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Objectivbegriffe, von deren Abbild in uns der Begriff gemacht wurde, sondern nur die sogenannten Merkmale, z. B. Neid ist die mißgönnende Unzufriedenheit über da« Glück Anderer mit der Begierde, dieses Glück selbst zu besitzen.

Dieser Satz heißt Begriffserklärung. Das, was man von dem „Neide" aussagt, ist der Begriff in Urtheilsform. Die einzelnen Theile dieses Begriffs nennt man die Merkmale, sämmtliche Merkmale nennt man den Inhalt, und letzteren endlich nennt man auch „Stoff". Stoff ist hiernach der Begriff selbst, der hier die Satzform ausfüllt. Es ist überflüssig, die schon genug bezeichneten Dinge noch „Stoff" zu nennen; es wird dadurch Nichts klarer. Es geschieht aber Solches, weil man den angewöhnten Ausdruck „Form" gebraucht und für die „Form" auch einen „Stoff" haben will.

Jetzt lassen sich an den geschaffenen Dingen nicht mehr die Materie und der Begriff unterscheiden. Anders ist dies bei den Erfindungen der Menschen. Hier dient der sogenannte Stoff als Mittel, um einen Begriff zu verwirklichen, und der Stoff erscheint hier als Träger und gleichsam als das Gerüst für den ausgeführten Begriff, z. B.

da» Holz in Bezug auf den Begriff „Stuhl".

Inhalt, Merkmal und Stoff sind gleichbedeutend, und sie sind der Begriff selbst. Dieser ist eine Sache in uns und außer uns, und für uns hat derselbe außerdem noch die Bedeutung einer Ueberschrift zu einem Fachwerke, in welchem die Arten stehen. „Stoff" ist nur ein populärer Ausdruck. An die Stelle des „Stoffs" tritt der Thatbestand, das Gegebene, das einen Eindruck auf uns macht, in Folge dessen ein Bild in uns entsteht, welches wir fassen. Die Objectivbegriffe der Dinge sind der ehemalige „Stoff". — Wenn man von philosophischem, politischem :c. Stoffe spricht und also fertige Geistesproducte „Stoff" nennt, so ist dies vieldeutig gesprochen und solcher Stoff bezieht sich theils auf die Begriffe oder auf die Wissenssumme im Sinne einer Waare, theils auf den hinter den Begriffen liegenden Thatbestand. Man gebraucht auch das Wort „Denkobject". Ein solches kann auch ein fertiger Begriff sein, der dann sein ihm entsprechendes Bild in uns wach ruft und uns somit zu dem Thatbestande hinführt.

Wenn demnach alle Ausdrücke, wie: Materie, Stoff, Denk80 k, 83, Der dem Begriffe zum Grunde liegende Thatbestand,

gegenständ, Vorstcllungsmasse zc. als zu unbestimmt wegfallen, so bleiben übrig: der Begriff und der ihm zum Grunde liegende Objectivbe griff oder Thatbestand.

§. 93. Der dem Begriffe zum Grunde liegende Thatbestand.

Alles menschliche Denken muß einen körperlichen Ausgang und Anfang und eine im Menschen abgebildete Ursache haben. Dies ist der Grundpfeiler alles Wissens. Alles, was wir denken, muß sich auf Etwas beziehen, was in dem beseelten Gehirne einen Eindruck erzeugte, und auf ein solches müssen wir auch da zurückgehen, wo wir die Gedanken Anderer blos nach—denken. Diese Lehre gilt gleichfalls für die Offcnbarungswissenschaften; denn es wird nur das geglaubt, was einem Glaubwürdigen von einer Existenz zum Bewußtsein kam. Nur mit dem Bilde von einem wirklichen Begriffe beginnt das Denken. Der Objectivbegriff ist unser Halt. Ohne den Thatbestand erzeugt das Denken nur Unwahres. Mithin hat alles Das für uns keine Existenz, was nicht als geistiges Abbild eines wirklichen Dinges einem Menschen vor die Seele geführt wurde. Was irgend eines Menschen Seele vermittelst seiner Nerven berührte, das ist der sogenannte „Denkstoff", der Arbeitsgcgenstand für die Erkenntnißthätigkeit.

Wir sollen also keinen Begriff haben, der nicht auf ein Etwas zurückgeführt werden kann, das sich in irgend eines Menschen Seele abbildete und bereits ein Begriff war.— Die in uns stattfindende Abbildung eines bloßen Geschehens ist nicht so genügend, als die Abbildung des Begriffes selbst, welcher das Machende von dem Geschehen ist.

§. 94. Die bisherigen Arten des Denkstoffs.

