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Die letzten Zuckungen römischen Lebens, das endliche Stillstehen des mächtigen Pulsschlages und der unmittelbare Uebergang in die germanische Weltgestaltung, mit Betrachtung aller Zustände im öffentlichen und häuslichen Leben, im Staate und der Kirche, in der Kunst und Literatur, durchzogen von den Gefühlen und Empfindungen eines theilnehmenden Herzens, bildeten den Inhalt der Schrift: Cajus Sollius Apollinaris Sidonius und seine Zeit. Die Hauptquelle zu den mannichfachsten und ansprechendsten Schilderungen gaben die Werke des genannten Mannes ab, der, ein Mann von Kopf und Herz, rührig und kräftig, theils mit unter den ersten Personen auf der buntbewegten Schaubühne handelte, theils den bedeutenderen Rollen nicht ferne stand, und niemals, ein blos passiver Zuschauer, den Ereignissen ohne die tiefste Aufregung folgte. Wer sollte ihm nicht gern zuhören, ob er seine Reise über die Alpen und die Zustände der Hauptstadt in den Herrschern und Grossen, oder das Treiben und Trachten der Barbaren, die Einquartierung der Burgunder unter seinem Dache, oder den Hof und die Macht des westgothischen Königs schildert; ob er uns auf sein Erbgut vom Kaiser Avitus, oder in die muntere Gesellschaft und auf die Landhäuser der Edelleute, in die Basiliken oder die Büsserzelle führt; ob er vorübergerauschte Volk erstürme vergegenwärtigt, oder Noth und Kampf von heute malt; ob er von alter Römergrösse träumt, oder ein Jeremias über Ruinen klagt: immer ist sein Wort, ob eigen und überschwenglich, doch lebensvoll, inhaltsreich und ausgiebig. Die Strahlen seiner Mittheilungen beleuchten übrigens in der letzten Zeit zumeist nur die Zustände und Vorgänge in Gallien. Aber die Alpen hinüber reichen sie nicht mehr. Kein Laut bei ihm über die Ereignisse, welche Odoacer an die Spitze Italiens brachten, oder über diesen König selbst. Die Lücke zu füllen und unsere Betrachtung allseitig zu Ende zu führen, sehen wir uns nach einem ähnlichen Führer und gewissermassen nach einem zweiten Sidonius unter den italischen Zeitgenossen um. Aber dasselbe wiederholt sich nicht zum zweiten Male: wir hören keine Stimme aus diesen Tagen und am allerwenigsten die eiues Mannes, der sich rühmen könnte, ein grosser Theil der Geschichte selbst gewesen zu seyn. Der Einzige, an den wir uns wenden können, ist Ennodius, Bischof von Ticinum (Pavia), der, ein namhafter Redekünstler und Dichter seiner Zeit, durch sein Wirken auf geistlichem Felde nicht allein als Heiliger einen Namen im Buche des Lebens, sondern auch in den losen Blättern der Geschichte gefunden hat, aber sein ganzes Leben von der grossen Bühne der Welthandel fern geblieben ist, obschon in näherer Verbindung, ja selbst Verwandtschaft mit den einflussreichsten und berühmtesten Personen, und darum jedenfalls der Aufmerksamkeit werth. Geboren um 473, gestorben 521, lag er beinahe noch in der Wiege, als dem langen Tage der römischen Herrschaft die Mitternachtsstunde schlug, und er war kaum zum rechten Selbstbewusstsein und zu reiferem Urtheile herangewachsen, als der neue Machthaber dem Arme eines Gewaltigeren erlag, und mit Theodorichs Erscheinen in Italien sich bald die Verwirrung in Ordnung, der ewige Krieg in langen Frieden sich umwandelte. In diesen glücklichen Tagen, wo unter dem Schirme seines »Herrn und Königs« der Wohlstand und die Freiheit, wie sie Ennodius kennt und nennt, fast ununterbrochen blühte und blutiger Streit nur da fühlbar störte, wo man es am wenigsten erwarten möchte, in der Kirche, sind die noch vorhandenen Schriftwerke des Heiligen geschrieben worden. Da erwartet man denn kaum etwas Anderes als gerade aus jener Zeit, die zunächst uns beschäftigt, der eigenen Erlebnisse wenige, und diese in verwischter Erinnerung und allenfalls einen Nachhall der Berichte Anderer. Doch glücklicher Weise ist auch das, was er aus dem Munde Anderer hat, für eben so wahr als bedeutsam zu halten. Denn in die Zeit der Auflösung des Kaiserreiches fällt das Leben des heiligen Epiphanius, des Bischofs von Pavia, der eine wohlthuende Erscheinung in der Weltgeschichte, bald zwischen dem Beichsoberhaupte und seinem ersten Unterthan, bald zwischen Ost- und Westgothen, bald auch zwischen seinen Landsleuten und ihrem neuen Fürsten vermittelte. So kann die inhaltreiche Lebensgeschichte dieses Mannes vielfach uns über die eitereZignisse aufklären. In ihr hat Ennodius sich und jenem christlichen Oberhirten ein rühmliches Denkmal gesetzt; und wenn Tacitus Schwiegervater Agricola, von dem Eidam verewigt, auch in Folge der Pietät des Schriftstellers selbt gemüthlich anregt; so scheiden wir hier von den Beiden um so zufriedener, da wir dem Feldherrn auf seinen Unterjochungszügen freier Völker mit Widerstreben, dagegen den friedlichen Expeditionen des Boten Gottes überall hin mit voller Hingebung des Herzens folgen, und mit einstimmend in das Lob des Erzählers auch die fromme Ergebenheit an seinen geistlichen Vater nicht ohne Rührung gewahren. Auch die leichtere uud gefälligere Darstellung empfiehlt dieses Werk vor den übrigen Erzeugnissen des Verfassers. Neben diese Biographie stellt sich, obschon in der Form weit minder ansprechend, der Panegyricus auf den Ostgothenkönig Theodorich, den Grossen, die fast einzige Quelle aus der Zeit für die äussere Geschichte der Regierung dieses ausserordentlichen Mannes. Man hat angefangen die Urkunden für die deutsche Geschichte uns zu übersetzen. Warum legen wir diese Rede zurück? Sie mag so gut oder so schlecht geschrieben seyn, als sie will, wir werden doch unser Ohr einem Römer leihen, der uns einen deutschen König preist in aller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit seines Herzens? Er thut es wenigstens nach bestem Wissen und Gewissen. Fehlt Bestimmtheit in dem Gange der Ereignisse und scharfe Auffassung der Bilder im Einzelnen, herrscht im Gegentheil viel Unklarheit und Verschwommenheit; so hat die Rede doch auch viel Ueberraschendes, Kräftiges und Eigentümliches oder nur damals Gewachsenes und demnach Charakteristisches für die Zeit. — Merkwürdig, ob auch für unsere Zwecke weniger von Belang, ist der Apologeticus pro Synodo, worin er für den Papst Symmachus oder vielmehr für die vierte Synode unter demselben, durch welche der Papst von den Anschuldigungen der Laurentinischen Partei freigesprochen wurde, so nachdrücklich in die Schranken trat, dass die Synode im nächsten Jahre (503) sich ganz dieser Verteidigungsschrift anschloss und sie

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