanns Wesen, was Below achten, aber nicht lieben konnte. Ein Insichhineinblicken, eine Verschlossenheit, die lieber eigene Wege ging, als das Vertrauen anderer zu suchen. Hermanns gute Leistungen in der Schule kamen nicht aus seinem Ehrgeiz, sondern aus dem Bedürfnis, zu Hause wohltätige Ruhe zu finden. Man sollte mit ihm zufrieden sein, um ihn nicht in seiner Welt zu stören. Es war kein kindliches Kind, das da heranwuchs. In der schweren Weindunstatmosphäre der Belowschen Ecke eine blaffe Höhenpflanze, die nichts von den Zauberfässern des Alkohols wissen wollte. Bei diesem Sohn war es von vornherein ausgeschlossen, daß ein Erbe der Firma in ihm entstand. Below drängte ihn erst gar nicht in seinen Beruf hinein. Er wußte, daß Hermann studieren würde. Entweder Musik — das mochte sein unermüdliches Geigenspiel bedeuten — oder auch Ius, das Fach aller wissenschaftlichen Belows. Freundlich und gleichgültig sah Ioachim Friedrich auf fein jüngstes Kind — so wie man einen fremdartigen, aber sicherlich anständigen Menschen betrachtet. Das Moralische, das Rudolf verloren hatte, verstand sich bei Hermann von selbst. In der Mutter aber keimte die Hoffnung eines besonderen Zukunftstraumes für ihren Iüngsten. Was Below zurückschreckte, zog sie mit sanften Händen zu sich heran. Es lebte ein Stolz in ihr auf Hermann, dessen Herkunft die einfache Frau sich nicht erklären konnte. Sie sah nichts Bestimmtes, keinen Helden der Zukunft in ihm — sie wußte nur, daß er nicht bei den Weinfässern bleiben würde. Wenn Frau Below daran dachte, wurde es

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