Man unterschied in Bezug auf ihren Ursprung folgende Denkstoffe: empirische, die durch die Sinne zu uns gelangen, wie die Gegenstände der Naturwissenschaften, — und Begriffe auf Grund solcher Stoffe nennt man empirische oder sinnliche Begriffe; ferner mathematische Denkobjecte, — und Begriffe von solchen Stoffen heißen mathematische, und endlich philosophische, moralische und ästhetische Stoffe mit den von ihnen gewonnenen philosophischen, moralischen und ästhetischen Begriffen, z. B. Kraft, Raum, Zeit, wahr, schön zc.; — auch

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nennt man die Begriffe dieser letzteren Art „intellektuelle oder Verstandes- oder Vernunftbcgriffe", um wenigstens für sie auch einen gemeinsamen Ausdruck zu haben. Diese Eintheilung der Denkstoffe ist erkünstelt und unrichtig. Alles Denken und Wissen ist nur einerlei Art, ein sogenanntes empirisches, und unsere Begriffe sind sämmtlich empirische, d. h. sie sind Übersetzungen bereits vorhandener und nur durch die Erfahrung zum Bewußtsein des Menschen gelangter Objectivbcgriffe. Der Gott unsrer Religion war der Erfahrungsgegenstand seines Sohnes. Wir selbst sind der Erfahrungsgegenstand für unsere sogenannten philosophischen Begriffe. Die Mathematik enthält die Erfahrungsbegriffe, welche wir in Figur und Zahl zusammenfassen. Und die gesammte Außenwelt, die dem Selbstbewußtsein der Seele gegenüber steht, ist der Erfahrungsgegenstand für die naturwissenschaftlichen Begriffe. Damit aber das unterschieden werde, was die Menschen nicht selbst unmittelbar erfahren können, so werden blos die Offenbarungsgegenstände von den, dem Menschen zugänglichen, Erfahrungsgegenständcn abgesondert.

§. 9S. Die Neberschötznng der mathematischen Begriffe.

Man hat gesagt, daß die mathematischen Begriffe der größten Schärfe fähig sind. Dies will nicht viel heißen. Denn diese Begriffe enthalten nicht viel und sie enthalten nur Einförmiges. Die „Zahl" ist der Begriff von der Menge der uns gewordenen Eindrücke. Die „Eins" z. B. drückt aus, daß es bei dem Eindrucke, den wir erhalten haben, verblieben und kein anderer nachgefolgt ist, und es will Solches also nicht viel besagen. Auf dem Wege der Forschung muß für alle Begriffe eine gleiche Schärfe wenigstens angestrebt werden, und man muß daher die Meinung nicht unterhalten, daß die mathematischen Begriffe an sich bevorzugte Gebilde unseres Geistes seien.

§. 96. Gegebene und gemachte Begriffe.

Man unterschied früher gegebene und gemachte Begriffe. Die Begriffe von geschaffenen Dingen, z. B. Stein, Pflanze, Thier, hießen „gegebene" Begriffe. Hingegen die Begriffe von einem menschlichen Kunstproducte, z. B. Tisch, Stuhl, Haus, hießen „gemachte" Begriffe. Dieser Unterschied wird nicht mehr

Hsxxe, «ogil, 6

82 §. 97. Das Erfinden. Z. 9S. Die Lchrc von den Denkstoffen ,c.

berücksichtigt, aber er muß festgehalten werden. Es liegt in den gemachten Begriffen der Begriff des Ersindcns und des menschlichen Machens angedeutet. Der Mensch kann jedoch nur durch Benutzung der gegebenen Begriffe Etwas machen.

tz. 97. DaS Erfinden.

„Finden" drückt die Bewegung der Seele beim Gewahrwerden eine« Bilde« in ihr aus, und die Vorsilbe „er" bezeichnet die Richtung. „Erfinden" heißt: auffinde», befinden und namentlich herausfinden. Beim Erfinden muß man begrifsbildend an den Dingen Etwas erkennen oder gar entdecken und aus de»^ hierbei gewonnenen Begriffe Etwas herausnehmen. Es ist dies, wie bei jedem Denken. Erst muß man einen Begriff haben, und dann kann man ihn gebrauchen. Der Unterschied bezieht sich nur darauf, ob Etwa« zum ersten Male geschieht oder blos eine wissentliche Nachahmung eines Bekannten ist. Man sagt: „erfinden" ist: durch Nachdenken oder Versuche etwas bisher Nichtvorhandcnes hervorbringen. Dies Hervorbringen ist bereits oben (s- 69) gedeutet. Der Mensch bringt nur an's Tages Licht, was bereits vor» Händen ist oder dessen Existenz doch in den Dingen vorgesehen liegt. Indem der Mensch ein Merkmal hervorzieht, so findet er eS auf oder so entdeckt er eine Eigenschaft, und diese kann er dann benutzen. Wenn er nun diese oder auch eine längst bekannte Eigenschaft (— Begriff) in einer noch nie geschehenen Weise in einen anderen Begriff stellt, so verbindet er zwei Begriffe zu einer Begriffszusammensetzung und Einheit, die vorher in der Wirklichkeit nicht eristirte. Und ein solches von den Menschen zuerst vorgenommenes Begriffs» verbinden zu einer vorher nicht bestandenen Einheit ist das Erfinden. Wenn dann der Mensch an die Stelle der Begriffe die entsprechenden Gegenstände (die Bcgriffsträgcr) setzt, so verwirklicht er die Erfindung und führt sie aus. Beides fällt häufig in einen Act zusammen. Das Product steht dann vor uns als: Tisch, Stuhl, Bleifcder, Brille ,c. Von diesen Dingen endlich entstehen wieder Bilder in der Seele, die gefaßt werden und dann die Wcscichcilöbcgrifse jener Dinge sind. — Das Entdecken ist das Auffinden eines Unbekannten (Begriffs oder Dinges). Da« Erfinden ist da« vorher nicht stattgefundene Zusammensetzen de« Gegebenen. Beim Ersin» den müssen die Begriffe oder Dinge nöthigenfalls entdeckt werden- Auch die Thiere entdecken und erfinden, und die sogenannte Natur macht neue Zusam» mcnsctzungen aus Gegebenem. Gott aber erschuf, weit er die menschliche Mühe beim Denken nicht hat uno Nichts vorsand.

ß. 98. Die Lehre von den Denkstoffen in Bezug aus die Gewinnung des Begriffs von einem einzelnen Objekte.

Welcher ursächliche „Stoff" zum Denken auch vorliege, das Verfahren bei der Begriffsbildung bleibt überall dasselbe. Die Lehre vom Weglassen des Ungleichen, vom Hervorheben dessen, §. SS. Puuct u. Linie als mathematische Beispiele des AbstractionsverfahrenS. 83

was in der Vielheit eines Dinges als gleich erscheine, und von der Synthese dieser gleichen Punkte („die eine neue Einheit und gleichsam die höhere Potenz gegen die Individuen bilden", Bachmann S. 84) wird anschaulich genug widerlegt. Den Begriff „Dreieck" kann man von einem einzigen Dreiecke gewinnen. Wer als Gattungsbegriff wird dieser Begriff nachträglich eine Ein« heit der gesammten Vielheit von Dreiecken. Ebenso können wir die Begriffe „schön", „gut", „treu" «. von einem einzigen Objccte oder Falle bilden, und nur bei den Naturprodukten ist Solches noch schwer. Es kommt immer nur darauf an, daß der genügende Eindruck, der in uns das Bild erzeugt, entstehe. Aber bald sind wir nicht im Zustande, den gerade gegebenen Eindruck genügend zu empfangen, bald giebt ihn das Object nicht befriedigend, und wir bedürfen daher blos dieser Umstände wegen mehrerer Fälle, gleichsam zu Einzelstudien, zur Vervollständigung des Bildes, wobei obendrein Zeit vergeht, die dem Geiste zum Entstehen und Fasten des Bildes sehr zu Statten kommt; überdies verleiht uns das wiederholte Entstehen desselben Eindrucks auch Muth und Sicherheit. Dies erkannte man aber nicht und meinte daher, daß man den Begriff von vielen Objecten oder Fällen durch Zusammenfassen gewinne, während wir ihn nur von dem Objectivbegriffe eines Gegenstandes, oder von den an mehreren Gegenständen aufgesuchten Einzelnheiten dieses Objectivbegriffes, die wir zu einem Bilde zusammensetzen, uns erwerben. Erst nachträglich mit der Ordnung der Begriffe und der genaueren Durchforschung des Besonderen beginnt die Ausbeutung der Vielheit und deren Zusammenfassung in Oberbegriffe. Wo freilich das Begriffsbilden noch unvollkommen ist, wie bei den organischen Wesen, da hilft mm sich auf beiderlei Weise; dies aber ist kein Musterverfahren.

Z. 99. Puukt und Linie als mathematische Beispiele des AbstractionsverfahrenS.

Punkt und Linie behalten, wenn man erstercn auch noch so klein und letztere noch so schmal denkt, eine gewisse Breite und fallen dann in den Be« griff „Fläche". Nun heißt es: „man muß hier von den Sinnbildern ganz abftrahiren und sich in die intelligible Region der reinen Anschauung erheben" :c. ^Bochmann, S. 3S), und man soll also abftrahiren, bis von Punkt und Linie alle Fläche weggedacht ist! Diese« unbegrifsliche Verfahren ist ein leuchtendes Beispiel von de» Folgen des unrichtig gelehrten Vorganges bei der Begriffs«

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